Entgeltliche Einschaltung

Ein Stickeralbum der Nazis: Tiroler Künstlerin sammelt NS-Gegenstände

Ob Stickeralbum oder Kaffeetasse: Künstlerin Esther Strauß ruft die Menschen auf, Gegenstände aus der Nazizeit abzugeben. Sie helfen, die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Tirol voranzutreiben.

  • Artikel
  • Diskussion
Soldaten statt Fußballer. Stickeralben wie das hier Abgegebene waren schon im Nationalsozialismus beliebt, sie dienten als Propagandamaterial für Jugendliche (links).
© Victor Malyshev

Von Brigitte Warenski

Entgeltliche Einschaltung

Innsbruck – Eine Kaffeetasse mit dem SS-Logo, ein Nazi-Stickeralbum als Propagandainstrument für Jugendliche, NS-Orden, Schallplatten mit Hitlerreden – viele Objekte aus der Zeit des Nationalsozialismus werden ins hinterste Eck des Kellers verbannt oder versteckt zwischen Hausmüll entsorgt.

„Viele Menschen wissen nicht, wie sie mit NS-Objekten umgehen sollen. Mit dem Wegwerfen beraubt man sich aber der Möglichkeit, Geschichte aufzuarbeiten und aus der Geschichte zu lernen“, sagt Künstlerin Esther Strauß. Sie ruft daher die Tiroler Bevölkerung zu einer Sammelaktion im Rahmen der interaktiven Ausstellung „Denkmal weiter“ auf. Alle, die Objekte aus der NS-Zeit besitzen, können diese – anonym oder mit Namen – in den weißen Quader am Bergisel auf dem Vorplatz des Tirol Panoramas werfen. Größere Gegenstände können auch an der Museumskassa abgegeben werden. Sorge, dass man wegen eines Objekts der Wiederbetätigung bezichtigt werden könnte, braucht niemand zu haben, stellt Strauß klar. „Diese Schenkungen geben uns die Möglichkeit, die Objekte und ihre Herkunft zu erforschen, und sie leisten einen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Tirol“, so Strauß.

Gabriele Ultsch (links, Kuratorin der Ausstellung „Denkmal weiter“) mit Künstlerin Esther Strauß vor der Sammelbox für NS-Objekte am Bergisel.
© Victor Malyshev

Oft geht es dabei auch um sehr Privates, das es aufzuarbeiten gilt, wenn zu Hause z. B. der SS-Helm des Großvaters liegt. „Man muss es annehmen, dass auch die eigene Familie Teil dieser NS-Geschichte war, denn der Großteil war nun mal Mitläufer oder Täter. Doch es ist wichtig, sich der eigenen Familiengeschichte zu stellen, denn man kann sich ihrer nicht entledigen.“ Viele Objekte – wie z. B. eine Postkarte mit dem Bergfeuer in Form eines Hakenkreuzes an der Nordkette (zu sehen in der Ausstellung) – zeigen zudem, „dass nicht erst die Deutschen den Nationalsozialismus nach Tirol gebracht haben“, so Strauß. Andere Objekte, wie das Kindererziehungsbuch der Ärztin Johanna Haarer, das in überarbeiteter Form 1987 letztmalig aufgelegt wurde, „haben Jahrzehnte nach den Nationalsozialisten die Erziehung auch in Tirol geprägt“.

Aufzuarbeiten gilt es noch genug, „auch wenn man in Österreich gern die Verantwortung in Bezug auf die NS-Geschichte durch Verschweigen zudeckt“. Nicht verschweigen, sondern ihren Beitrag leisten wollen jene, die bereits 100 Objekte bei der Sammelaktion abgegeben haben. Diese und alle künftig abgegebenen Gegenstände werden geprüft und als Schenkung in die Historische Sammlung der Tiroler Landesmuseen aufgenommen.

TT-ePaper 4 Wochen gratis lesen

Die Zeitung jederzeit digital abrufen, ohne automatische Verlängerung

Ausstellung

Denkmal weiter: Die Ausstellung zum Mitmachen (auch für junge Menschen!) läuft bis zum 3. Oktober im Tirol Panorama/Kaiserjägermuseum. Die KünstlerInnen Petra Gerschner, Esther Strauß, Maria Walcher und Franz Kapfer beschäftigen sich mit Themen wie Krieg, Ruhm, Toleranz und dem Nationalsozialismus.


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung