„Alcarràs – Die letzte Ernte“: Die Bagger des „Sonnenkönigs“
Carla Simóns sonnengeflutetes Drama „Alcarràs – Die letzte Ernte“ gewann den Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale. Jetzt kommt es in die Kinos.
Von Joachim Leitner
Innsbruck – In einem Autowrack irgendwo im Nirgendwo Kataloniens spielen Kinder Astronauten. Dass der Idylle, in der sie ihren Sommer verbringen, Ungemach droht, kündigt sich geräuschvoll an. Bagger fahren auf – im Kino ein untrügliches Zeichen für Veränderung. Die Kinder wollen Hilfe holen. Als sie zurückkommen, ist das Wrack weg. Aber die Bagger werden bleiben.
So beginnt „Alcarràs – Die letzte Ernte“. Der zweite Spielfilm der erst 35-jährigen spanischen Regisseurin Carla Simón. Im Februar hat sie dafür bei der diesjährigen Berlinale den Goldenen Bären gewonnen. In Spanien entspann sich daraufhin eine Debatte, ob nun ein spanischer oder ein katalanischer Film ausgezeichnet wurde. Das soll andernorts geklärt werden. Außer Frage steht, dass ein hervorragender Film prämiert wurde.
Unmittelbar nach der eindrücklichen Eröffnung zeichnet sich ab, dass die Situation für die Landwirte-Familie Solé in mehrfacher Hinsicht verfahren ist. Dort, wo sie seit Generationen Pfirsiche anbauen – und vom Ertrag kaum überleben können –, soll eine Solaranlage entstehen: Saubere Energie für eine Zukunft, die für die Solés zusehends ungewisser wird. Rechtlich gegen die Räumung der Plantage vorgehen lässt sich kaum. Der Pachtvertrag wurde einst mit Handschlag besiegelt. Erinnern kann und will sich niemand daran, vor allem der „Sonnenkönig“ Puyol, der das Land für sich und die Zukunft beansprucht, will nichts davon wissen.
🎬 Trailer | Alcarràs – Die letzte Ernte
Großvater Solé (Josep Abad) verstummt, der Vater (Jordi Pujol Dolcet) flüchtet vor dem Unausweichlichen, sein Sohn (Albert Bosch) reibt sich auf – manche schauen sich, mehr oder weniger auffällig, nach neuen Verdienstmöglichkeiten um. Es drohen Zerwürfnisse. Nur die Kinder spielen weiter unbeirrt in der Sonne, die sich irgendwann auch den Betrachtern des Films ins Gedächtnis einbrennen wird.
„Alcarràs“ ist ein Familienfilm, das Porträt einer Familie. Und der Film ist das Porträt gesellschaftlicher Verwerfungen. Die zeigt Simón, die selbst einer Pfirsichbauernfamilie entstammt und ihren Pfirsichbauernfilm durchwegs mit Laien besetzt hat, ganz unaufdringlich. Es gibt keinen denunziatorischen Furor, kein Übererklären, kein großes Drama, sondern eine verstörend schön gefilmte Folge kleiner Dramen und von versuchtem Aufbegehren – gegen die Bagger und das, wofür die Bagger stehen. Und es gibt die unbarmherzige Logik von Gewinnmaximierung – und das Leid derer, die die Rechnung dafür begleichen müssen. Nicht nur die Solés, die vom „Sonnenkönig“ und von den international tätigen Obstexporteuren über den Tisch gezogen werden, sondern auch und gerade die afrikanischen Feldarbeiter am untersten Ende der globalisierten Ausbeutungskette.
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