London: Russische Truppen rücken weiter auf Bachmut vor
Russische Truppen haben bei ihrem Angriff auf die ostukrainische Stadt nach britischer Einschätzung Fortschritte gemacht. Der ukrainische Präsident Selenskyj gab sich indes zum „Tag der Verteidiger der Ukraine“ siegessicher. Das russische Militär kämpft unterdessen bei der Teilmobilmachung laut Experten weiterhin mit großen Problemen.
Kiew – Russische Truppen haben bei ihrem Angriff auf die ostukrainische Stadt Bachmut nach britischer Einschätzung Fortschritte gemacht. Separatisten seien offenbar in die Dörfer Opytne und Iwanhrad südlich von Bachmut vorgerückt, teilte das Verteidigungsministerium in London am Freitag unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse mit. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gab sich indes in einer Video-Ansprache an die Nation zum "Tag der Verteidiger der Ukraine" siegessicher.
Auch Wagner beteiligt
An den Kämpfen in der Ostukraine ist laut britischem Verteidigungsministerium auch die Söldnergruppe Wagner beteiligt. Von Wagner angeführte Kräfte hätten zuletzt Geländegewinne im Donbass erzielt. Allerdings hätten die Russen seit Anfang Juli kaum Siedlungen erobert, hieß es in London weiter.
Russland wolle eine Einnahme von Bachmut wahrscheinlich als Auftakt zu einem Angriff auf das Gebiet um Kramatorsk und Slowjansk nutzen, das wichtigste von ukrainischen Kräften kontrollierte Bevölkerungszentrum im Gebiet Donezk, so das britische Ministerium. Die vollständige Eroberung der Gebiete Donezk und Luhansk im Donbass galt lange als wichtigstes Kriegsziel des russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Russland setze seine Offensive im Donbass fort und mache langsam Fortschritte, hieß es in London. Allerdings seien die russischen Truppen an ihren Flanken erheblichem Druck durch die ukrainischen Streitkräfte ausgesetzt und litten zudem unter Munitionsknappheit und Personalmangel.
Selenskyj siegessicher
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gibt sich unterdessen siegessicher. "Indem wir diesen Feind besiegen, werden wir allen Feinden antworten, die in die Ukraine eindringen", sagt Selenskyj in einer Video-Ansprache an die Nation zum "Tag der Verteidiger der Ukraine". "Es wird ein Sieg sein für all unsere Menschen, es wird ein Sieg sein für die Streitkräfte der Ukraine", sagt Selenskyj, postiert auf den Hügeln außerhalb von Kiew. "Die Welt sieht, dass die Ukrainer ihre Menschlichkeit unter keinen Umständen verlieren. Der Feind kann unsere Städte angreifen, aber niemals unsere Würde." Der 14. Oktober ist in der Ukraine ein Feiertag, an dem der Soldaten gedacht wird, die sich für die Unabhängigkeit und territoriale Integrität des Landes verdient gemacht haben.
Die Ukraine hat nach eigenen Angaben im vergangenen Monat mehr als 600 Ortschaften zurückerobert. Darunter seien auch 75 Orte in der Region Cherson im Süden des Landes, teilt das Ministerium für die Reintegration vorübergehend besetzter Gebiete am Freitag mit. Unterdessen wurden am Freitag die ersten Evakuierungen aus der Region Cherson erwartet, zu der der von Russland eingesetzte Gouverneur der besetzten Region aufgerufen hatte.
Cherson liegt gegenüber der bereits 2014 von Russland annektierten Halbinsel Krim und ist deshalb strategisch besonders wichtig. Etwa 500 Ortschaften seien außerdem in der nordöstlichen Region Charkiw zurückerobert worden, so das ukrainische Ministerium. Dort waren die ukrainischen Truppen im September weit in die russischen Linien vorgestoßen. 43 Ortschaften seien in der Region Donezk zurückerobert worden, sieben in Luhansk. "Die Fläche der befreiten ukrainischen Gebiete hat erheblich zugenommen", teilte das Ministerium auf seiner Website mit. Russland hatte Ende September Cherson, Luhansk und Donezk zusammen mit der Region Saporischschja annektiert, was international nicht anerkannt wird.
Weiter Probleme bei Teilmobilmachung
Das russische Militär kämpft unterdessen bei der Teilmobilmachung im Angriffskrieg gegen die Ukraine nach Ansicht unabhängiger Experten weiterhin mit großen Problemen. Das Verteidigungsministerium habe "keine angemessenen Bedingungen geschaffen, um den Einsatz eingezogener Männer an der Front einzugliedern und zu verfolgen", schrieb die Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) mit Sitz in Washington am Donnerstagabend (Ortszeit).
Russische Militärreporter berichteten demnach, dass die Behörden mobilisierte Soldaten an verschiedene Einheiten entsendeten, ohne deren Einsatzorte ordnungsgemäß zu dokumentieren. Daher hätten sich Familien bei der Militärführung beschwert. Zudem würden Männer mit militärischer Erfahrung in Einheiten eingesetzt, die nicht ihren Fähigkeiten entsprächen. Nach Ansicht eines Reporters könnte dies dazu führen, dass Mütter und Ehefrauen Menschenrechtsgruppen gründeten, die "Russland von innen heraus zerreißen werden".
Der ukrainische Präsident Selenskyj warf in seiner Videoansprache am Donnerstagabend russischen Generälen vor, die mobilisierten Männer als "Kanonenfutter" zu verheizen. Dennoch machten sie die Aufgabe für die ukrainischen Verteidiger schwieriger.
Die Reparaturen an der durch eine Explosion am Samstag vergangener Woche beschädigten Krim-Brücke sollen unterdessen im Juli kommenden Jahres abgeschlossen sein. Das geht aus einem Dokument hervor, das die russische Regierung auf ihrer Website veröffentlicht. Für die Explosion und die massive Beschädigung der Brücke macht die russische Führung die Ukraine verantwortlich. (APA/dpa/Reuters)
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