Mammutprozess zu Terroranschlägen in Brüssel hat begonnen
32 Todesopfer, Hunderte Verletzte und ein zerrüttetes Land - die Terror-Anschläge des IS vor sechseinhalb Jahren haben Belgien verändert. Nun beginnt die rechtliche Aufarbeitung vor Gericht.
Brüssel – Der Prozess um die Terroranschläge im März 2016 in Brüssel hat vor einem Gericht der belgischen Hauptstadt begonnen. Neun der zehn Angeklagten erschienen am Montag in der Früh zur Vorverhandlung in dem Gericht, das im umgebauten früheren NATO-Hauptquartiers im Nordosten der Stadt für den Prozess eingerichtet wurde. Nur drei der Angeklagten blieben jedoch zur Vorverhandlung, sechs entschieden sich dazu, in ihre Zellen zurückzukehren.
Ein Schwurgericht verhandelt in den kommenden Monaten über die blutigen Terroranschläge, die vor sechseinhalb Jahren eine tiefe Wunde in die Seele des kleinen Landes gerissen haben. Am 22. März 2016 töteten drei Selbstmordattentäter der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) am Hauptstadt-Flughafen sowie in einer Metro-Station im belebten EU-Viertel 32 Menschen, Hunderte wurden teils schwer verletzt.
Zehn Männer sind nun für diese Tat angeklagt, von denen einer mittlerweile wohl in Syrien gestorben ist. Acht Angeklagten wird 32-facher terroristischer Mord, versuchter terroristischer Mord an 695 Menschen sowie die Beteiligung an den Aktivitäten einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Dem neunten legt die Staatsanwaltschaft lediglich den dritten Punkt zur Last.
Ihnen gegenüber stehen mehr als 900 Nebenkläger. Das öffentliche Interesse an dem Verfahren ist riesig – deshalb wird der Prozess in umgebauten Räumlichkeiten des früheren Nato-Hauptquartiers im Nordosten der Stadt geführt. Sechs bis neun Monate sind für das Verfahren angesetzt. Opfer und Opferorganisationen beklagten in den vergangenen Jahren immer wieder unzureichende und komplizierte Unterstützung des Staats.
Terroranschläge von Brüssel und Paris von selber Terrorzelle
Gegen 8 Uhr hatten am 22. März 2016 zwei Explosionen kurz hintereinander die Abflughalle des Brüsseler Flughafens Zaventem erschüttert. Eine gute Stunde später gab es in einer U-Bahn, die gerade in der zentralen Station Maelbeek im EU-Viertel losgefahren war, eine weitere Explosion. Die Tat fiel in eine Zeit, in der Europa aufgrund anderer Anschläge ohnehin schwer verunsichert war.
Am 13. November 2015 hatten Extremisten bei einer Anschlagsserie in Paris 130 Menschen getötet und 350 weitere verletzt. Mittlerweile sind teils hohe Haftstrafen gegen 20 Angeklagte rechtskräftig. Weil die Taten in Brüssel und Paris von derselben Terrorzelle eingefädelt wurden, werden von den in Paris Verurteilten auch sechs in Brüssel vor Gericht stehen.
Einer von ihnen ist Salah Abdeslam, der als Hauptangeklagter in den Pariser Terrorprozessen bereits zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. Ein belgisches Gericht verurteilte ihn zudem im April 2018 zu 20 Jahren Haft, weil er kurz vor seiner Festnahme am 15. März 2016 in Brüssel auf Polizisten geschossen hatte.
Der Brüsseler Prozess beginnt am Montag mit einer sogenannten Vorverhandlung. Dabei wird vor allem die Liste der Zeugen sowie deren Reihenfolge festgelegt. Am 10. Oktober sollen dann die zwölf Geschworenen ausgewählt werden, bevor zum Start der Sachverhandlung am 13. Oktober die Anklage verlesen wird.
Die Angeklagten selbst werden den Prozess wohl in gläsernen Boxen mit einem kleinen Schlitz verbringen, durch den sie sich mit ihrem Anwälten austauschen können. Einer der Verteidiger drohte gar damit, nicht an dem Prozess teilzunehmen, wenn an den Boxen festgehalten werde, da dadurch die Unschuldsvermutung verletzt werde. (dpa)