Krieg in Ukraine

Rückzug der Russen: Ukraine holt sich große Teile des Ostens zurück

An vielen Orten in Charkiw wurde die ukrainische Flagge gehisst.
© Juan BARRETO / AFP

Die russischen Invasoren geraten mehr und mehr unter Druck. Allein in den vergangenen 24 Stunden hat die Ukraine mehr als 20 Orte zurückerobert, berichtet der ukrainische Staatsanwalt. Die Erfolge lösen im Westen wieder Debatten um Waffenlieferungen aus.

Kiew – Bewohner, die freudestrahlend auf ukrainische Soldaten zulaufen, verlassene Panzer, Esstische, auf denen noch die letzte Mahlzeit der Russen liegt: Videos, die in den vergangenen Tagen auf sozialen Netzwerken oder YouTube zirkulierten, zeigen das Bild eines triumphalen Rückschlags. Alleine 3000 Quadratkilometer Fläche haben die Ukrainer in wenigen Tagen von den Russen zurückerobert: Das ist mehr als ganz Osttirol und mehr Fläche, als die russische Armee seit April eingenommen hat.

Die Ukraine hat zum großen Gegenangriff geblasen und Geländegewinne gibt es demnach vor allem in der zweitgrößten Stadt Charkiw, wo die Streitkräfte schon bis 50 Kilometer an die Grenze Russlands herangerückt sind. Der Vormarsch der ukrainischen Armee im Osten des Landes geht nach Angaben aus Kiew weiter. „Die Befreiung von Ortschaften unter russischer Besatzung in den Gebieten Charkiw und Donezk setzt sich fort", teilte der ukrainische Generalstab am Montag in seinem Lagebericht mit. Insgesamt seien mehr als 20 Ortschaften innerhalb der letzten 24 Stunden zurückerobert worden.

Tausende russische Soldaten hatten angesichts des überraschend schnellen Vormarsches der ukrainischen Truppen zuletzt ihre Stellungen aufgegeben und dabei große Mengen an Munition und Ausrüstung zurückgelassen.
© Juan BARRETO / AFP

So hätten die russischen Truppen nun auch Welykyj Burluk und Dworitschna verlassen, hieß es. Beide Ortschaften liegen im Norden des Gebiets Charkiw. Unter dem Druck ukrainischer Gegenoffensiven hatte Russlands Verteidigungsministerium am Wochenende mehr als ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn den Abzug eigener Truppen aus der Region Charkiw bekanntgegeben. Offiziell begründet wurde der Rückzug mit einer strategischen „Umgruppierung" der Einheiten.

Die von Russland in den besetzten Gebieten der Region Charkiw installierte Militärverwaltung räumt allerdings eine deutliche Übermacht der ukrainischen Truppen bei deren Gegenoffensive ein. Sie seien acht Mal stärker als die russischen Einheiten und die mit ihnen verbündeten pro-russischen Kräfte, sagt Witali Gantschew, der Leiter der Verwaltung, im staatlichen Fernsehsender Rossija-24.

Kritische Infrastruktur bombardiert, großflächiger Stromausfall

Die Retourkutsche ließ dann auch nicht lange auf sich warten: Nach dem Teilrückzug der eigenen Truppen hat Russland ukrainischen Angaben zufolge die kritische Infrastruktur des Nachbarlandes beschossen. Die ostukrainischen Regionen Charkiw und Donezk waren am Sonntagabend komplett ohne Strom.

Der ukrainische Generalstab berichtete unterdessen, russische Truppen flüchteten nicht nur aus Charkiw, sondern teils auch aus dem südlichen Gebiet Cherson. In Deutschland werden Stimmen nach weiteren Militärhilfen für das angegriffene Land laut, damit dieses sich auch weitere besetzte Gebiete zurückholen kann.

Im Zuge des Rückzugs feuerte Russland nach ukrainischen Angaben auf Kraftwerke und andere sensible Einrichtungen, was zu großflächigen Ausfällen der Strom-und Wasserversorgung in Charkiw und angrenzenden Regionen geführt hat.
© IMAGO/David Ryder

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits am Abend auch die Einnahme der früher umkämpften strategisch wichtigen Stadt Isjum verkündet. Aus der Kleinstadt 140 Kilometer südöstlich von Charkiw tauchten Videos mit ukrainischen Soldaten auf, die dort die Landesflagge hissten.

Ungeachtet dessen bekräftigte Russland am Montag, seinen Krieg gegen das Nachbarland weiterführen zu wollen. „Die militärische Spezial-Operation wird fortgesetzt", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. „Sie wird fortgesetzt, bis die anfangs gesetzten Ziele erreicht sind", fügte er hinzu. Auf die Frage, wie Putin auf die Nachricht vom Abzug der eigenen Truppen aus dem Gebiet Charkiw reagiert habe, sagte Peskow lediglich, Russlands Präsident werde über alle militärischen Entwicklungen informiert. Zu Moskaus Kriegszielen zählt etwa die vollständige Eroberung der ostukrainischen Gebiete Luhansk und Donezk.

📽️​ Video | Wehrschütz (ORF) aus der Ukraine:

200 Tage Krieg: „Das Wichtigste liegt noch vor uns"

Selenskyj hat sich angesichts des mittlerweile seit 200 Tagen andauernden Kriegs bei seinen Landsleuten für die Verteidigung der Heimat bedankt. „In diesen 200 Tagen haben wir viel erreicht, aber das Wichtigste und damit das Schwierigste liegt noch vor uns", sagte Selenskyj in seiner Videoansprache in der Nacht zum Montag.

Er bedankte sich unter anderem bei den ukrainischen Bodentruppen, der Luftwaffe, den Seestreitkräften – und bei allen, die in diesen Tagen „die Geschichte der Unabhängigkeit, die Geschichte des Sieges, die Geschichte der Ukraine" schrieben.

Präsident Wolodymyr Selenskyj warf Russland vor, als Vergeltung für die Erfolge bei der ukrainischen Gegenoffensive gezielt die zivile Infrastruktur des Landes zu attackieren.
© AFP/Bobok

Die raschen Erfolge der ukrainischen Verteidiger haben laut Einschätzung des britischen Geheimdiensts „erhebliche Folgen" für die allgemeine Einsatzplanung der Russen. „Das bereits eingeschränkte Vertrauen, das die eingesetzten Truppen in die russische Militärführung haben, dürfte wahrscheinlich weiter schwinden", hieß es in der Mitteilung auf Twitter. Nach dem Rückzug der Russen aus dem gesamten Gebiet Charkiw westlich des Flusses Oskil seien dort nur noch einzelne „Nester des Widerstands" übrig, so die Einschätzung der Briten.

Im Süden, nahe Cherson, habe Russland Schwierigkeiten, genug Nachschub über den Fluss Dnipro an die Front zu bringen. Eine improvisierte schwimmende Brücke, mit deren Bau vor zwei Wochen begonnen wurde, sei noch immer unvollendet. „Die ukrainische Langstrecken-Artillerie trifft jetzt vermutlich Übergänge des Dnipro so häufig, dass Russland keine Reparaturen an den Straßenbrücken vornehmen kann", so die Mitteilung weiter.

Debatte über Waffenlieferung flammt wieder auf

Die Erfolge der Ukraine bei der Zurückschlagung der russischen Invasionstruppen lassen im Westen den Ruf nach mehr Waffen für das angegriffene Land wieder lauter werden. In Deutschland dringen vor allem die Grünen und FDP auf die Lieferung schwerer Waffen. Die Kanzlerpartei SPD schloss weitere Waffenlieferungen nicht aus, sprach sich aber gegen Alleingänge aus.

„Alle in der Regierung wissen indes, dass noch mehr möglich wäre", sagte Grünen-Chef Omid Nouripour der Augsburger Allgemeinen (Montag). „Da sollte nicht nur im Ringtausch, sondern wo möglich auch direkt aus den Beständen von Bundeswehr und Industrie geliefert werden." Beim Ringtausch rüstet Deutschland osteuropäische NATO-Partner mit Leopard-Kampfpanzern und Schützenpanzern Marder aus, die dafür ältere Panzer sowjetischer Bauart an die Ukraine abgeben. (TT.com/APA/dpa)

Pressestimmen zur ukrainischen Gegenoffensive

📰 Nepszava (Budapest): „An der ostukrainischen Front ist es zu einer gewaltigen Wende gekommen. Der verblüffend schnelle Vormarsch der ukrainischen Kräfte ist ein weiterer Beweis dafür, dass Wladimir Putin es zwar perfekt versteht, an der Macht zu kleben und in seiner Heimat zum Alleinherrscher zu werden, dass er aber unfähig ist, in geopolitischen Dimensionen zu denken – und dass er, ähnlich wie einst der serbische Präsident Slobodan Milosevic, seinem Volk Schaden zufügt, der auch in Jahrzehnten nicht wieder gutzumachen ist.

Jetzt, wo die russischen Kräfte gezwungen sind, sich aus bedeutenden Territorien zurückzuziehen, hat in der russischen Führung schon die Suche nach dem Sündenbock begonnen, der Kreml zeigt auf das Verteidigungsministerium – und das, obwohl doch Putin selbst diesen Krieg angeordnet hat, der – langsam kann man es auch so sagen - einem Selbstmord gleichkommt."

📰 Pravda (Bratislava): „Was kaum jemand erwartet hatte, wurde Wirklichkeit. Die Ukrainer befreien im Eiltempo Städte und Dörfer im Nordosten des Landes bei Charkiw. Die Illusion von der Stärke der russischen Armee ist am Wochenende weitgehend zerronnen. Überlegungen, dass es für die Ukraine schon ein Erfolg sei, dass sie überhaupt bis heute widerstehen konnte, dass die Chancen auf Rückeroberung verlorener Gebiete aber winzig seien, gehören im Lichte dieser Tage der Vergangenheit an. In nur fünf Tagen eroberten die Ukrainer mehr Territorium zurück als die Russen seit April eroberten. (...)

Den gegenwärtigen Erfolg hätten die Ukrainer aber nicht ohne Waffenlieferungen aus dem Westen schaffen können. Unglücklicherweise hat sich bei uns in der Slowakei aber auch die Erfindung eingenistet, mit der Lieferung von Waffen würden wir nur Krieg und Verfall verlängern. Die Vertreter dieser Geisteshaltung sagen aber nie dazu, was daraus folgen soll. Tatsächlich ist das nur ein verhülltes Zeichen dafür, dass sie einen russischen Sieg ersehnen. Und das ist inakzeptabel."

📰 Tages-Anzeiger (Zürich): „Damit ist es der Ukraine gelungen, den übermächtigen Angreifer Russland zum dritten Mal zurückzuschlagen: zuerst in Kiew, dann rund um Charkiw und nun im Süden der Stadt. Seit Wochen ging es im Krieg in der Ukraine weder vor noch zurück, von einem langen Abnutzungskrieg war die Rede, und es wurde die Frage diskutiert, ob Kiew militärisch eine reale Chance hat gegen Russland, ob sich die immensen Verluste rechtfertigen lassen und ob sich die massive westliche Waffenhilfe auszahlen kann. Nun hat die Ukraine klargemacht, dass sie auch nach über einem halben Jahr verlustreichen Kampfes die Russen noch immer das Fürchten lehrt. (...)

Die Ukraine hat sich bewiesen, dass sie in der Lage ist, eine starke Gegenoffensive zu starten, die es bisher nur in den Reden der Kiewer Führung gab. Genauso wichtig ist die Botschaft an den Westen, denn dort hat die Diskussion längst begonnen, ob die massiven Waffenlieferungen an die Ukraine in diesem ungleichen Krieg wirklich den großen Unterschied machen."

📰 De Telegraaf (Amsterdam): „Dass in Russland die Unzufriedenheit zunimmt, ist nicht verwunderlich. Dennoch ist öffentliche Kritik angesichts von Repressalien bemerkenswert. Mutige Lokalpolitiker in Moskau und St. Petersburg rufen Putin zum Rücktritt auf und beschuldigen ihn des Verrats. Sie riskieren hohe Gefängnisstrafen. Wachsender politischer Widerstand kann für den russischen Präsidenten zu einer ernsten Bedrohung werden. Aber zunehmender Druck birgt auch Risiken. Putin wird mit harter Hand versuchen, an der Macht zu bleiben. Dem Kreml ist klar, dass der Erfolg der Ukrainer auf dem Schlachtfeld auch durch westliche Waffen und Informationen amerikanischer Geheimdienste ermöglicht wird. Der Westen sollte deshalb darauf achten, nicht durch eventuelle Provokationen weiter in diesen Konflikt hineingezogen zu werden. Denn ein in die Enge getriebener Gegner ist unberechenbar."

📰 Libération (Paris): „Noch vor einem Monat hätte man sich nicht vorstellen können, dass sich die russischen Truppen so schnell aus Gebieten, die sie seit dem Winter kontrolliert hatten, zurückziehen würden. Handelt es sich um eine echte Niederlage oder um einen taktischen Rückzug? (...)

Sicher ist, dass die westliche Militärhilfe (...) nicht nachlässt, was die Ukrainer zu beflügeln scheint. (...) Wichtig ist, dass die Ukrainer neue Siege einfahren, bevor die Kälte des Winters die Truppen ausbremst. (...) Außerdem besteht die Gefahr, dass die europäische Unterstützung im tiefsten Winter bröckelt. Dann, wenn das Heizen mangels russischen Gases erschwert wird. (...)

Doch wenn sich herausstellt, dass die russische Armee auf dem Rückzug ist, wie wird Wladimir Putin reagieren? Besteht nicht die Gefahr, dass er in seiner Zerstörungswut zum großen Vergeltungsschlag ausholt? Mit dem einzigen Ziel, zu zeigen, dass er nach wie vor über die Macht verfügt, anderen zu schaden."

📰 Times (London): „Einige Kommentatoren haben die Meinung vertreten, dass die jüngste Offensive im Süden nur ein militärisches Täuschungsmanöver war, um Russland abzulenken. Aber Tatsache bleibt, dass die Ukraine einen echten Versuch unternehmen müsste, dieses Gebiet zurückzuerobern, wenn sie den Krieg beenden will.

Ukrainische Offizielle erklären, dass sie dieses Gebiet bis Ende des Jahres zurückerobern wollen. Vor den Ereignissen der letzten Woche in Charkiw hätte diese Hoffnung vielleicht abwegig erscheinen können. Doch nun haben die Ukrainer gezeigt, dass sie in schwindelerregender Geschwindigkeit vorankommen können. Das Gleichgewicht in diesem Konflikt hat sich verschoben, und das könnte sich noch als entscheidend erweisen. Die Vorstöße der vergangenen Woche wurden durch westliche Ausrüstung und Unterstützung ermöglicht. Doch sie zeugen vor allem von dem außergewöhnlichen Mut und der Entschlossenheit des ukrainischen Volkes und seiner Armee."

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