60 Mio. Euro für drei Jahre

„Fluchtgründe reduzieren": Österreich stockt internationale Nahrungsmittelhilfe deutlich auf

Kinder in einem Flüchlingslager im Libanon (Archivfoto).
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Insgesamt sind 60 Millionen Euro für die kommenden drei Jahre vorgesehen, heuer waren es 1,6 Millionen Euro.

Beirut – Das Landwirtschaftsministerium stockt die Mittel für die internationale Nahrungsmittelhilfe deutlich auf. Insgesamt sind 60 Millionen Euro für die kommenden drei Jahre vorgesehen, heuer waren es 1,6 Millionen Euro. Ein Großteil der Mittel soll an das Welternährungsprogramm (WFP) im Rahmen einer strategischen Partnerschaft fließen. Am Donnerstag machte sich Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) im Libanon ein Bild davon, wie die Hilfen eingesetzt werden.

Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP).
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„Die Lage ist hier speziell schwierig", sagte Totschnig. Die wirtschaftliche Situation ist katastrophal, die Inflation enorm. Die Währung ist seit 1997 an den US-Dollar gekoppelt. Seit dem Sommer 2019 galt der jahrelange Tauschwert (1500 libanesische Pfund – 1 US-Dollar) nicht mehr, auf dem Schwarzmarkt wird der Dollar seither teurer und teurer. Am Donnerstag wurden die Menschen im Land mit einem neuen Spitzenwert geschockt. Für einen US-Dollar musste man 46.500 libanesische Pfund bezahlen. Verschlechtert wird die Situation durch die gestiegenen Weltmarktpreise für Nahrungsmittel in Folge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine.

Mittlerweile ist eine oder einer von drei Libanesinnen und Libanesen auf Nahrungsmittelhilfe des Welternährungsprogramms angewiesen. In Beirut befindet sich die größte von mittlerweile drei Lagerhallen des WFP. Hier sind Tausende Säcke mit Linsen, Reis, Nudeln und Öl gestapelt. 300 Container kommen hier pro Monat an. „Die Situation im Libanon verändert sich von schlecht zu schlechter", sagte WFP-Libanon-Direktor Abdallah Alwardat. „Wir erleben eine ernste Krise."

Auch Geflüchtete unter Hilfsbedürftigen

Zu den libanesischen Hilfsbedürftigen kommen Hunderttausende Geflüchtete vor allem aus Syrien. Im November erhielten allein 1,1 Millionen Syrerinnen und Syrer Unterstützung vom WFP – unter anderem mit Bargeldtransfers mit denen sie das kaufen können, was sie am dringendsten benötigen.

„Hunger kann man in der westlichen Welt mit finanziellen Mitteln bekämpfen und somit unter anderem Fluchtgründe reduzieren", sagte Totschnig. Hilfe vom libanesischen Staat erhalten die Geflüchteten keine. Der libanesische Geheimdienst sprach im Oktober von knapp zwei Millionen Syrerinnen und Syrern im Land. Registriert wird seit 2015 keiner der Geflüchteten mehr. Im Libanon geborene Kinder von Syrerinnen und Syrer haben folglich auch keine Papiere. Und vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise verschlechtert sich die Stimmung gegenüber den Geflüchteten weiter.

Barfuß in Schnee und Matsch: Ein Flüchtlingskind in der Bekaa-Ebene in unmittelbarer Nähe zu Syrien.
© AFP

In der Bekaa-Ebene in unmittelbarer Nähe zu Syrien haben sich besonders viele Syrerinnen und Syrer angesiedelt. Man sieht die einfachen Zelte alle paar Meter. Die Menschen mieten ein Stück eines Feldes von privaten Besitzern, auf dem sie mit zusammengetragenen Planen eine notdürftige Unterkunft errichteten, die Wind und Wetter oft nicht standhält. Bei größeren Niederschlägen würden die Zelte geflutet, berichtet eine WFP-Mitarbeiterin.

„Glauben Sie, dass wir freiwillig so leben?", fragt eine 37-jährige Frau, die Totschnig in ihrem Haus besucht. Vor zehn Jahren ist sie aus Aleppo geflohen. Das Zelt hat ein einfaches Fenster, das ihr mittlerweile verstorbener Mann als Tagelöhner von einem Arbeitgeber erhalten hat. Auf dem kalten Boden tappt das jüngste der sieben Kinder – ein einjähriges Mädchen – barfuß herum. Das einzige Paar Socken sei nass, erklärt die Frau. Auch draußen, wo es matschig und kalt ist, gehen viele Kinder in kaputten Sandalen oder barfuß. Totschnig fragt die Frau nach ihren Zukunftsplänen. Sie wisse nicht, was sie tun solle, antwortet sie. Zurück könnten sie nicht – die Angst, zu „verschwinden" sei zu groß. Wie unter anderem Amnesty International berichtete, sind Rückkehrerinnen und Rückkehrer der Gefahr ausgesetzt, von syrischen Geheimdiensten verhaftet, gefoltert und ermordet zu werden.

Archivfoto aus dem Januar: Kinder spielen in einem Flüchtlingslager im Libanon im Schnee.
© AFP

„Meine Kinder wünschen sich Bananen“

„Jeder Tag ist schlimmer als der vergangene", sagt die Frau. Die Unterstützung der Hilfsorganisationen reiche nicht. „Meine Kinder wünschen sich Bananen, aber die kann ich nicht bezahlen." Vom WFP heißt es, dass das Welternährungsprogramm noch nie ein so großes Budget gehabt habe wie heuer und dennoch sei man zu mehr als 50 Prozent unterfinanziert. In dieser angespannten Lage müsse man schwierige Entscheidungen treffen: Bekommen besonders Bedürftige mehr und dafür andere weniger? Bekommen alle weniger? Man entschied sich dafür, die Hilfen auf maximal sechs Personen pro Haushalt zu begrenzen.

Für die aus Aleppo geflüchtete Frau mit ihren sieben Kindern bedeutet das, dass sie für zwei Personen kein Geld bekommt – bei gestiegenen Preisen. Sie müsse doch aber die Miete und den Strom bezahlen, sagt sie. Wie überall im Libanon sieht es dabei mit der Stromversorgung schlecht aus. Zwei Stunden tagsüber und sechs Stunden in der Nacht wird der Strom abgeschaltet. Das ist etwas besser als beispielsweise in Beirut. Dort funktioniert ohne Generatoren fast nichts.

Für den WFP-Libanon-Direktor Abdallah Alwardat sind die Eindrücke und Berichte in den Zeltlagern nicht neu. Erschüttert ist er trotzdem: Es sei so deprimierend hier, sagt er. Deshalb will er nun etwas Positives im Elend zeigen, ein im vergangenes Jahr abgeschlossenes Projekt namens „Livelihood", finanziert und durchgeführt von mehreren Hilfsorganisationen wie WFP und Worldvision. Durch den Bau und die Sanierung von Kanälen und Wegen werden Überschwemmungen der landwirtschaftlichen Flächen im Winter verhindert. In der trockenen Zeit wird wiederum Wasser geliefert. An dem Projekt wurden Libanesinnen und Libanesen ebenso wie geflüchtete Syrerinnen und Syrer beteiligt. Wenn auf den Feldern der libanesischen Landsleute geerntet werden könne, hätten die Syrerinnen und Syrer Arbeit, so Alwardat. „Ein Lichtblick." (APA)

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