Wege aus dem Gewaltkreislauf: Fünf Runde Tische in Tirol
Von Benedikt Mair
Innsbruck – Sie werden geschlagen, beschimpft, eingeschüchtert. Im öffentlichen Raum, während der Arbeit, häufig aber zuhause. Viele Menschen in Tirol, besonders Frauen und Kinder, erleben tagtäglich Gewalt. Wer kann ihnen helfen, wo und wie? Das ist Thema von mehreren regionalen runden Tischen, bei denen aktuell über die Zukunft der Opfer- und Täterarbeit im Land diskutiert wird. Gestern fand in Innsbruck das dritte von insgesamt fünf Treffen statt. Bei einer Pressekonferenz zogen die Verantwortlichen eine Zwischenbilanz und waren sich einig: Es gibt noch einiges zu tun.
„Gewalt zieht sich nach wie vor wie ein roter Faden durch die Gesellschaft“, sagte Gabriele Fischer. Die scheidende grüne Soziallandesrätin betonte, dass hierzulande in den vergangenen Jahren zwar „ein an sich sehr gut ausdifferenziertes Angebot“ geschaffen worden sei, jedoch immer wieder über die Materie an sich gesprochen werden müsse. „Wir haben in Tirol ein Problem mit gewaltbereiten und gewalttätigen Männern. Und ich wünsche mir für die Zukunft, dass sich auch Männer selbst dagegen auflehnen und Flagge zeigen.“
Insgesamt 35 Einrichtungen und Institutionen, die ständig mit dem Thema Gewalt befasst sind, nahmen gestern am runden Tisch in Innsbruck teil. Opferschutzvereine waren ebenso vertreten wie Polizei und Justiz. Im Ober- und Unterland gab es bereits ähnliche Veranstaltungen, weitere sollen noch im Bezirk Reutte und in Osttirol folgen.
Koordiniert wird der Austausch von der Organisation Neustart Tirol. Deren Leiterin Kristin Henning sagte, vordergründiges Ziel sei die Einbindung von regionalen Akteuren, die jeweils auch „voneinander lernen können und sollen. Außerdem wollen wir Bereiche identifizieren, wo noch Aufholbedarf herrscht.“ Als Beispiel nannte sie den Ausbau von Anlaufstellen für gewalttätige Frauen. „Die Menschen müssen sich bewusst machen, dass Gewalt nicht nur das ist, was strafrechtlich verboten ist, sie beginnt viel früher und ist oft ein Kreislauf“, erklärte Henning. Wer als Kind oder Jugendlicher Gewalt erfahren hat, neige eher dazu, diese als Erwachsener auszuüben.
Gabriele Plattner, Leiterin des Frauenhauses Tirol, erklärte, dass Prävention, Opferschutz und Täterarbeit nur im Verbund nachhaltig umsetzbar seien. „Eine Einrichtung alleine kann nur einen Bruchteil an Unterstützung gewährleisten.“ Damit das Hilfsangebot auch weiter breit aufgestellt bleibt, appellierte Plattner an die künftige Landesregierung, Projekte und Institutionen finanziell abzusichern und so langfristige Planung zu ermöglichen. „Gerade im Bildungsbereich muss noch mehr investiert werden, Gewaltbeauftragte an jeder Schule wären beispielsweise denkbar.“ Sie forderte zudem weitere Maßnahmen gegen materielle Abhängigkeiten in Beziehungen, da diese Gewalt förderten. „Es gibt jedenfalls noch viel zu tun.“
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