Neues Buch

„Cinema Speculation“ von Quentin Tarantino: Neuer Kanon mit mächtigen Kanonen

Gewalt ist in Hollywood gut fürs Geschäft: Peter Boyle in „Joe“ (1970), einer heute beinahe vergessenen Tragikomödie mit groteskem Finale.
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In „Cinema Speculation“ erinnert Quentin Tarantino prägende Kinoerfahrungen – und imaginiert Meisterwerke, die es nicht gibt.

Innsbruck – Zehn Filme will Quentin Tarantino in seiner Laufbahn als Regisseur drehen. Das hat er vor Jahren angekündigt. „Once Upon a Time in Hollywood“ war 2019 der neunte. Über sein letztes Projekt wird seither spekuliert. Konkreteres gibt es dazu nicht zu berichten. Zuletzt hat Tarantino, er wird im nächsten Jahr 60, neue Rollen erprobt. 2021 ist sein erster Roman erschienen. Der hieß zwar auch „Once Upon a Time in Hollywood“, erzählte aber vor allem das, wofür im Film Raum, Zeit und Geld fehlten.

QuentinTarantino.
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Inzwischen hat Tarantino ein zweites Buch geschrieben. „Cinema Speculation“ ist ein Sachbuch, eine eigenwillige Mischung aus den Erinnerungen eines fanatischen Kinogängers, Filmgeschichte und Theorien und Thesen zur populären Kunst. Tarantino erzählt von Filmen, die ihn früh beeindruckt, verblüfft oder verstört haben. Er ordnet sie produktionshistorisch und emotional ein. Zentrales Thema ist das „New Hollywood“ der 1970er-Jahre. Natürlich kennt Tarantino die gängigen Bestenlisten. Überhaupt scheint es kaum einen Film zu geben, den er nicht kennt. Für das akademisch bestens Erforschte, für Scharnierwerke wie „Easy Rider“ oder „Der Pate“, interessiert er sich aber nur am Rande. In seiner persönlichen Filmgeschichte steht Abseitigeres im Rampenlicht. Filme wie „Joe“ zum Beispiel, eine heute vergessene Tragikomödie mit Peter Boyle, die in einem grotesken Massaker mündet.

Die Auseinandersetzung mit Gewalt im Film nimmt in Tarantinos an mächtigen Kanonen reichem neuem Kanon viel Raum ein. Küchenpsychologische Zirkelschlüsse erlaubt er sich dabei keine. Das Kino reagiert auf die Gewalt der echten Welt – nicht umgekehrt. Das ist bisweilen, bei Steve McQueen in „Bullitt“ zum Beispiel, unglaublich cooler Ausdruck reaktionärer Ratlosigkeit und mag, da ist Tarantino Aristoteliker, mitunter auch kathartische Wirkung entfalten, vor allem aber ist Gewalt im Kino aufregend – und sie regt auf. Aber auch Aufregung ist gut fürs Geschäft. Über die kulturindustrielle Verfasstheit Hollwoods sollte man sich keine Illusionen machen, sondern sich auf das, was auf den Markt kommt, rücksichtslos einlassen.

Tarantino liebt das Kino als Erfahrungs- und als Möglichkeitsraum. Er schwärmt für Filme und Filmemacher, lässt sich aber von der eigenen Begeisterung nicht täuschen: Auch seine Lieblinge – etwa „Sisters“ von Brian De Palma oder „Deliverance“ von John Boorman – haben Schwächen. Doch auch in diesen Schwachpunkten stecken gute Geschichten. Selbst einem im Grunde seit Jahrzehnten totanalysierten Film wie „Taxi Driver“ trotzt Tarantino solche Geschichten ab. Was wäre – fragt er sich –, wenn nicht Martin Scorsese, sondern, das stand eine Zeit lang im Raum, De Palma den Film inszeniert hätte? Tarantino imaginiert ein Meisterwerk, das es nicht gibt – und wird dem Meisterwerk, das es gibt, trotzdem nicht untreu. Hier verspricht der Buchtitel, anders als bei manchem B-Movie, das Tarantino liebt, nicht zu viel: In „Cinema Speculation“ spekuliert Quentin Tarantino auf spektakulärem Niveau. Solange er solche Bücher schreibt, darf er sich mit seinem letzten Film noch viel Zeit lassen. (jole)

Sachbuch Quentin Tarantino: Cinema Speculation. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. KiWi, 393 Seiten, 26,80 Euro.