Studie zu Gewaltdelikten

Wo das durchschnittliche Sterbealter am ehesten erreicht wird

Demographen haben sich den Einfluss von Gewaltdelikten auf die Verteilung des Sterbealters angesehen.
© HARALD SCHNEIDER

In manchen Ländern führen Tötungsdelikte zu einer deutlichen Streuung in der zu erwartenden Lebenszeit, heißt es in einer Studie. Österreich zählt dabei zu den Ländern, wo sich die BewohnerInnen am ehesten an der Lebenserwartung orientieren können.

Wien – Österreich zählt zu den Ländern der Welt, in denen sich die Bewohner in ihrer Lebensplanung am ehesten an der durchschnittlichen Lebenserwartung orientieren können. Das ist ein Ergebnis einer Studie von Demographen, die den Einfluss von Gewaltdelikten auf die Verteilung des Sterbealters länderübergreifend untersucht haben. In manchen Ländern führen Tötungsdelikte zu einer deutlichen Streuung in der zu erwartenden Lebenszeit, heißt es im Fachblatt "Science Advances".

Dass in Ländern mit vielen Gewaltdelikten im Schnitt auch die Lebenserwartung absinkt, liegt auf der Hand. Ein Team um eine der Hauptautoren und -autorinnen Vanessa Di Lego vom Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) machte sich nun daran herauszufinden, wie sich verschieden hohe Gewaltniveaus in verschiedenen Gesellschaften auswirken.

Die Forscherinnen und Forscher glichen dazu die jeweiligen Sterblichkeitsstatistiken mit dem "Global Peace Index" (GPI) ab. Darin werden 163 Länder der Welt hinsichtlich ihrer Friedfertigkeit bewertet. Erfasst sind etwa Beteiligungen an bewaffneten Konflikten, das Ausmaß an Terrorismus oder Waffengewalt insgesamt.

Gewaltlevel und Ungewissheit des Sterbealters hängen zusammen

Die Analyse zeigte nun, dass die Abweichungen von der im Schnitt zu erwartenden Lebensspanne "in Ländern mit mehr Gewalt deutlich größer sind", so Di Lego am Freitag in einer ÖAW-Aussendung. Die Unterschiede seien jedenfalls sehr breit nachweisbar. So haben die Wissenschafter auch die sozioökonomischen Gegebenheiten berücksichtigt. Das Team sah aber "immer noch einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Gewaltlevel und der Ungewissheit des Sterbealters. Gewalt ist ein wichtiger Treiber für gesellschaftliche Instabilität und betrifft nicht nur die direkten Opfer, sondern alle, die mit der Verunsicherung leben müssen", sagte Di Lego.

Österreich ist demnach eines der Länder, in denen diese Verunsicherung vergleichsweise gering ausgeprägt sein sollte. Es gehört bekanntlich zu den friedlichsten Ländern der Welt und weist laut der neuen Analyse auch die sechstniedrigste Ungewissheit beim Sterbealter auf. Neben Österreich finden sich noch Australien, Belgien, Kanada, die Schweiz, die Tschechische Republik, Dänemark, Finnland, Irland, Island, Japan, Norwegen, Neuseeland, Portugal, Singapur, Slowenien und Schweden in der Gruppe der Staaten mit wenig Ungewissheit.

Gewalt vor allem männliches Phänomen

Am anderen Ende des Spektrums liegen Länder wie das seit Jahren vom Bürgerkrieg gebeutelte Syrien, viele Länder in Mittel- und Südamerika, die etwa von großer Bandenkriminalität heimgesucht werden, sowie einige afrikanische Staaten oder Länder im Nahen- und Mittleren Osten. Dass Gewalt ein stark männlich geprägtes Phänomen ist, zeigt die Studie ebenso: "Sowohl in bewaffneten Konflikten als auch in Ländern mit hohen Mordraten sind die Auswirkungen auf die Ungewissheit des Sterbealters von Männern größer. Frauen leiden indirekt, weil sie vermehrt nicht-tödliche Gewalt erfahren oder Witwen werden", so Di Lego.

Insgesamt illustrieren die Daten, dass viel mehr in Richtung Gewaltprävention getan werden müsste. "In Ländern, in denen Kriege, hohe Mordraten oder andere Konflikte die Ungewissheit des Sterbealters erhöhen, kann das Auswirkungen auf wichtige Lebensentscheidungen haben. Die Menschen sind zum Beispiel eher geneigt, einen gesunden Lebensstil zu pflegen, wenn sie relativ sicher sein können, ein hohes Alter zu erreichen", so die Demographin. (APA)

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