„Das Licht, aus dem die Träume sind“: Dieser Betrug kann Leben retten
„Das Licht, aus dem die Träume sind“ feiert die Kraft des Kinos und dessen permanente Wiedergeburt.
Innsbruck – Das Kino ist eine Erfindung ohne Zukunft. Dieser Satz wird Antoine Lumière zugeschrieben, der mit seinem Bruder Louis bewegte und bewegende Bilder vor gut 120 Jahren massentauglich gemacht hat. Damals war das Kino noch Jahrmarktsattraktion – und ein bisschen Budenzauber ist es immer geblieben: schöner, größer, bunter als das echte Leben. Die Zukunft dürfte Lumière seiner Erfindung abgesprochen haben, weil Kino auch in seinen zeitgeistigsten Aggregatzuständen immer ein Ort vergegenwärtigter Vergangenheit ist, historisches Präsens, wenn man so will. Kino war folglich schon nostalgisch, als es noch gar nichts zu erinnern gab.
Immer, wenn Kino – als Ort, als Idee und als Schule des Lebens – bedroht wurde, von den kleinen Bildern des Fernsehens zum Beispiel, versuchten sich Filmemacher als Geisterbeschwörer. Peter Bogdanovich drehte „Last Picture Show“, Wim Wenders „Im Lauf der Zeit“, Giuseppe Tornatore „Cinema Paradiso“ – Filme, die der schwindenden Kraft des Kinos nachtrauern, indem sie sie groß aufleben lassen.
„Das Licht, aus dem die Träume sind“, der neue Film des indischen Regisseurs Pan Nalin, hat sich etwas ganz Ähnliches vorgenommen. Und vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Erzählt wird, wie der Spross einer streng gläubigen Familie aus der abgelegenen indischen Provinz das Kino lieben lernt. Ausnahmsweise hat der neunjährige Samay (Bhavin Rabari) eine Vorstellung besuchen dürfen, weil ein religiöser Erbauungsfilm gespielt wird. „Das erste und letzte Mal“, stellt der Vater klar.
🎬 Trailer | Das Licht, aus dem die Träume sind
Aber da ist es schon zu spät. Der Bub geht ans Kino verloren, paktelt mit dem Vorführer, tauscht sein Essen gegen den exklusiven Blick durchs Guckloch. So weit, so „Cinema Paradiso“, doch „Das Licht, aus dem die Träume sind“ geht weiter: In einer erstaunlichen Sequenz beginnt Samay einen Projektor zu bauen und aus analogen Filmschnipseln eigene Filme zu machen. Hier wird nicht nur die Kraft des alten Kinos gefeiert, sondern die permanente Wiedergeburt der Erfindung ohne Zukunft. Dass ein solches Unterfangen nie frei von Kitsch ist, versteht sich.
Aber auch Kitsch gehört zum Kino, das sich diesen Namen wirklich verdient. Dieses Kino, das zeigt, „Das Licht, aus dem die Träume sind“ kann Leben nicht nur verändern, es kann sie retten. Der Film zeigt aber auch, dass das Kino selbst nicht zu retten ist. Dieser Botschaft freilich sollte man misstrauen. „Filme“, sagt der alte Vorführer in „Das Licht, aus dem die Träume sind“, „sind erfunden worden, um die Menschen zu betrügen.“ (jole)