Metaller-Lohnrunde: Gute Gewinne, trüber Ausblick
Der Start der Herbstlohnrunde steht im Zeichen der Rekordinflation: Ein AK-Ökonom sieht viel Geld zu verteilen, der Ausblick ist trüb. Die Industrie warnt vor einer Rezession.
Von Max Strozzi
Innsbruck – Mit der Forderungsübergabe durch die Arbeitnehmervertreter starten die Metaller heute unter besonders schwierigen Vorzeichen den Kampf um höhere Löhne für 180.000 Beschäftigte. Basis der Lohnverhandlungen ist die durchschnittliche Inflationsrate der vergangenen 12 Monate – die lag bei 6,3 %. „Die Herausforderung ist zweigeteilt“, sagt AK-Ökonom Markus Marterbauer. „In den vergangenen 12 Monaten – von Mitte 2021 bis Mitte 2022 – hat die Industrie enorm produziert. Österreichs Industrieproduktion hat das Vor-Pandemie-Niveau um mehr als 10 % überschritten, während Deutschlands Industrie ein Minus von 5 % verdauen musste.“ Dieser große Unterschied lasse sich zum Teil dadurch erklären, dass die heimische Industrie stark auf Investitionsgüter ausgerichtet ist, die nach der Pandemie stark nachgefragt waren – etwa Maschinen oder Stahlanlagen. Deutschlands Industrie sei dagegen stärker auf Konsumgüter ausgerichtet, etwa Autos. „Die Gewinne in der österreichischen Industrie sind sehr gut, der Ausblick aber mit hoher Inflation, Kostensteigerungen und einer drohenden Rezession schwierig. Es gibt also viel Geld zu verteilen, aber der Ausblick ist negativ. Doch in Zeiten besonderer Herausforderungen haben sich die Sozialpartner oft schnell geeinigt.“
Vom Jahr 2000 bis 2021 habe es stetige Reallohnsteigerungen gegeben: So seien bei einer kumulierten Inflation von 48 % die KV-Löhne um 63 % gestiegen. Nun hat sich die Verhandlungsposition angesichts des Fachkräftemangels noch einmal zugunsten der Gewerkschaft verschoben, betont Marterbauer. Dass das Ende der kalten Progression Einfluss auf den Metallerabschluss haben könnte – zumal künftig jedes Jahr automatisch mehr Netto- vom Bruttolohn übrigbleibt, als es bisher der Fall war –, glaubt der AK-Ökonom nicht.
Auch die Metallindustrie spricht von KV-Verhandlungen unter schwierigen Vorzeichen. Die Metalltechnische Industrie erwartet einen Wachstumsrückgang, globale Preissteigerungen belasten Betriebe ebenso wie Bürgerinnen und Bürger, betont die Branche. 59 % der Unternehmen würden einen Einbruch der Nachfrage erwarten. „Wir bewegen uns auf dünnem Eis und die Aussichten sind im Moment sehr unsicher. In den KV-Verhandlungen muss das entsprechend berücksichtigt werden, denn die Betriebe können die enorme Teuerung nicht allein stemmen“, sagt Fachverbandsobmann Christian Knill.
Die Metalltechnische Industrie erzielte 2021 laut Knill einen Produktionswert von 43,8 Mrd. Euro. Im Vergleich zum Jahr davor sei das zwar ein Plus von 18 % (preisbereinigt), so Knill. Die reine Produktionsmenge sei aber nur um rund 10 % gewachsen. „Den Unterschied machen die enormen Preissteigerungen, die den Produktionswert in die Höhe treiben. So stiegen etwa die Stahlpreise in den letzten beiden Jahren um 108 %.“ In den ersten vier Monaten 2022 lag die Produktion mit 8,8 % im Plus, „allerdings zeigen alle Daten in Richtung Abschwung“.
Als „ganz spezifische Lohnrunde“ bezeichnete Wirtschafts- und Arbeitsminister Martin Kocher (ÖVP) die anstehende Lohnrunde gestern in der ORF-Pressestunde. Schließlich gelte es, gleichzeitig die Kaufkraft zu erhalten, die gesamtwirtschaftlich komplizierte Lage zu berücksichtigen und die Inflation nicht weiter anzuheizen. „Wir werden ein reduziertes Wachstum haben“, sagte Kocher: „Ob es eine Rezession wird oder nicht, weiß man nicht.“ Für 2023 erwartet er ein Wirtschaftswachstum „irgendwo zwischen null und einem Prozent“. Die Forderung der Gewerkschaftsseite nach „Preise runter“ sei ein „Wunschdenken“. Man könne nicht einfach „den Zauberstab herausholen und die Preise senken“.
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