Kritik

Ein Hauch von Salome an der Wiener Staatsoper

Salome (Malin Byström) und der Henker Jochanaans (Pablo Delgado) in Strauss’ „Salome“ an der Wiener Staatsoper.
© Ashley Taylor

Die Wiener Staatsoper schenkte sich eine neue „Salome“ von Richard Strauss. Das Ergebnis fiel künstlerisch wenig eindrucksvoll aus.

Innsbruck – Irgendwann merkt man den Duft. Kreiert von einem französischen Super-Parfümeur, der für große Designer seine vergänglichen Kunststückchen zaubert. Süßlich herb fährt es einem in die Nase. Thymian, Rosmarin, meint man zu erkennen, wenn Salome und ihr kindliches Tänzerinnen-Double schleierlos den Schleiertanz tänzeln.

Spätestens beim Schlussapplaus ist der Duft verflogen. Aber nicht, weil so wild applaudiert würde. Auf die ekstatische Verzückung der den abgeschlagenen Kopf Jochanaans küssenden Salome folgt enden wollende Freundlichkeit. Selbst die paar Buhs für den französischen Regisseur Cyril Teste und seine erst dritte Opernarbeit wirken aufgesetzt, so unaufregend weht die Sache vorbei.

Diesmal schließt man an den Maßstab der Vorgänger-Direktion an. Bei eher planlosem Herumstehen und -gehen wähnt man sich in einer Selbstfindungsgruppe für Operncharaktere. Im Vorfeld wusste der Regisseur allerdings ganz viel Interpretations-Intention zu erzählen, die sich dann auf der Bühne nicht erschließt oder erst gar nicht blicken lässt.

So muss die erwachsene Salome ihr frühkindliches Trauma aufarbeiten. Das passiert in Gestalt einer kindlichen Doppelgängerin, die sich ganz lieb an Jochanaan schmiegt, im Irrglauben, es wäre der von Herodias gemeuchelte Vater. Das erfährt man aber nur bei Oscar Wilde, dessen Text sich Strauss zum Libretto gekürzt hat.

Es gibt ein Live-Video à la Frank Castorf, das glatt und dramaturgisch unschlüssig nur Behübschung bleibt. Der Versuch, einen pervertierten Hof zu zeigen, verebbt in biederem Sitzen um eine Tafel, an der Hoheiten und Dienerschaft hierarchielos Platz finden. Das alles passiert im wahr gewordene Bastler-Traum von einem Oligarchenpalast in jugendstiligem Gipskarton-Charme. Über die ganze Rampenlänge in die Bühnenmitte hinein zieht sich ein mit Spiegelfolie gefaktes Hotellobby-Rinnsal, unter dem Jochanaan in seiner Zisterne schmachtet (Bühne: Valérie Grall).

Malin Byström ist eine Salome vom Typ kühle Blonde, im weißen Seidenkleidchen verbreitet sie die Anmutung einer desperaten High-Society-Schönen auf Urlaub in den Hamptons. Ihr apart und hell getönter Sopran passt dazu gut, aber weniger zur Partie der Salome, die sie in der Höhe und Tiefe arg überanstrengt. Blass fällt auch der Jochanaan von Wolfgang Koch aus, außer er scheppert laut verstärkt aus der Zisterne.

Michaela Schuster liefert eine unauffällige Herodias ab, dafür kann Gerhard Siegel umso mehr als scharfer und prächtig grauslicher Herodes groß punkten. Eine Ausnahme, wie auch Patricia Nolz, die als luxuriöser Page die strenge Gouvernante geben muss, und Daniel Jenz, der sich nach seinen kultiviert vorgetragenen Naraboth-Noten die Kehle durchschneidet.

Auch Philippe Jordan steht mit dem Orchester, das er mächtig und farbenfroh, wenn auch nicht ganz unfallfrei aufrauschen lässt, auf der Habenseite einer Neuproduktion, die so nachhaltig wie eine Parfümwölkchen ins Gemüt fährt.