Krieg in der Ukraine

Folter-Opfer aus Cherson nach Wien gekommen, um „Welt wachzurütteln"

Zellen in Cherson, die zum Foltern von pro-ukrainischen Bürgern genutzt wurden.
© AFP/Savilov

Serhii Nosach aus der Region Cherson wurde für seine pro-ukrainische Position verhaftet und gefoltert. In Wien berichtete er nun von seinen Erfahrungen.

Wien, Kiew, Moskau – Die Welt wachrütteln: Das will das ukrainische Ehepaar Tetiana und Serhii Nosach und ist deshalb nach Wien gekommen. Von ihren Erfahrungen mit Folter, Tod und Zerstörung im besetzten Oblast Cherson berichteten die beiden am Mittwoch zunächst bei einer Veranstaltung mit OSZE-Delegationen und anschließend in einem Pressegespräch im Amerika-Haus in Wien.

Er habe seine Einstellung nie versteckt, sagt Serhii Nosach: „100 Prozent Ukraine." Die Region Cherson stand von Anfang März bis Mitte November 2022 unter russischer Besatzung. Am 11. November vermeldete die russische Armee den vollständigen Abzug aus der Region. Für seine Einstellung wurde Nosach am 5. August zu Hause in seiner Heimatstadt Beryslaw verhaftet. Er habe damit gerechnet, berichtet der 51-Jährige. Viele in seiner Umgebung seien bereits gefangen genommen worden, es sei für ihn also klar gewesen, dass er der Nächste sein würde. Nosach ist Lehrer für Geschichte und Landesverteidigung – doch in der Schule unterrichtete er zum Zeitpunkt seiner Verhaftung nicht mehr.

Die Besatzer sagten, dass Soldaten überprüfen würden, ob die Schülerinnen und Schüler ukrainischen Online-Unterricht besuchten. Wenn ja, gäbe es Konsequenzen.
Serhii Nosach, Lehrer

Seiner Frau, Assistentin einer Lehrerin in einer Volksschule, ging es ähnlich: Wenige Tage nach der Belagerung habe der neu eingesetzte Direktor erklärt, dass dies nun eine russische Schule sei und die Schülerinnen und Schüler nach dem russischen System unterrichtet würden, sagt Tetiana Nosach. „Lehrkräfte, die das nicht wollten, hatten zwei Stunden Zeit, um ihre Sachen zu räumen." Online-Unterricht war demnach verboten. „Die Besatzer sagten, dass Soldaten überprüfen würden, ob die Schülerinnen und Schüler ukrainischen Online-Unterricht besuchten. Wenn ja, gäbe es Konsequenzen."

Schülerinnen und Schüler, die in nicht besetzte Gebiete geflohen seien, hätten die ukrainischen Online-Angebote in Anspruch nehmen können. Alle anderen wurden monatelang nicht unterrichtet. „Dann gab es keinen Strom und kein Internet", so Tetiana Nosach. Im Sommer versuchten laut Nosach Schülerinnen und Schüler, aus der Schulbibliothek Bücher auszuleihen, um sich auf das kommende Schuljahr vorzubereiten. „Die russischen Besatzer sagten, es gebe keine Bücher. Die russischen Bücher würden erst geliefert."

Er sei schockiert gewesen von zwei seiner Kolleginnen, die mit dem „russischen Regime kollaborierten". Diese seien allerdings die einzigen von 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gewesen, berichtet Serhii Nosach, der heute dem Gemeinderat von Beryslaw angehört und in diesem Rahmen den Wiederaufbau seiner Stadt mitorganisiert – ohne dort zu wohnen. Die Frontlinie verlaufe ganz in der Nähe. Explosionen, Phosphorbomben gebe es „ständig", erzählt er.

Zeit in Gefangenschaft war „am schlimmsten"

Und auch ohne Einkommen sei es sehr schwer gewesen, in der Stadt zu bleiben, sagt seine Frau. Die Flucht in die Region Saporischschja im September beschreibt sie als emotional hart und kräftezehrend. Endlich aber habe man wieder atmen können.

„Am schlimmsten war die Zeit meiner Gefangenschaft", sagt ihr Mann. Mit 16 anderen Personen sei er in einen Container gesperrt geworden, ohne Fenster, mit viel zu wenig Essen und in unerträglicher Hitze. Mit Elektroschocks habe man ihn mehrfach gefoltert und ihm mit dem Tod gedroht – doch er habe keine Namen anderer pro-ukrainisch eingestellter Menschen genannt. „Russland ist hier für immer, Wladimir Putin ist der Präsident der Welt", hätten die Soldaten gerufen. Nach drei Tagen sei er freigelassen worden mit schweren Herzproblemen. Ein russischer Arzt habe ihm nicht geholfen. Zwei Wochen verbrachte er im Spital. Die Stadt habe er nicht verlassen dürfen.

Der „große Traum", sagt Serhii Nosach: „Nach Hause kommen." Alles sei gut gewesen, „da war Leben und Arbeit". Seine Frau wünscht sich außerdem, ihre Eltern wiederzusehen. Das sei zuletzt vor dem Krieg möglich gewesen. Mutter und Vater leben im besetzten Gebiet am linken Ufer des Dnipro. Und es solle „allen Menschen möglich sein, zurückzukommen", sagt Tetiana Nosach, „und alle besetzten Gebiete sollen 100 Prozent ukrainisches Territorium sein." (APA)

Verwandte Themen