Weltweite Dürren: Die Kraft des Wassers versiegt
Ströme, die zu Rinnsalen verkümmert sind. Stauseen, deren Pegel sich immer weiter gegen null senkt. Der Klimawandel schränkt global zusehends das Potenzial der Wasserkraft ein.
Von Gabriele Starck
Paris, Wien, Peking, Washington – Es ist nicht Russland allein, das eine Energiekrise heraufbeschworen hat. Die Klimaerwärmung setzt weltweit ausgerechnet jene Stromproduzenten unter Druck, die mit Klimaneutralität punkten können – die Atomenergie und die Wasserkraft.
In Frankreich mussten Atomkraftwerke zurückgefahren oder vom Netz genommen werden. Denn schon die Hitze erwärmte die Flüsse so sehr, dass der zusätzliche Temperaturanstieg durch die Reaktorkühlung die zulässigen Grenzwerte überschritten hätte. Und als sich keine meteorologische Abkühlung abzeichnete, wurden im Juli kurzerhand die Grenzwerte angepasst, um einen Weiterbetrieb zu ermöglichen – zu Lasten des Fluss-Ökosystems. Zudem reduziert sich laut Johannes Mayer von der E-Control mit wärmerem Kühlwasser die Effizienz des Kraftwerks und man erzeugt weniger Strom aus dem Brennstoff.
Doch auch die Wasserkraft stößt mancherorts an ihre Grenzen. In der chinesischen Provinz Sichuan ist der Strom für die 81 Millionen Einwohner und die Industriebetriebe seit mehr als einer Woche rationiert. 82 Prozent der Energie stammen in der Provinz normalerweise aus Wasserkraft, doch die Pegel der Stauseen sind durch die Trockenheit und Hitze abgesunken. Die Stromproduktion ging um die Hälfte zurück, während der Strombedarf wegen der Klimageräte stieg.
Der Wasserstand des Jangtse, des weltweit drittlängsten Flusses, der mehrere Kraftwerke versorgt, ist der niedrigste seit Beginn der Aufzeichnungen 1865. In vielen Metropolen bleiben nachts die Gebäude dunkel, Rolltreppen laufen nicht. In Shanghai klagen Unternehmen über stundenlange Unterbrechungen in der Stromversorgung. Wegen der erzwungenen Energiesparmaßnahmen droht die durch die Corona-Lockdowns ohnehin angeschlagene Industrie weiter zu leiden.
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In den USA kündigte die Regierung vor zehn Tagen an, den Wasserabfluss aus den Stauseen Mead und Powell, die durch den Colorado River gespeist werden, das zweite Jahr in Folge zu verringern. Die Seen sind nicht nur Trinkwasserreservoir für sieben Bundesstaaten, sondern auch unentbehrlich für die Stromversorgung. Doch die Trockenheit der vergangenen Jahrzehnte hat den Colorado stark schrumpfen lassen.
Die schwere Dürre in der Region sei auf die Auswirkungen des Klimawandels zurückzuführen, darunter extreme Hitze und geringe Niederschläge, erklärte der stellvertretende Innenminister Tommy Beaudreau.
Produktionsrückgänge durch fossile Energieträger kompensiert
Aber auch in Österreich ist die Stromproduktion aus Wasserkraft im Juli um 31 Prozent im Vergleich zu 2020 gesunken. Aufgrund der Trockenheit konnten im Juli nur 77 Prozent des Stroms durch erneuerbare Energien gedeckt werden, 2020 waren es 96 Prozent. Nicht jeder Sommer wird ein so trockener sein wie der diesjährige, doch die Tendenz ist wie bei der Temperatur eine eindeutige. Der Po in Italien etwa führt Jahr für Jahr immer noch weniger Wasser. In Frankreichs Wildbächen waren die Pegelstände heuer bereits im Juni so niedrig wie früher erst Mitte August.
Die Folge: Die Produktionsrückgänge müssen durch fossile Energieträger kompensiert werden, sei es in den USA, China, Frankreich oder Österreich. Deutschland etwa lieferte Frankreich, wo derzeit reparatur- und hitzebedingt nur 24 der 54 Atomreaktoren in Betrieb sind, so viel Strom wie nie zuvor – mit Gas und Kohle erzeugten Strom.
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