Fischsterben

Fischsterben in der Oder: Polen ortet „Fake News“ aus Deutschland

Tote Fische, Muscheln und Schnecken haben sich an einer von der Feuerwehr verlegten Sperre im deutsch-polnischen Grenzfluss Westoder, nahe dem Abzweig vom Hauptfluss Oder, auf der Wasseroberfläche gesammelt.
© Patrick Pleul

Das Fischsterben in der Oder sorgt für einen Politi-Konflikt zwischen Polen und Deutschland. Das deutsche Umweltministerium wehrt sich gegen Vorwürfe, man haben „Fake News“ verbreitet.

Berlin/Warschau – Rund um die Ursachenforschung zum Fischsterben in der Oder ist ein politischer Konflikt zwischen Polen und Deutschland ausgebrochen. Die deutsche Bundesregierung hat polnische Vorwürfe zur Verbreitung von "Fake News" im Zusammenhang mit dem Fischsterben zurückgewiesen. "Wir bedauern, dass es zu dieser Bewertung von polnischer Seite gekommen ist", sagte ein Sprecher des Umweltministeriums am Montag in Berlin. Unterdessen kam aus Warschau weitere Kritik.

Die Suche nach den Ursachen für das Fischsterben in der Oder sei nach wie vor nicht abgeschlossen, sagte der Sprecher des deutschen Umweltministeriums. Mittlerweile gebe es mehrere organische und anorganische Substanzen, die dafür verantwortlich sein könnten. "Es scheint sich da wirklich um einen Chemie-Cocktail zu handeln. Keine dieser Substanzen hat nach unseren bisherigen Erkenntnissen allein zum Fischsterben geführt." Es könnte sich um ein "multi-kausales Ereignis" handeln.

Polen spricht von „Fake News“

Polens Umweltministerin Anna Moskwa hatte am Samstagabend auf Twitter geschrieben: "Achtung, eine weitere Fake News wird in Deutschland verbreitet!!! Pestizide und Herbizide. In Polen wurde der Stoff getestet und unterhalb der Bestimmungsgrenze nachgewiesen, d. h. ohne Auswirkungen auf Fische oder andere Tiere, und ohne Verbindung zum Fischsterben."

"Von keiner Seite und zu keiner Zeit wurde in Deutschland aber behauptet, dass die Pestizide allein ursächlich für das Fischsterben gewesen seien. Dass entsprechende Laborergebnisse vom polnischen Umweltministerium jetzt als Schuldzuweisung verstanden wurden, ist bedauerlich", hieß es dazu aus dem deutschen Umweltministerium. An diesem Montag tage erstmals die eingesetzte deutsch-polnische Expertengruppe. Man hoffe, dass eine "mögliche Missstimmung" ausgeräumt werde, wenn dort die Laborergebnisse vorgelegt und besprochen werden.

Warschau bemängelt zu wenig Ölsperren

Unterdessen hat Polens Regierung bemängelt, dass deutsche Behörden nur wenige Ölsperren zum Auffangen der massenweise verendeten Fische in der Oder aufgestellt haben. "Hier stellt sich wirklich die Frage, warum wir auf polnischer Seite bereits 29 Ölsperren errichten konnten, in denen Fische gefangen werden, während auf deutscher Seite trotz unserer Bitten darum bisher nur drei solcher Barrieren errichtet wurden", sagte Vize-Außenminister Szymon Szynkowski vel Sek am Montag dem öffentlich-rechtlichen Sender Polskie Radio. Die polnische Feuerwehr sei auch bereit, diese Sperren auszuleihen oder sie auf der deutschen Seite zu errichten. Die Ölsperren werden im Fluss eingesetzt, um verendete Fische aufzufangen und zu bergen, bevor diese noch weiter flussabwärts treiben.

Die Ursachenforschung geht weiter.
© PATRICK PLEUL

Auf deutscher Seite war das massive Fischsterben in der Oder am 9. August bekannt geworden. In Polen hatte es dagegen bereits Ende Juli erste Hinweise auf Fischkadaver in dem Grenzfluss gegeben. Die deutschen Behörden werfen der polnischen Seite vor, sie zu spät informiert und damit die Suche nach der Ursache erschwert zu haben. Szynkowski vel Sek betonte, seit dem 11. August gebe es eine Koordinierung der Aktivitäten und einen Informationsaustausch. Vermutlich hätten die Behörden sowohl auf der polnischen wie auf der deutschen Seite das Fischsterben zunächst als lokales Problem betrachtet - bis sich herausstellte, dass es weit größere Ausmaße habe, so Polens Vize-Außenminister weiter.

Hinweise auf von Algen produziertes Gift

Aus Sicht des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie gebe es die Hinweise, dass die Tiere an einem von Algen produzierten Gift verendet sind. Das starke Wachstum der Alge, die eigentlich im Brackwasser gedeiht, gehe wiederum auf einen Salzeintrag in den Fluss zurück, sagte Forscher Tobias Goldhammer am Montag. "Das ist unsere derzeit am wahrscheinlichsten scheinende Hypothese." Das Berliner Institut hatte vergangene Woche auf das starke Wachstum der Algenart Prymnesium parvum hingewiesen, die ein für Fische tödliches Gift bilden kann. Am Wochenende ergänzte das Institut, dass dieses Gift im Wasser der Oder tatsächlich nachgewiesen worden sei. Zudem hätten Satellitendaten eine massive Algenblüte in der Oder belegt.

Erste Tests an Fischeiern mit dem Oderwasser hätten die tödliche Wirkung bestätigt, sagte Goldhammer der dpa. "In der Indizienkette ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Algenblüte ursächlich ist für dieses Fischsterben." Endgültig erwiesen sei das aber noch nicht. Wichtig sei zudem, dass die Algenblüte kein natürliches Ereignis sei, sondern auf menschliche Einflüsse zurückgehe, nämlich auf die erhöhte Salzfracht im Flusswasser. Woher das Salz stamme, sei derzeit nicht nachzuweisen. Auch spielten vermutlich weitere Faktoren eine Rolle, darunter das Niedrigwasser und eine erhöhte Wassertemperatur, sagte Goldhammer. Er ist Forschungsgruppenleiter in der Abteilung Ökohydrologie und Biogeochemie am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). (APA/dpa)