Krieg in Ukraine

Ukraine wieder mit Raketenangriffen überzogen, neue Massengräber entdeckt

Erneut wurden ukrainische Städte mit russischen Raketen angegriffen.
© Dimitar DILKOFF/AFP

Dem britischen Geheimdienst zufolge soll Russland zunehmend mit Engpässen an Munition und Ausrüstung zu kämpfen haben. Zahlreiche Gebiete in der Ukraine wurden wieder mit Raketen beschossen. Der ukrainische Notfalldienst warnt vor weiteren Angriffen über den Tag.

Kiew, Moskau – Russland hat bei seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine mehrere Regionen des Landes am Dienstag erneut mit Raketen und Kampfdrohnen beschossen. Die Behörden in Saporischschja im Süden der Ukraine meldeten Angriffe mit russischen Raketen. In der Umgebung der Hauptstadt Kiew und im Gebiet Chmelnyzkyj habe es Explosionen gegeben, die Luftabwehr sei zum Einsatz gekommen, teilten offizielle Stellen mit.

Die Behörden riefen die Menschen auf, in Kellern und Bunkern Schutz suchen. Die Gebiete Dnipropetrowsk, Wynyzja, Mykolajiw und Riwne wurden demnach ebenfalls beschossen. Im Gebiet Wynyzja südwestlich von Kiew wurde ein Heizkraftwerk mit Kampfdrohnen attackiert. Dabei seien Anlagen zerstört worden. Glücklicherweise habe es keine Opfer gegeben, teilte die Pressestelle des Kraftwerks mit.

Auch in Kiew gab es Luftalarm. Die Menschen suchten dort Schutz, wie eine Reporterin der Deutschen Presse-Agentur berichtete. Kreml-nahe russische Militärblogger bestätigten den massiven Beschuss der Ukraine mit Raketen. Ukrainische Medien berichteten, Dienstag früh seien 20 Raketen eingeschlagen. Das russische Verteidigungsministerium bestätigte später Schläge gegen Objekte der Militärverwaltung und des Energiesystems in der Ukraine. "Das Ziel des (Militär-)Schlags ist erreicht", sagte Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow.

Angriffe am Montag forderten 19 Menschenleben, 100 Verletzte

Am Montag hatten die ukrainischen Behörden mehr als 80 russische Angriffe gezählt. Viele seien durch die Luftabwehr abgewendet worden. Bei dem Beschuss starben landesweit nach vorläufigen Angaben 19 Menschen, mehr als 100 wurden verletzt. Neben der Hauptstadt Kiew waren laut den Zivilschutzbehörden im Land zwölf Gebiete von den russischen Raketenangriffen am Montag betroffen gewesen.

Noch etwa 300 Ortschaften seien ohne Strom, hieß es in einer Bilanz am Dienstagmorgen. In mehr als 3.500 Ortschaften sei die Versorgung schon wieder hergestellt, hunderte Einsatzkräfte sind landesweit dabei, die Folgen der russischen Angriffe zu beseitigen.

Russland könnte mit den jüngsten Angriffen den Vereinten Nationen zufolge internationales Recht verletzt haben. "Es besorgt uns sehr, dass manche der Angriffe zivile Infrastruktur zum Ziel gehabt haben könnten. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass diese Angriffe die Prinzipien der internationalen Menschenrechte verletzt haben könnten", sagte eine Sprecherin des Büros des UNO-Hochkommissars für Menschenrechte. Die Orte und die Uhrzeit der Angriffe - als die Menschen zur Arbeit gingen oder Kinder zur Schule brachten - seien besonders schockierend.

Ein Wohnhaus in Saporischschja wurde durch Raketeneinschläge schwer beschädigt.
© HANDOUT

Massengräber in rückeroberten Gebieten entdeckt

In zwei von der ukrainischen Armee zurückeroberten Städten in der ostukrainischen Region Donezk sind indes nach ukrainischen Angaben die Leichen Dutzender Zivilisten gefunden worden. "In den befreiten Städten Swjatohirsk und Lyman wurden zahlreiche Massengrabstätten entdeckt", erklärte die Generalstaatsanwalt am Dienstag in Kiew. In Swjatohirsk seien 34 Leichen und in Lyman 44 Leichen exhumiert worden.

Einige der in Swjatohirsk exhumierten Leichen weisen den Angaben zufolge Anzeichen eines "gewaltsamen Todes" auf. Auf einem Friedhof in Lyman wurden laut der Generalstaatsanwaltschaft insgesamt mehr als hundert Gräber gefunden. Unter den 44 bereits exhumierten Leichen sei auch ein einjähriges Kind, das zusammen mit seiner ganzen Familie begraben worden sei.

Die ukrainische Armee hat bei einer Gegenoffensive zuletzt große von Russland besetzte Gebiete zurückerobert. In mehreren Orten wurden nach ukrainischen Angaben nach der Rückeroberung Massengräber und Leichen mit Folterspuren gefunden. Der Kreml bestreitet, dass russische Truppen für die Gräueltaten verantwortlich sind.

USA: Russland hat Angriffe auf Städte länger geplant

Die USA teilen die Auffassung der Ukraine, dass Russland die schweren Luftangriffe auf ukrainische Städte bereits vor der Explosion auf der Krim-Brücke geplant hat. Anschläge dieses Ausmaßes könnten nicht innerhalb von ein paar Tagen ausgearbeitet werden, sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates im Weißen Haus, John Kirby, dem Sender CNN.

"Es war eher schon seit geraumer Zeit geplant. Das heißt nicht, dass die Explosion auf der Krim-Brücke ihre Planung beschleunigt haben könnte," so Kirby.

Der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates im Weißen Haus, John Kirby.
© IMAGO/Oliver Contreras / Pool via CNP /MediaPunch

98 Bergleute in Krywyj Rih eingeschlossen

Nach einem russischen Raketenangriff auf die ostukrainische Stadt Krywyj Rih sind nach Angaben des örtlichen Militärchefs Oleksandr Wilkul noch 98 Bergleute wegen eines Stromausfalls unter Tage eingeschlossen. Die Bergarbeiter sollten noch in der Nacht zum Dienstag befreit werden, wie Wilkul nach Angaben der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform am Montagabend über seinen Telegram-Kanal mitteilte.

Laut Wilkul waren demnach zunächst mehr als 850 Kumpel in vier Minen eingeschlossen gewesen. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig prüfen.

London: Moskau geht die Munition aus

Moskau geht nach Einschätzung britischer Geheimdienste im Ukraine-Krieg zunehmend die Munition aus. "Wir wissen, und das wissen auch russische Kommandanten im Krieg, dass ihnen die Ausrüstung und Munition ausgeht", sagte der Direktor des britischen Geheimdienstes GCHQ, Jeremy Fleming, am Dienstag einem im Voraus veröffentlichten Redemanuskript zufolge, aus dem die BBC zitierte. Der russische Präsident Wladimir Putin mache Fehleinschätzungen und strategische Fehler.

Ein russischer Reservist beim Schusstraining.
© IMAGO/Mikhail Tereshchenko

"Da er intern kaum herausgefordert wird, haben sich seine Entscheidungen als fehlerhaft herausgestellt", so der Geheimdienstdirektor. Mittlerweile würde auch dem russischen Volk klar, welche Konsequenzen "Putins selbstgewählter Krieg" für sie persönlich im eigenen Land habe - etwa weniger Möglichkeiten zu reisen und kaum noch Zugang zu modernen Technologien und externen Einflüssen aufgrund der westlichen Sanktionen.

Im täglichen Kurzbericht des britischen Verteidigungsministeriums gehen die britischen Geheimdienste auf die neue Rolle des Armeegenerals Sergej Surowikin ein. Seine Ernennung vor wenigen Tagen sei mutmaßlich der Versuch, die Durchführung russischer Angriffe in der Ukraine zu verbessern. Über lange Zeit habe Moskau keinen Zuständigen mit einer Gesamtaufsicht über das Geschehen gehabt. Dennoch stehe auch Surowikin vor einer russischen Armee, die schlecht für die Aufgabe ausgestattet sei.

Moldau erwägt Luftraumsperre nach russischen Angriffen

Nach den jüngsten russischen Raketenangriffen auf die Ukraine erwägt die Republik Moldau die Sperre seines Luftraums. "Wir wollen nicht eine Rampe für die Zerstörung der Ukraine sein", betonte die moldauische Innenministerin Ana Revenco am Dienstag vor Journalisten in Wien. "Wir sollten überlegen, ob (der Luftraum) offen bleibt oder nicht." Für neue Flüchtlingswellen aus der Ukraine sieht Revenco ihr Land gut gerüstet. Sorgen machen ihr die pro-russischen Proteste in Moldau.

Außenminister Nicu Popescu hatte am Montag mitgeteilt, dass drei russische Marschflugkörper durch moldauischen Luftraum in die Ukraine geflogen seien. Sie seien von Kriegsschiffen im Schwarzen Meer abgefeuert worden. "Dass die Raketen über unser Staatsgebiet gingen, war eine starke Botschaft an unsere Bevölkerung", betonte Revenco in offenkundiger Anspielung auf die ausgeprägte pro-russische Gesinnung im Land.

Die moldauische Gesellschaft sei "schon wieder" stark polarisiert, räumte sie in einem Mediengespräch am Rande der "Vienna Migration Conference" in Wien ein. Scharfe Kritik übte sie am Oligarchen Ilan Shor, der die Proteste vom Ausland aus steuere. Die Protestteilnehmer "sagen ganz offen, dass sie bezahlt werden", berichtete Revenco. "Aufgrund der riesigen Propaganda und von Fake News glauben Sie immer noch, dass Moskau zu ihrem Schutz kommen wird, und dafür nur eines braucht: Einen Machtwechsel", sagte die Mitstreiterin der pro-europäischen Präsidentin Maia Sandu.

Kiew reduziert Stromlieferungen nach Republik Moldau

Kiew, Moskau – Die Ukraine hat die Stromlieferungen in die benachbarte Republik Moldau deutlich verringert. Am frühen Dienstag sei die Versorgung um rund 30 Prozent reduziert worden, teilt der stellvertretende Ministerpräsident der Republik Moldau, Andrei Spinu, auf Telegram mit. "Wir stehen in ständigem Kontakt mit der Ukraine, der Europäischen Union und Rumänien auf der Suche nach einer Lösung, um die Republik mit Strom zu versorgen."

Die Ukraine hat am Montag erklärt, sie werde die Stromexporte in das europäische Netz aussetzen, nachdem ihr eigenes Netz von russischen Raketen getroffen wurde. (APA/Reuters)

Notfalldienst warnt vor Raketenangriffen im Tagesverlauf

Der Notfalldienst der Ukraine warnt vor weiteren Raketenangriffen im Laufe des Tages. "Bitte bleiben Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit in Schutzräumen. Ignorieren Sie Alarm nicht", teilte der Dienst am Dienstag auf Telegram mit. Unterdessen sagte der russische Vize-Außenminister Sergej Rjabkow, dass Russland kein Interesse an einem direkten Konflikt mit den USA und der NATO habe.

Allerdings werde Russland angemessene Gegenmaßnahmen ergreifen und auf das zunehmende Engagement des Westens im Ukraine-Konflikt reagieren, zitierte die russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti Rjabkow. "Wir warnen und hoffen, dass sie die Gefahr einer unkontrollierten Eskalation in Washington und anderen westlichen Hauptstädten erkennen."

Der Bundesheer-Kommandant Oberst Markus Reisner erklärte im Gespräch mit der APA, dass die teilweise Zerstörung der für Russland strategisch wichtigen Kertsch-Brücke zur annektierten Halbinsel Krim bedeute, "dass der Konflikt weiter eskaliert und somit unausweichlich in die Länge gezogen wird". Das Ziel der russischen Angriffe sei nun nicht mehr vorrangig das ukrainische Militär, sondern die Bevölkerung selbst. "Ein verheerender Strategiewechsel", erklärte Reisner. Mehrere Hunderttausend Reservisten seien rekrutiert worden. Im Winter werde weniger gekämpft werden, "aber Marschflugkörper und ballistische Raketen können auch im Winter fliegen".

Frankreich droht Belarus mit Sanktionen

Frankreich droht Belarus mit weiteren Sanktionen, sollte sich das Land verstärkt im Ukraine-Krieg engagieren. Das sagt Außenministerin Catherine Colonna dem französischen Hörfunk. Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko hat am Montag erklärt, es würden belarussische Truppen zusammen mit russischen in der Nähe zur Ukraine stationiert.

Die Äußerungen Lukaschenkos, der seit 1994 in Belarus an der Macht und eng mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin verbündet ist, deuten auf eine mögliche weitere Eskalation des Krieges hin. Möglicherweise könnte eine gemeinsame russisch-belarussische Streitmacht im Norden der Ukraine aufgebaut werden.

"Rein defensives" Kontingent

Die Führung von Belarus bekräftigt, dass es sich beim Truppenverbund mit Russland um ein "rein defensives" Kontingent handeln soll. In einer Erklärung des belarussischen Verteidigungsministers Viktor Chrenin hieß es am Dienstag, alle Aktivitäten seien derzeit darauf ausgerichtet, "eine ausreichende Antwort auf Handlungen nahe unserer Grenze parat zu haben".

Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko hatte die Aufstellung eines gemeinsamen belarussisch-russischen Verbundes am Montag bekannt gegeben, dabei allerdings nicht gesagt, wo dieser Verbund stationiert ist. Die Aussage hatte Befürchtungen ausgelöst, belarussische Soldaten könnten gemeinsam mit der russischen Armee im Osten der Ukraine eingesetzt werden.

Der Chef des belarussischen Sicherheitsrates, Alexander Wolfowitsch, nannte solche Befürchtungen unbegründet und warf dem Westen vor, unter diesem Vorwand einen Angriff auf Belarus zu erwägen. "Im Westen ist leider die Meinung verbreitet, dass sich die belarussische Armee an einer militärischen Spezialoperation auf dem Gebiet der Ukraine beteiligen könnte", wurde Wolfowitsch vom Verteidigungsministerium zitiert. Europäische Staaten würden offen über "mögliche Optionen für eine Aggression gegen unser Land" nachdenken.

Belarus ist finanziell und politisch auf Russland als Verbündeten angewiesen. In den Monaten vor Beginn des russischen Militäreinsatzes in der Ukraine hatte Lukaschenko russischen Truppen erlaubt, in Belarus aufzumarschieren.

Polen rät von Reisen ab

Mit Blick auf die wachsende Spannungen rät Polen seinen Bürgern von Reisen ins Nachbarland Belarus ab. Zuletzt habe es dort mehrfach Festnahmen polnischer Bürger gegeben, teilte das Außenministerium in Warschau per Twitter am Dienstag mit. "Wenn sich die Situation verschlimmert, die Grenzen geschlossen werden und unerwartete Situationen auftreten, könnte die Evakuierung schwierig werden."

Polnischen Bürgern, die sich derzeit in Belarus aufhalten, rät das Ministerium zur Ausreise. In Belarus, das zehn Millionen Einwohner hat, wird die polnische Minderheit auf knapp 300.000 Menschen geschätzt. Das EU- und NATO-Land Polen hat eine 418 Kilometer lange Grenze mit dem autoritär regierten östlichen Nachbarn.(APA/Reuters/dpa)

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