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Warenhaus und Kleiderladen: Not und Bewusstsein bringen Erfolg

Die Krise macht sich bei den Tafeln des Roten Kreuzes bemerkbar. Rund ein Drittel mehr Menschen nutzen das Angebot. Die Nachfrage steigt auch in Kleiderladen und Warenhaus in Wörgl. Leider – und Gott sei Dank!

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Warenhaus und Kleiderladen in Wörgl umfassen 500 Quadratmeter Fläche.
© Jasmine Hrdina

Von Jasmine Hrdina

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Wörgl – Freut man sich oder ist es traurig, dass mehr Kunden denn je das Angebot von Warenhaus und Kleiderladen des Roten Kreuzes (RK) in Wörgl nutzen? Kann man von „Erfolg“ sprechen, wenn immer mehr Menschen ihre Lebensmittel von der Tafel abholen? „Es ist leider (!) ein Erfolg“, formuliert es Peter Mader, der 2005 die erste Tafel Österreichs in Kufstein gründete. Mittlerweile gibt es allein in Tirol 21 davon, „und es wäre ausbaubar“. Immer mehr ländliche Gemeinden wenden sich an das Rote Kreuz. Der Kleiderladen in Rattenberg und die Tafel in Kramsach sollen im Herbst in Brixlegg zusammengeführt werden. „Wir haben einen höheren Bedarf festgestellt und müssen daher die Flächen vergrößern“, sagt Mader. Das RK-Angebot sozialer Einrichtungen ist im Bezirk Kufstein so groß wie nirgends in Tirol. Auf 400 m² bieten das Warenhaus in Wörgl Möbel, Geschirr, Spielsachen, Bücher und Geräte sowie Schuhe und Textilien im angeschlossenen Kleiderladen – einer von acht in Tirol. 100 m² stehen der Tafel zur Verfügung. Für Mader ist es „eine Mischung aus Warenrettung und Versorgung von Leuten, die es sich nicht leisten können“.

Eine Krise jagte die nächste, seit den jüngsten Teuerungen gebe es bei der Tafel eine Kundensteigerung von 30 bis 40 %, rechnet Mader vor. „Mit der Tafel können wir nur ein Symptom bekämpfen, aber nicht die Krankheit heilen.“ Samstags um 18.30 Uhr standen in Wörgl meist 50 bis 60 Menschen an, jetzt seien es über 80. Und dabei schaffe man es noch nicht, jene zu erreichen, „die sich selber gar nicht als Sozialfall sehen. Dabei wissen wir, dass sie am Existenzlimit leben. Sie schämen sich, aber das müsste nicht sein.“ Altersarmut sei im Bezirk weit verbreitet, besonders betroffen Mindestpensionsempfänger, Witwen, jene, die Ausgleichszulagen beziehen. „Viele verzichten lieber auf etwas, statt Hilfe anzunehmen“, bedauert RK-Bezirksgeschäftsführer Stephan Vitéz.

Geben Einblicke in das Angebot des RK: (V. l.) Gerhard Thurner, Stephan Vitéz, Peter Mader.

Dass Waren aus zweiter Hand im Trend liegen, helfe zumindest bei den nicht essbaren Produkten. Gebrauchte Kleidung anziehen ist weniger verpönt, ja fast salonfähig – dabei wird weniger Müll produziert. Schamgefühle? Unangebracht! Eine 63-jährige Schnäppchenjägerin aus Going jubelt, als sie ihre Schätze den Mitarbeitern an der Kassa des Kleiderladens reicht: „Ich habe zwei Taschen für zehn Euro bekommen. Im Geschäft würden sie sechzig kosten. Es wäre so schade, die wegzuschmeißen.“ Zwei Regale weiter schält sich eine Dame aus einem Neoprenanzug. Sitzt zwar gut, aber eigentlich suche sie einen für ihren Sohn. „Ich bin total recyclingmäßig unterwegs und schaue seit einem Jahr immer wieder vorbei, wenn sich die Autofahrt mit etwas verbinden lässt“, lacht die Mutter aus Wörgl-Umgebung. „Es ist einfach sinnvoll, wenn Sachen wiederverwendet werden. Noch dazu brauche ich so weniger Geld und kann am Ende mehr Zeit mit meinem Kind verbringen.“ Ein Zirkel für fünf und ein Papierschneidegerät für drei Euro dürfen mit – dank Kundenkarte, die alle unter einer Einkommensgrenze von 1154 netto bekommen, gibt es nochmal 30 % Nachlass, auf Kleider sogar 50 %. „Butter und Käse kaufe ich im Geschäft, aber Brot oder Nudeln hole ich bei der Tafel“, findet ein Senior den Laden „bärig“. Großspenden, Ausschuss- und Bruchware oder Produkte nahe dem Mindesthaltbarkeitsdatum werden hier von Unternehmen aus der Region spendiert. „Wir hoffen, dass uns die Lieferanten weiter die Stange halten“, sagt der Wörgler Ortsstellenleiter Gerhard Thurner. Denn auch im Lebensmittelhandel werde gespart.

In die sozialen Projekte des RK fließen keine Mittel aus öffentlicher Hand, beteuert Vitéz. „Wir finanzieren das aus den Einnahmen durch Warenhaus und Kleiderladen, Spenden und durch unsere Freiwilligen. Diese Bereiche würden ohne sie nicht existieren“, dankt der Geschäftsführer den rund 900 ehrenamtlichen Mitgliedern im Bezirk. 600 davon arbeiten im Bereich Gesundheit und soziale Dienste, etwa 300 engagieren sich bei den Tafeln, Kleiderläden und im Warenhaus.

Gertraud Fankhauser kümmert sich als Ehrenamtliche besonders gern um die Bücherecke.Fotos: Hrdina
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Eine von ihnen ist Gertraud Fankhauser. Sie habe nach Antritt ihrer Pension 2019 eine sinnvolle Beschäftigung gesucht. „Es sind viele verschiedene Charaktere hier“, freut sich die 63-Jährige über den Teamgeist. Die Goingerin arbeitet am liebsten in der Warenannahme oder ordnet Bücher ein. Hildegard Decassian aus Kufstein verweist auf die Fleißigen hinter den Kulissen. Kleider müssen sortiert und attraktiv aufbereitet werden, „man soll ja nicht sofort sehen, dass die gebraucht sind“, findet die 59-Jährige. Sieglinde Tusch packt seit der Eröffnung des Warenhauses vor zehn Jahren mit an. „Mir ist es im Leben immer gut ergangen. Da will ich einfach ein Stück Gutes zurückgeben“, erklärt die 73-jährige Wörglerin. Schicksale der Kunden treffen sie. „Man kann ja nicht immer helfen, aber allein, dass jemand zuhört, tut vielen gut.“


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