Bühne

„Faust“ am Volkstheater: Fotografie-Theater mit Überbelichtung

Bilder-Reichtum und viel Spektakel kennzeichnen den neuen Volkstheater-„Faust“.
© Franz Kreis

Interessantes Konzept, erheblicher Aufwand, geringe Nachwirkung: Kay Voges inszeniert Goethes „Faust“ am Volkstheater.

Von Bernadette Lietzow

Wien – Als Goethe 1832 stirbt, ist es gerade einmal sechs Jahre her, dass in Frankreich Nicéphore Niépce mit dem berühmten „Blick aus dem Arbeitszimmer von Le Gras“ die erste (noch erhaltene) fotografische Aufnahme gelang. Ob der Weimarer Meister davon Kenntnis hatte, ist nicht überliefert. Mit dem „Augenblick“, dem einen Moment, der einer „Aufnahme“ einmalig zugrunde liegt, spielt die von Volkstheater-Intendant Kay Voges am Samstag vorgestellte, mit Spannung erwartete „Faust“-Premiere.

Die Einbeziehung multimedialer Mittel und das Ausloten der Grenzen von Theater im „klassischen“ Sinn kennzeichnen Voges’ Arbeiten. Bei seinem „Faust“ nun lässt er Marcel Urlaub mittels Live-Fotografie, Klickgeräusch inklusive, unzählige „Augenblicke“ einfangen. Beim „Vorspiel auf dem Theater“ entstehen so Schnappschüsse ins Publikum, was in Verbindung mit Goethes pointierten, von „Theaterdirektor“ Uwe Schmieder und „Dichter“ Claudio Gatzke fein interpretierten Versen für Heiterkeit sorgt.

Dem alten Faust, jenem Forschenden, der dem Teufel Mephistopheles seine Seele verspricht, sollte es diesem gelingen, wieder Lebensfreude zu erwecken, verleiht Andreas Beck imposante Gestalt. Claudio Gatzke übernimmt zeitweise den Part, als „junger“ Faust, immer wieder schlüpfen Frank Genser und weitere Ensemble-Mitglieder, angetan mit Andreas Beck/Faust-Maske, in dessen Rolle.

Auch den Teufel geben einmal Uwe Rohbeck, zeitweise auch Lavinia Nowak oder Gitte Reppin. Natürlich findet in dieser Konzeption auch Gretchen mit Lavinia Nowak, Gitte Reppin, Friederike Tiefenbacher und Hasti Molavian mehrfach statt.

Vieles spielt sich in diesem „Faust“, unter Vermeidung gewohnter Dialogszenen, vor Mikrofonständern im Bühnenvordergrund ab, während – fotografisch auf Leinwand „direkt“ eingeblendet – es im Inneren eines schwarzen Containers, ausgestattet im Stil eines gammligen US-Südstaaten-Motels, irgendwie zur Sache geht, unter anderem in der „Walpurgisnacht“ (Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch).

Trash-Glam mit einem Hauch 1980er-Jahre prägen Mona Ulrichs Kostüme, auch die verwendete Musik, von Dolly Partons „Satan’s River“, den Kinks oder Talk Talk, schwelgt im nahen Gestern. Alles etwas zu unbeschwert und flüchtig, aber eines sollte man dieser über weite Strecken „übersinnlichen“, weil die Sinne überfrachtenden Arbeit zugutehalten: Faszinierend ist der intensive Versuch, Goethes Auseinandersetzung mit Funktion wie Bedeutung von Licht und Farben auf der Bühne sichtbar zu machen. Fotografie wird hier zum Spiel mit dem Licht und die Farbzuschreibungen gleichsam Charakterisierung. Rot mit leuchtendem Gold kleidet den Teufel, das unschuldige Grün das naive Gretchen, während Faust Blau trägt, in dem Goethe „das Dunkle, die Kälte oder die Leere“ sah. Viel Applaus für alle Beteiligten, trotzdem: „In bunten Bildern wenig Klarheit / Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit“ (Goethe, Faust II. Drei Szenen aus der Tragödie zweitem Teil standen am Ende dieser „Faust“-Erkundung).