Konzert

Innsbrucker Meisterkonzert: Auf der Suche nach Frieden

Gänsehautmomente und neue Klangerfahrung: Raphaël Pichon und Stéphane Degout mit dem Ensemble Pygmalion.
© Achhorner

Raphaël Pichon und Stéphane Degout führten im Innsbrucker Meisterkonzert durch eine musikalische Traumwelt.

Von Wolfgang Otter

Innsbruck – Franz Schubert war zeitlebens ein Wanderer, ein Suchender. Einer, der Liebe und Geborgenheit und eine Heimat finden wollte. Das manifestiert sich auch auf mystische Art und Weise im Text von 1822, den sein Bruder Ferdinand „Mein Traum“ genannt hat. Schubert, vorerst zurückgewiesen, findet darin die ewige „Glückseligkeit“. Seinen Traum von Geborgenheit dürften in diesen Zeiten wohl viele Menschen noch intensiver als sonst teilen.

Dirigent Raphaël Pichon und der Bariton Stéphane Degout nahmen diesen also so aktuellen Traum als Leitfaden, um mit der Sopranistin Judith Fa und dem Sänger- und Instrumentalistenensemble Pygmalion das Innsbrucker Meisterkonzert-Publikum am Montagabend auf eine traumhafte Reise mit. Fast einer Oper gleich, bei der Klage, Trugbilder, Tod und Verklärung verschmolzen und die letztlich in Schuberts „Unvollendeten“ (h-Moll, D 759) ihre Vollendung und ihren Höhepunkt fand. Am Orchesterwerk arbeitete Schubert 1822, also im gleichen Jahr, in dem Schubert seinen mystischen Text „Mein Traum“ schrieb. Pichon und Degout stellten mit diesem musikalischen Mosaik mit Werken von Schubert, Robert Schumann und Carl Maria von Weber auch eine Art von „Winterreise“ zusammen, beginnend bei Auszügen aus „Lazarus“ von Schubert bis zum abschließenden Psalm „Gott ist mein Hirte“.

Sängerisch getragen wurde der Abend neben dem Chor von Pygmalion und der Sopranistin Judith Fa vom Mann des Abends: dem Bariton Stéphane Degout. Er sorgte für den stärksten und eindrucksvollsten Moment des Konzerts mit dem Lied der „Doppelgänger“ aus Schuberts Schwanengesang. In der genialen Orchestrierung von Franz Liszt folgt ein schattenhaftes Tremolo der Streicher Degout, der sich von einem Flüstern bis hin zu einem dramatischen, kraftvollen Ausbruch steigert, bevor er in Fassungslosigkeit in Stille versinkt. Ein echter Gänsehautmoment!

Pichon nahm sich bei der „Unvollendeten“ eine große Freiheit, ließ zwischen den beiden Sätzen den Gesang der Meermädchen aus „Oberon“ von Weber erklingen. Wunderschön interpretiert, jedoch sehr ungewöhnlich. Das Aneinanderreihen des ersten und zweiten Satzes, das Spielen in einem Guss, hat doch eine gewisse musikalische Logik. Aber was soll’s. Pichon sieht Musik eben in großen Räumen und Zusammenhängen.

Dabei ging der Dirigent Schuberts Siebte forsch an. Da wo andere Dirigenten die Kontrabässe im ersten Satz geheimnisvoll, dunkel Unheil heraufbeschwörend erklingen oder im zweiten Satz die zuerst nur zu erahnende Melodie sich langsam entwickeln lassen, wählt Pichon die klare direkte Linie und führt sein Ensemble zügig voran. Er fühlt sich historischer Aufführungspraxis auf historischen Instrumenten verpflichtet. So erklang eine schlanke Symfonie, jedoch in ihrer Art nicht weniger eindrucksvoll und ausdrucksstark.

Der Abschied fiel den französischen Musikern offenbar schwer. Für den stürmischen Applaus des Publikums bedankte man sich mit Heinrich Isaaks „Innsbruck, ich muss dich lassen“ und „Oh, du mein holder Abendstern“, wunderschön interpretiert von Degout, dem Richard Wagner genauso gut liegt, wie Schubert.

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