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Autor Rushdie bei Messerangriff schwer verletzt: Mordanklage gegen 24-Jährigen

Langsam wird mehr bekannt über den Mann, der einen Anschlag auf den Schriftsteller Salman Rushdie verübt hat: Er habe im Internet Interesse für die iranischen Revolutionsgarden gezeigt, heißt es. Gegen wird nun Anklage wegen versuchten Mordes erhoben. Während der Westen entsetzt über den Angriff ist, zeigt sich der Iran „erfreut".

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Der 75-jährige Schriftsteller ist mit einem Hubschrauber in ein nahe gelegenes Krankenhaus gebracht worden.
© HANDOUT

New York – Eigentlich wollte der Schriftsteller Salman Rushdie am Freitag in den USA über verfolgte Künstler sprechen. Doch plötzlich wird er genau dort, auf offener Bühne, zum Opfer eines brutalen Angriffs. Ein 24-Jähriger sticht in dem Ort Chautauqua im Westen des Bundesstaates New York mehrmals auf den 75-Jährigen ein und verletzt ihn schwer. Rushdie wird in ein Krankenhaus gebracht, operiert und seinem Manager Andrew Wylie zufolge an ein Beatmungsgerät angeschlossen.

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Neue Informationen zu seinem Zustand gab es am frühen Samstag zunächst nicht. Der Polizei zufolge wurde Rushdie mindestens einmal in den Hals und den Bauch gestochen. Der 75-Jährige wurde mit einem Hubschrauber in ein örtliches Krankenhaus gebracht. Er könne nicht sprechen und werde wahrscheinlich ein Auge verlieren, schrieb Wylie nach Angaben der New York Times. Nervenstränge in seinem Arm seien durchtrennt und seine Leber beschädigt worden. „Die Nachrichten sind nicht gut."

Rushdie wurde nach dem Attentat notoperiert und an ein Beatmungsgerät angeschlossen.
© imago

Verdächtiger wegen Mordversuchs angeklagt

Der bei der Diskussion anwesende Politikprofessor Carl LeVan sagte der Nachrichtenagentur AFP, der Angreifer sei auf die Bühne gerannt und habe offenbar in Tötungsabsicht „wiederholt und brutal" auf Rushdie eingestochen.

Der mutmaßliche Angreifer soll aus Fairfield im nahe New York gelegenen Bundesstaat New Jersey stammen und allein gehandelt haben, hieß es von der Polizei. Ob die Messerattacke im Zusammenhang mit der jahrzehntealten Fatwa steht, blieb zunächst offen. Das Motiv des festgenommenen Mannes aus New Jersey ist laut Polizeiangaben weiterhin unklar. Er wird aber wegen versuchten Mordes und Körperverletzung angeklagt, teilte der Bezirksstaatsanwalt von Chautauqua County, Jason Schmidt, am Samstag mit. Er sei in Untersuchungshaft genommen worden, ohne dass derzeit eine Möglichkeit zur Freilassung gegen Kaution besteht. .

Nach einem US-Medienbericht soll der Verdächtige Sympathien für die iranischen Revolutionsgarden gehegt haben. Seine Familie stammt offenbar aus einem Dorf im Süden des Libanon. Nach Angaben eines AFP-Reporters in dem Ort Yarun sollen die Eltern geschieden sein. Der Vater lebt nach wie vor dort, Kontakt zu Journalisten lehnte er aber ab. Der Dorfvorsteher sagte, der Verdächtige sei „in den USA geboren und aufgewachsen".

📽️​ Video | ORF-Korrespondentin Inka Pieh zu Rushdie-Attentat:

Per Fatwa zum Tode verurteilt

Rushdie war vor mehr als 30 Jahren per Fatwa zum Tode verurteilt worden. Wegen seines Werks „Die satanischen Verse" („Satanic Verses") aus dem Jahr 1988 hatte der damalige iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini das religiöse Rechtsdokument veröffentlicht, das zur Tötung des Autors aufforderte. Khomeini warf Rushdie vor, in seinem Roman den Islam, den Propheten und den Koran beleidigt zu haben.

Der Fatwa folgte damals eine dramatische Flucht Rushdies und zeitweise jahrelanges Verstecken, um dem Todesurteil zu entkommen. Seit mehr als 20 Jahren lebt er nun in New York.

Die Tat geschah nun bei einer Vorlesung Rushdies in der sogenannten Chautauqua Institution, einem Erziehungs- und Kulturzentrum in einem ländlichen Gebiet des Bundesstaates. Die Veranstaltung habe im Rahmen einer Serie unter dem Titel „Mehr als Schutz" („More than Shelter") stattgefunden, bei der über die USA als Zufluchtsort für Schriftsteller im Exil und über die Verfolgung von Künstlern diskutiert werden sollte.

Zur Person: Salman Rushdie

Geboren wurde Rushie im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 in der Metropole Mumbai (damals Bombay). Er studierte später Geschichte am King's College in Cambridge. Seinen Durchbruch als Autor hatte er mit dem Buch „Mitternachtskinder" („Midnight's Children"), das 1981 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet wurde.

Rushdie veröffentlichte mehr als zwei Dutzend Romane, Sachbücher und andere Schriften. Sein Stil wird als Magischer Realismus bezeichnet, in dem sich realistische mit fantastischen Ereignissen verweben. Dennoch sieht er sich unbedingt der Wahrheit verpflichtet.

Diese sieht er zunehmend in Gefahr, was auch im Zentrum seiner jüngst veröffentlichten Essays steht, die in Deutschland unter dem Titel „Sprachen der Wahrheit" herauskamen. Der seit vielen Jahren in New York lebende Schriftsteller stemmt sich darin gegen Trumpisten und Corona-Leugner. „Die Wahrheit ist ein Kampf, das ist keine Frage. Und vielleicht noch nie so sehr wie jetzt", sagte er in einem Interview des US-Senders PBS im vergangenen Jahr.

24-Jähriger festgenommen, anwesender Arzt versorgte Rushdie

Nach Darstellung der Polizei stürmte der junge Mann die Bühne der von Hunderten Menschen besuchten Veranstaltung gegen 11 Uhr örtlicher Zeit (17 Uhr MESZ) und stach auf Rushdie ein. Die New York Times zitierte eine Zeugin: „Es gab nur einen Angreifer. Er war schwarz gekleidet. Er hatte ein loses schwarzes Kleidungsstück an. Er rannte blitzschnell auf ihn zu." Ein Reporter der US-Nachrichtenagentur Associated Press berichtete, der Angreifer habe 10 bis 15 Mal auf Rushdie eingeschlagen oder gestochen. Der ebenfalls angegriffene Interviewer erlitt nach Polizeiangaben eine Kopfverletzung. Er konnte das Krankenhaus aber zwischenzeitlich wieder verlassen.

„Mehrere Mitarbeiter der Veranstaltung und Zuschauer stürzten auf den Verdächtigen und brachten ihn zu Boden", sagte ein Sprecher. Ein Polizist habe den 24-Jährigen festgenommen. Unterdessen wurde Rushdie von einem Arzt aus dem Publikum behandelt, bis Rettungskräfte eintrafen und der Autor schließlich per Helikopter in eine Klinik gebracht wurde. Nach Informationen des US-Senders CNN soll das Institut noch zwei Tage zuvor abgelehnt haben, die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen. Unklar sei aber, ob mit den empfohlenen Maßnahmen das Attentat auf Rushdie habe verhindert werden können, schrieb der Sender.

Rushdie vor Attentat zum „Stern": Lebensgefahr „lange her"

Das islamische Rechtsgutachten des Ayatollahs rief damals nicht nur zur Tötung Rushdies auf, sondern auch all derer, die an der Verbreitung des Buches beteiligt waren. Seitdem lebte Rushdie in ständiger Todesgefahr an wechselnden Orten, unter falschem Namen und unter Polizeischutz. Die Lage entspannte sich erst in den späten 1990er Jahren. Aber der Tötungsaufruf gegen Rushdie wurde nie aufgehoben. Mehrere Übersetzer seiner Werke wurden bei Angriffen verletzt oder sogar getötet, wie der 1991 ermordete Japaner Hitoshi Igarashi. Drohungen gegen Veranstaltungen mit Rushdie gab es weiter.

Salman Rushdie auf einem Archivbild aus dem Jahr 2018.
© JOEL SAGET

Nach Angaben seines Verlags aus dem vergangenen Jahr hätte die Fatwa für Rushdie inzwischen aber längst keine Bedeutung mehr. Er sei nicht mehr eingeschränkt in seiner Bewegungsfreiheit und brauche auch keine Bodyguards mehr. Er lebte zuletzt wieder ein weitgehend normales Leben in New York. Die Jahre des Versteckens gingen jedoch nicht spurlos an ihm vorüber. Er verarbeitete diese Zeit in der nach seinem Aliasnamen benannten Autobiografie „Joseph Anton" aus dem Jahr 2012.

Vor wenigen Tagen noch hatte Rushdie dem Magazin Stern gesagt, dass er sich in den USA sicher fühle. „Das ist lange her", sagte Rushdie im Interview mit Korrespondent Raphael Geiger Ende Juli auf die Frage, ob er noch immer um sein Leben bange. „Für einige Jahre war es ernst", sagte Rushdie weiter. „Aber seit ich in Amerika lebe, hatte ich keine Probleme mehr." Der Autor habe dabei aber auch vor dem politischen Klima und möglicher Gewalt in den USA gewarnt: Das Schlimme sei, „dass Morddrohungen alltäglich geworden sind".

Weltweites Entsetzen

Die Attacke löste weltweit Entsetzen aus. „Diese Gewalttat ist entsetzlich", sagte der nationale Sicherheitsberater Jack Sullivan laut Mitteilung des Weißen Hauses. UN-Generalsekretär António Guterres reagierte ebenfalls mit Entsetzen auf den Angriff. Der US-Senator und Mehrheitsführer der Demokraten im Senat, Chuck Schumer, schrieb auf Twitter, die Tat sei ein „Angriff auf die Rede- und Gedankenfreiheit".

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb, Rushdie sei von „Hass und Barbarei" getroffen worden. Der deutsche Schriftsteller Günter Wallraff, der Rushdie 1993 in seinem Haus in Köln-Ehrenfeld versteckt hatte, sagte, die Nachricht sei „natürlich ein Schlag für mich" gewesen.

Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling und Bestseller-Autor Stephen King drückten ebenfalls ihre Bestürzung aus und schrieben, sie hofften, es gehe Rushdie gut. Der US-amerikanische Autorenverband PEN America zeigte sich schockiert über den Angriff auf seinen ehemaligen Präsidenten. Rushdie werde seit Jahrzehnten wegen seiner Worte angegriffen, aber er habe sich nie beirren lassen und nie gezögert, schrieb die Vorsitzende Suzanne Nossel in einem Statement.

Freude in Irans Medien

In iranischen Medien ist der Messerangriff auf den Schriftsteller hingegen begrüßt worden. In der regierungsnahen Zeitung Kayhan, deren Chefredakteur vom weltlichen und geistlichen Oberhaupt des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, ernannt wird, hieß es am Samstag: „Tausend Bravos (...) für die mutige und pflichtbewusste Person, die den abtrünnigen und bösen Salman Rushdie in New York angegriffen hat". Weiter hieß es: „Die Hand des Mannes, der dem Feind Gottes den Hals umgedreht hat, muss geküsst werden."

In Irans Medien wurde der Angriff auf Rushdie bejubelt.
© ATTA KENARE

Die Schlagzeile der Hardliner-Zeitung Vatan Emrooz lautete: „Messer im Nacken von Salman Rushdie". Die Zeitung Khorasan brachte die Schlagzeile: „Satan auf dem Weg zur Hölle". Die Nachrichtenseite Asr Iran veröffentlichte ein Zitat von Khamenei, in dem es heißt, der vom ehemaligen iranischen Revolutionsführer Ayatollah Ruhollah Khomeini abgeschossene „Pfeil" werde eines Tages das Ziel treffen. Von der Führung in Teheran lag noch keine Stellungnahme vor. (TT.com/APA/dpa/AFP)

Hintergrund: Politisches Kalkül hinter Khomeinis Fatwa

Bei dem von Ayatollah Khomeini am 14. Februar 1989 veröffentlichten Aufruf gegen Rushdie handelt es sich um eine Fatwa, also ein islamisches Rechtsgutachten. Das damalige geistliche Oberhaupt des Iran rief darin alle Muslime zur Tötung des britisch-indischen Autors auf, weil dieser mit seinem Roman „Die Satanischen Verse" den Islam, den Koran und den Propheten Mohammed beleidigt habe. Zugleich setzte der Iran ein Kopfgeld auf Rushdie aus.

In dem teilweise vom Leben Mohammeds inspirierten Roman hatte sich Rushdie auf eine islamische Überlieferung bezogen, wonach der Prophet in einem Moment nicht zwischen der Offenbarung Gottes und der Einflüsterung des Teufels unterscheiden konnte. Schon kurz nach der Veröffentlichung im September 1988 stieß das Buch bei Muslimen auf wütende Kritik, weil mehrere Stellen als beleidigend für den Islam verstanden wurden.

In den Monaten danach wurde das Buch in zahlreichen Staaten aus dem Verkauf genommen. Nach der Veröffentlichung des Buches im Iran erschienen dort umgehend kritische Rezensionen, ein Gelehrter schickte Khomeini eine ausführliche Kritik des Buchs. Der Ayatollah tat diese Kritik zunächst jedoch mit den Worten ab, es werde immer wieder Unsinn veröffentlicht – umso überraschender kam dann seine Fatwa.

Im Westen sorgte der Mordaufruf für einen Sturm der Entrüstung, London brach seine Beziehungen zu Teheran ab. Wenige Tage nach der Fatwa entschuldigte sich Rushdie bei den Muslimen, doch wies Khomeini die Entschuldigung zurück. Der Schriftsteller musste unter Polizeischutz gestellt werden und war gezwungen, die folgenden Jahre im Verborgenen zu leben und ständig die Wohnung zu wechseln.

Im Westen wurde die Fatwa zumeist als Ausdruck des religiösen Fanatismus gewertet, doch aus Sicht vieler Historiker steckte dahinter politisches Kalkül. Nicht nur konnte Khomeini sich damit als Anführer aller Muslime präsentieren. Durch die Krise mit dem Westen, die sein Mordaufruf auslöste, konnte er auch von internen Machtkämpfen ablenken.

Im Juli 1988 hatte Khomeini nach acht verlustreichen Kriegsjahren einen Waffenstillstand mit dem Irak akzeptieren müssen. Viele Iraner hatten das Gefühl, dass all die Entbehrungen umsonst gewesen waren. In den Wochen vor der Fatwa war Khomeinis Stellvertreter Ayatollah Hossein Ali Montazeri, dessen Verhältnis zu Khomeini schon lange gespannt war, mit scharfer Kritik am politischen System an die Öffentlichkeit gegangen.

Im Schatten des Aufruhrs um die Fatwa setzte Khomeini Montazeri im März 1989 als seinen designierten Nachfolger ab. Als Khomeini wenige Wochen danach mit 86 Jahren starb, wurde der damalige Präsident Ali Khamenei sein Nachfolger als geistliches Oberhaupt – ein Amt, das er bis heute innehat.

Obwohl eine Fatwa traditionell mit dem Tod ihres Verfassers die Geltung verliert, hielt die iranische Führung an Khomeinis Gutachten gegen Rushdie fest. Von anderen muslimischen Staaten wurde der Mordaufruf jedoch verurteilt. Viele Gelehrte wiesen Khomeinis Argumentation als unvereinbar mit der islamischen Rechtstradition zurück.

1998 erklärte die Regierung des Iran zwar, Rushdies Ermordung nicht zu unterstützen. Allerdings ist bis heute ein Kopfgeld auf den Schriftsteller ausgesetzt. Auch hob Teheran den Mordaufruf gegen den Autor nie auf.

© NABIL ISMAIL

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