Schallende Ohrfeige: „Don Pasquale" im Erler Festspielhaus kann sich sehen lassen
Donizettis „Don Pasquale“ in einer melancholischen Inszenierung im Erler Festspielhaus. Ein Sängerfest mit Donato di Stefano, Bianca Tognocchi und Dirigent Giuliano Carella.
Erl – Autsch! Das hat wehgetan. Nein, nein – jetzt folgt kein Verriss. Die Aufführung im Erler Festspielhaus kann sich sehen lassen. Daher gleich vorweg eine Empfehlung: Hingehen und anschauen, es lohnt sich!
Zurück zur angesprochenen schmerzhaften Ohrfeige. Die kassierte Don Pasquale von Norina oder Sofronia, oder wer gerade immer die junge resolute Dame zu diesem Zeitpunkt war. Womit wir beim Kern von Gaetano Donizettis Opera buffa „Don Pasquale“ sind. Es ist alles etwas kompliziert, aber sehr lustig. Nicht derb, sondern spitzfindig, mit feinem Humor. Da fehlt der Tiefgang – amüsant und manchmal etwas melancholisch soll diese Oper sein und mehr nicht.
Genial komponiert ist sie ohnedies, auch wenn Donizetti im Jahr des Entstehens durch seine fortschreitende Syphilis-Erkrankung bereits zeitweise geistig umnachtet war. Bei der Opern-Premiere in Paris Mitte des 19. Jahrhunderts gab es sogar eine Art Skandal, war doch eine Frau, die einen Mann schlägt, noch dazu einen adeligen, nicht gerade dem damaligen Frauenbild entsprechend.
Womit wir wieder bei der Ohrfeige sind. Sie ist auch der Wendepunkt in der Geschichte rund um den alten Geizkragen Don Pasquale, dem es ab diesem Moment wie Schuppen von den Augen fällt. Da erkennt er, dass seine angebetete, anfänglich so schüchterne Sofronia (eigentlich Norina – wie gesagt, es ist etwas kompliziert) gar nicht der liebreizende Engel ist, mit dem er seinen zweiten, nein, eigentlich dritten, Frühling erleben will. Das Mädel hat plötzlich Haare auf den Zähnen. Ab diesem Punkt will er sie am liebsten wieder loswerden, was genau deren Intention entspricht. Dann ist der Weg für den jungen Liebhaber Ernesto frei. Eingefädelt hat das Ganze der pfiffige Malatesta. Wie bereits erwähnt, die Geschichte hat nicht gerade viel Tiefgang.
Regisseurin Caterina Panti Liberovici versucht gerade, den zu erzeugen und tut manchmal etwas zu viel dabei. Sie inszeniert auf mehreren Ebenen, um dem Geschehen so viel Gestalt wie möglich zu geben. Manchmal wähnt man sich in einer Traumwelt, eingefangen in einer Erinnerung. Da tänzeln Doubles (Kathrin Freihube und Katharina Glas) von Norina (also auch von Sofronia oder umgekehrt) und ihrem jungen Galan über die Bühne, erscheinen hinter dem Vorhang schemenhaft. Es ist eben alles nur eine Scharade, scheint die Botschaft zu sein.
Eingepackt ist das Ganze in einen Mantel voller Melancholie. Und ganz am Anfang wähnt man gar den Komponisten selber zu sehen, wie er da im Bett liegt und in einem bedauernswerten Zustand um die Ideen kämpft – oder ist es doch Don Pasquale, der da Lebenserinnerung oder Poesie schreibt – oder vielleicht beide? Liberovici lässt vieles offen. Nicht alles ist logisch, was sich da auf der Bühne abspielt. Aber dafür schön, genauso Sergio Mariotts Bühnenbild und Joachim Kleins Lichteffekte. Raphaela Roses Kostüme wechseln zwischen bürgerlicher Kleidung und Commedia dell’Arte.
Don Pasquale ist Belcanto in absoluter Meisterschaft, und das scheint Dirigent Giuliano Carella im Blut zu haben. Er findet mit seinem wie immer exzellent musizierenden Erler Festspielorchester den richtigen Schwung. Die Tempi sitzen, die Ouvertüre ist ein Genuss, Solisten und Orchestermusiker werden vom ersten bis zum letzten Takt eine Einheit.
Es ist aber ganz besonders der Abend von Donato di Stefano. Sein Don Pasquale ist nicht (nur) der polternde Alte, sondern, auch stimmlich, der melancholische, Mitleid erregende Mann am Ende des Weges, der sich noch nach etwas Liebe und Zuneigung sehnt, aber bitter enttäuscht wird. Verantwortlich dafür ist die stimmlich beeindruckende Bianca Tognocchi als Norina. Ob kokett, schüchtern, furienhaft oder voller Inbrunst verliebt – Tognocchi schlüpft mühelos auch gesanglich in alle Rollen und begeistert. Danylo Matviienko als Malatesta und Brayan Avila Martinez als Ernesto, dieser anfänglich etwas blass, sowie Nicolas Legoux komplettieren das begeisternde Solistenensemble.
Weitere Aufführungen am 4. und 6. Jänner. Infos und Karten unter www.tiroler-festspiele.at
Kommentare