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„Iphigenia“ bei Salzburger Festspielen: Zu wenig Leben, zu viel Papier

„Iphigenia“ überschreibt bei den Salzburger Festspielen antiken Mythos mit #MeToo – und geht damit baden.

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Im Wort- und Bühnennebel: Iphigenia (Rosa Thormeyer) und Agamemnon (Sebastian Zimmler).
© SF/Krafft Angerer

Von Joachim Leitner

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Hallein – Seit August 1992, seit ziemlich genau 30 Jahren also, ist die frühere Saline auf der Pernerinsel in Hallein die aufs Überwältigende spezialisierte Außenstelle der Salzburger Festspiele. Eine kleine, etwas lieblos gemachte Broschüre erinnert an das heurige Jubiläum. Und sie erinnert an große Theaterereignisse – an Luk Percevals „Schlachten!“ (1999) zum Beispiel, an Peter Handkes „Immer noch Sturm“ (2011), „Ödipus auf Kolonos“ mit Klaus Maria Brandauer (2010) oder an „Richard the Kid & the King“ im Vorjahr.

„Iphigenia“, so viel vorneweg, wird sich nicht in diese Reihe illustrer Pernerinsel-Wagnisse einreihen. Obwohl die Voraussetzungen vorhanden gewesen wären: „Iphigenia“, die letzte Schauspielproduktion der heurigen Festspiele, ist das, was man im zeitgenössischen Theater neuerdings eine „Überschreibung“ nennt. Die Autorin Joanna Bednarczyk und die Regisseurin Ewelina Marciniak haben sich des Iphigenie-Mythos angenommen, ihn – „frei nach Euripides und Goethe“, wie es im Programmheft heißt – in heutiges Kostüm und Sprache gekleidet. So wie zuletzt die „Jungfrau von Orleans“. Die Mannheimer „Jungfrau“ – „frei nach Schiller“ – wurde groß gefeiert und jüngst zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Die Salzburger „Iphigenia“, eine Koproduktion der Festspiele mit dem Hamburger Thalia Theater, ging, trotz schöner Tanzeinlage und brennendem Klavier zum Finale, gehörig in die Hose: zu lang, zu bemüht, zu wenig Leben, zu viel Papier.

Bei Euripides wird Iphigenia von ihrem Vater Agamemnon für günstige Winde im Kriegszug gen Troja geopfert. Jetzt ist Troja kein Thema und Iphigenia (Rosa Thormeyer) ein doppeltes Opfer: Onkel Menelaos (Stefan Stern) hat sich mehrfach an der talentierten Pianistin vergangen. Papa Agamemnon (Sebastian Zimmler) befürchtet schlechte Publicity für sein nächstes Buch. Nur kein #MeToo-Skandal. Er kehrt den Missbrauch unter den Teppich. Mutter Klytaimnestra (Christiane von Poelnitz) rät der Tochter, einfach weiterzumachen. Auch Söhnchen Orestes erzieht Klytaimnestra zur Härte – mit letalen Folgen. Tante Helena (Lisa-Maria Sommerfeld) lebte „ Body Positivity“ und ihre sexuellen Launen aus. Aber weil Regisseurin Marciniak dem Spiel allein aber offensichtlich nicht traut, muss alles, was man eh schon weiß, vom jugendlichen Trotz bis zum tatsächlichen Trauma, auch gesagt und nochmals gesagt werden. Auch so lässt sich ein Theaterabend auf drei Stunden strecken. Doch auch im Wort- und Bühnennebel wird schnell klar: Hier werden Klischees ausgestellt: karrieregeile Knallchargen und besserbetuchte Dumpfbacken, wohin man schaut.

Auch Jahre nachdem Menelaos’ Verbrechen geheim gehalten wird, wimmelt es vor ihnen. Der kurze zweite Teil spielt in einer vagen Urlaubslandschaft. Die gealterte Iphigenia (Oda Thormeyer) leitete ein Ressort. In einer der gelungensten Szenen erkennt sie in einem ihrer Gäste ihren groß gewordenen Bruder Orestes (Jirka Zett) wieder. Der berührende Aha-Moment trägt sich am Wasser zu. Dafür muss Mirek Kacmareks schlichtes Bühnenbild – ein Spiegel, ein Klavier – umgebaut werden. Die im Programmheft angekündigte Pause gibt es nicht. Während Teile des Podests abgetragen werden, erzählt Schauspieler Stefan Stern davon, was es heißt, einen Täter zu spielen. Das ist nicht uninteressant. Aber es ist Gerede und damit exemplarisch: Das Spannende und Schmerzhafte wird nicht ver-, sondern abgehandelt. Da sind die emsigen Bühnenarbeiter interessanter. Der Umbau zählt zu den schönsten Momenten des Abends. Auch wenn sich nicht erschließt, warum es ihn überhaupt gibt.


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