Ukraine-Krieg

250 Tage Krieg: In der Ukraine wird es immer finsterer

Nach den russischen Raketenangriffen auf die Energieinfrastruktur der Ukraine kommt es in Kiew und weiteren Regionen zu Einschränkungen bei der Stromversorgung.
© SERGEI SUPINSKY

Kein Wasser, kein Strom, keine Heizung – Russland hat begonnen, die gesamte kritische Infrastruktur der Ukraine rücksichtslos zu zerstören. Das Land steht „vor einem harten Winter mit ungewissem Ausgang", so ein Experte.

Kiew, Moskau – Der Krieg in der Ukraine tobt seit mittlerweile 250 Tagen. Seit der teils erfolgreichen Rückeroberungsoffensive der Ukraine bei Charkiv und Cherson Anfang September hat Russland begonnen, die gesamte kritische Infrastruktur des Landes rücksichtslos zu zerstören. Den Menschen werden buchstäblich Strom, Heizung und Wasser abgedreht. 60 Prozent der 330 kV-Netzanlagen sind zerstört. Die Ukraine wird so zu sagen ins Zeitalter vor der Industrialisierung zurückgebombt.

Aktuelle Satellitenbilder zeigen, dass es in der Ukrainer schlicht und ergreifend immer finsterer wird im Vergleich zu den Ländern rund herum. „Nach 250 Tagen ist die Lage im Krieg um die Ukraine von weiteren verheerenden Eskalationen geprägt. Dazu zählen in den letzten Wochen mehrere gegenseitig durchgeführte spektakuläre Angriffe. Diese lassen erkennen, dass eine Befriedung des Konflikts in naher Zukunft ausgeschlossen werden kann", analysiert Ukraine-Experte und Garde-Kommandant, Oberst Markus Reisner, die aktuelle Lage.

Die in der Ukraine verbliebenen 35 Millionen Menschen stehen vor einem harten Winter mit ungewissem Ausgang.
Markus Reisner, Ukraine-Experte und Garde-Kommandant

„Die seit dem 10. Oktober laufenden Angriffe der russischen Seite auf die kritische Infrastruktur der Ukraine haben immer schwerere Zerstörungen zur Folge. Im nun folgenden Winter kann dies verheerende Auswirkungen auf die Ukraine haben. Deren Fähigkeit den Abwehrkampf weiter fortführen zu können ist gefährdet. Die in der Ukraine verbliebenen 35 Millionen Menschen stehen vor einem harten Winter mit ungewissem Ausgang."

Mitte Oktober erfolgte bei Kiew ein erster Angriff auf das „zentrale Nervensystem", die 750 kV Leitungen. Diese führen von den restlichen neun vorhandenen Reaktoren, in den drei Kernkraftwerken, weg und speisen über sieben zentrale Umspannwerke die 330 kV Leitungen. „Die Zerstörung der Umspannwerke und der zentralen 750 kV Leitung hätte verheerende Folgen. Ziel der Angriffe der Russen ist eindeutig die ukrainische Bevölkerung."

Menschen befüllen ihre Kanister mit Wasser bei einer öffentlichen Pumpe in einem Park in Kiew.
© SERGEI CHUZAVKOV

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„Russen sind offensichtlich gekommen um zu bleiben"

Militärisch versuche die Ukraine gerade im Verborgenen eine dritte Offensive voranzutreiben. Ein Stoß aus dem Raum ostwärts des Dnepr-Knies bzw. Zaporozhye in Richtung Melitopol und Asowsches Meer. Würde er gelingen, wäre die gesamte russische Kräftegruppierung im Raum Cherson, Zaporozhye und auf der Krim vor dem Winter von der Versorgung abgeschnitten. Im Moment versuchen die russischen Kräfte die ukrainischen Bereitstellungen mit Artillerie, „Kamikaze"-Drohnen und Luftstreitkräften zu zerschlagen. Die Ukraine setzt dagegen eigene weitreichende Artillerie (darunter aus den USA gelieferte HIMARS-Systeme), GEPARD-Flugabwehrpanzer und S300 Fliegerabwehrbatterien ein.

Militärisch versucht die Ukraine laut Reisner gerade im Verborgenen eine dritte Offensive voranzutreiben.
© DIMITAR DILKOFF

„Es ist eindeutig erkennbar, dass Russland sich entlang des von ihm besetzten Gebiets zur Verteidigung eingräbt. Im Donbass und Cherson sind umfangreiche Schanzarbeiten erkennbar. Die Russen sind offensichtlich gekommen um zu bleiben. Ein Zusammenbruch der Moral ist, trotz aller im Westen gezeigten gegenteiligen Videos, noch nicht erkennbar. Die Teilmobilisierung ist trotz anfänglicher gravierender Missstände angelaufen. Im Dezember und Jänner werden die Masse der Mobilisierten in den Kampfräumen eintreffen und dort das seit Februar bestehende Hauptdefizit der russischen Streitkräfte, den Mangel an Infanterie, ausgleichen. Darauf muss sich die Ukraine über den Winter vorbereiten", so Reisner.

Der ukrainische Generalstab geht davon aus, dass das Potenzial russischer Marschflugkörper zu über 50 Prozent erschöpft ist bzw. dass der verfügbaren ballistischen Raketen bereits unter 20 Prozent steht. Russland hat es hier aber durch die Anlieferung iranischer Drohnen vom Typ SHAHED-136 geschafft sein Momentum aufrechtzuerhalten. „Die Ukraine braucht rasch und umfangreich moderne Multisensor-Fliegerabwehrmittel, kurzer, mittlerer und hoher Reichweite. Nur so kann sie die eigene Tiefe des Landes schützen und eine Versorgung der Bevölkerung sicherstellen."

📽️​ Video | ZiB-Korrespondent Wehrschütz zum Widerstandswillen der Ukrainer:

Moskau will Angriffe auf Infrastruktur fortsetzen

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu hat eine Fortsetzung der Raketenangriffe auf die ukrainische Infrastruktur angekündigt. Damit würden „effektiv“ Objekte zerstört und das militärische Potenzial der Ukraine reduziert, sagte er am Dienstag bei einer Militärsitzung in Moskau. Parallel zum Start von Einberufungen auf der Halbinsel Krim ließ Moskau weitere Gebiete der angrenzenden Region Cherson evakuieren.

Die Aktion werde in höchstens drei Tagen abgeschlossen sein, sagte Verwaltungschef Wladimir Saldo am Dienstag im russischen Fernsehen. Es gehe um einen 15 Kilometer breiten Streifen. Saldo machte keine Angaben zur Zahl der Zivilisten in dem Gebiet. Die russische Armee hatte zuvor bereits Gebiete am rechten Flussufer geräumt, auf dem sich auch die Gebietshauptstadt Cherson befindet. Dort wird schon seit Monaten ein ukrainischer Angriff erwartet. Die Ukraine sieht in den Evakuierungsaktionen eine Verschleppung seiner Staatsbürger.

In der Ukraine wird unterdessen befürchtet, dass Russland bald auch iranische Mittelstreckenraketen im Krieg einsetzten könnte. Dies sei gefährlich, weil die Ukraine keine geeigneten Abwehrwaffen habe, sagte Luftwaffensprecher Jurij Ihnat am Dienstag in Kiew. „Wir haben eine Luftverteidigung, keine Raketenabwehr“, sagte er. Es gehe um ballistische Raketen iranischer Bauart mit Reichweiten von 300 bis 700 Kilometern, die den russischen Boden-Boden-Raketen vom Typ Iskander-M ähnelten.

Macron sagte Hilfe bei Reparatur zu

Der französische Präsident Emmanuel Macron sagte Kiew am Dienstag Hilfe bei der Reparatur der Wasser- und Energieinfrastruktur zu. Frankreich werde der Ukraine helfen, den Winter zu überstehen und auch die ukrainische Luftabwehr stärken, teilte er nach einem Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit. Er habe zudem mit Selenskyj vereinbart, am 13. Dezember in Paris eine internationale Konferenz für eine Unterstützung der ukrainische Zivilbevölkerung im Winter auszurichten. Eine bilaterale Konferenz am Tag zuvor werde auch darauf abzielen, die Unterstützung der Ukraine durch französische Unternehmen zu verstärken.

Stromversorgung in Kiew wieder hergestellt

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko hatte am Dienstagvormittag bekanntgegeben, dass die Wasser- und Stromversorgung in der Hauptstadt wieder hergestellt sei. In der Hauptstadt Kiew und sechs weiteren Regionen kommt es jedoch zu Einschränkungen bei der Stromversorgung. Das Licht werde für Kunden zeitlich gestaffelt abgeschaltet, teilte der Energieversorger Ukrenerho mit. Betroffen seien auch die Regionen Tschernihiw, Tscherkassy, Schytomyr sowie Sumy, Charkiw und Poltawa.

Durch die Abschaltungen solle eine Überlastung des Stromnetzes verhindert werden, hieß es. Das gebe Experten auch die Möglichkeit, die durch Raketen- und Drohnenangriffe beschädigten Anlagen zu reparieren und wieder ans Netz zu bringen. Die Bevölkerung der Ukraine muss schon seit Wochen mit Beschränkungen leben: Die Menschen sind aufgerufen, besonders während der Spitzenzeiten morgens und abends Strom zu sparen. Waschmaschinen und Heizungen sollen möglichst nur nachts laufen, unnötige Lichtquellen aus bleiben. (APA, dpa)

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