Bühne

Theaterstück „lauwarm“: Selbstbewusste Seesterne in schönstem Bali-Blau

Ich-Erinnerung als sehenswertes Zwiegespräch: Julia Posch und Fabian Mair Mitterer in „lauwarm“.
© Dino Bossnini

Sergej Gößners Stück „lauwarm“ ist derzeit als österreichische Erstaufführung im Innsbrucker Theater praesent zu sehen.

Von Joachim Leitner

Innsbruck – In Tirol und vor allem in Innsbruck war Sergej Gößner bislang vornehmlich als Schauspieler bekannt – von 2012 bis 2015 war er Ensemblemitglied am Tiroler Landestheater. In Deutschland machte sich Gößner zuletzt als Dramatiker einen Namen. Schon sein Debütstück „Irreparabel“ wurde 2016 mit dem JugendStückePreis des renommierten Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet.

Noch bevor sich der 34-Jährige in dieser Rolle an alter Wirkungsstätte – „Der fabelhafte Die“ steht ab Februar im K2 des Landestheaters auf dem Spielplan – präsentiert, ist sein 2019 am Schauspielhaus Hamburg uraufgeführtes Stück „lauwarm“ derzeit im Innsbrucker Theater praesent zu sehen. Gößner hat den Text für seine österreichische Erstaufführung behutsam erweitert. Man könnte also nicht ganz unbegründet von einer kleinen Uraufführung sprechen. Zumal sich Regisseurin Julia Jenewein und Dramaturgin Elke Hartmann dazu entschieden haben, das als Monolog konzipierte Stück durch zwei Darstellende – Julia Posch und Fabian Mair Mitterer – zu öffnen. Beide liefern in „lauwarm“ eine bemerkenswert Performance ab: Von jugendlich überdreht bis lakonisch abgebrüht und ernüchternd direkt ziehen Posch und Mair Mitterer im mal Mit-, mal Gegeneinander alle Register.

Schlüssig, ja nachgerade konsequent ist die Öffnung der Erzählstimme auch inhaltlich, schließlich erinnert sich hier einer ans Heranwachsen zwischen den Stühlen. Das „Ich“ – „Sonntagskind“, „Olympiababy“, „Zangengeburt“ – wird in der Provinz groß und hadert mit dem, was dort lange als „normal“ galt.

„lauwarm“ verhandelt das Dazwischen: Das „Ich“ mag Mädchen und fühlt sich zu Buben hingezogen. Es flüchtet sich in Kuschelrock – und muss erfahren, dass Oma – „Hauptsache, du fühlst dich wohl“ – weiter ist als die enge Welt drumherum. Klug und kurzweilig dekliniert „lauwarm“ gängige Unterscheidungskriterien durch – und kontert Eindeutigkeitsbehauptungen klug aus: Zwischen Türkis und Ultramarin strahlt schönstes Bali-Blau, Seesterne wechseln – hört, hört, liebe Hardcore-Biologisten – schon mal ihr Geschlecht – und verschauen oder gar verlieben tut man sich in Menschen – nicht in deren Geschlecht. Zu erhitzten Identitätsdebatten leistet „lauwarm“ einen unaufgeregt selbstbewussten Beitrag – und zeichnet, manchmal warmherzig, manchmal forsch, die Kämpfe nach, die man für dieses Selbstbewusstsein führen muss – auch und gerade mit sich selbst.