Brutaler Angriffskrieg Russlands

Wenig Strategie, viel Symbolik: Blutiger Kampf um Bachmut

Rauch steigt über dem zerstörten Bachmut auf.
© APA/AFP/Chiba

Fast 200.000 Soldaten hat der russische Präsident Wladimir Putin in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine bereits in den Tod geschickt. Besonders blutig sind dabei Schlachten wie jene um Bachmut im Norden von Donezk.

Von André Ballin und Andreas Stein/dpa

Kiew, Moskau – Fast 200.000 russische Soldaten sind inzwischen nach US-Einschätzung in der Ukraine gefallen oder verwundet worden. Die größten Verluste habe Moskau dabei bei den Kämpfen im Raum Bachmut im Norden von Donezk erlitten, schrieb die "New York Times" in der vergangenen Woche. Unabhängig bestätigen lassen sich die Angaben nicht, doch es wäre ein drastischer Anstieg bei den Ausfällen.

Noch Anfang November hatte US-General Mark Milley die Zahl der russischen Toten und Verletzten in der Ukraine auf 100.000 beziffert. Innerhalb von drei Monaten hätten sich damit die Verluste verdoppelt.

Nach Einschätzungen von Militärexperten ist dies in erster Linie auf die russische Taktik bei der Schlacht um Bachmut zurückzuführen. Da die Artilleriemunition knapp sein soll, setze Moskau vermehrt auf die Infanterie. Ohne Rücksicht auf Verluste stürmen demnach Kämpfer der Söldnereinheit Wagner in kleinen Gruppen in mehreren Wellen die Positionen der Ukrainer. Dabei schicke man die in Gefängnissen rekrutierten Häftlinge vor. Laut der Bürgerrechtsorganisation "Russland hinter Gittern" sind von den 50.000 angeworbenen Gefangenen nur noch 10.000 an der Front. Der Rest sei gefallen, verwundet und gefangen genommen worden oder desertiert.

Ukrainische Soldaten feuern auf russische Positionen.
© imago

Wagner-Chef bestätigt hohe Opferzahlen

Die gewaltigen Opfer hat Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin jüngst selbst indirekt bestätigt. Die Schlacht von Stalingrad im Zweiten Weltkrieg sei nichts im Vergleich zu Soledar gewesen, behauptete der wegen seiner Nähe zum Kremlchef auch "Putins Koch" genannte Oligarch. Zwar diente der Vergleich wohl auch der eigenen Selbsterhöhung, schließlich haben vor allem Wagner-Söldner die Kleinstadt nördlich von Bachmut im Jänner erobert. Nichtsdestotrotz verdeutlicht er die Schwere der Gefechte.

Dabei rechtfertigt Bachmut aus strategischer Sicht die Anstrengungen nicht. Von den vor dem Krieg dort lebenden 70.000 Einwohnern sind laut Bürgermeister Olexij Rewa nur noch gut 8.000 vor Ort. Die Industrie ist – wie die gesamte Infrastruktur – infolge der Kämpfe völlig zerstört. Bis zum Herbst konnte Moskau davon träumen, durch die Einnahme Bachmuts mit einer Art Zangenbewegung eine Einkesselung des Ballungsraums zwischen Slowjansk und Kramatorsk zu erzwingen. Im Norden standen dazu Kräfte im Gebiet Charkiw im Raum Isjum bereit. Doch nach der ukrainischen Offensive in Charkiw, die Moskau zum eiligen Rückzug aus Isjum zwang, ist dieser Zangenhebel abgebrochen.

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Angriff auf Bachmut aus Mangel an Alternativen

Russland hält an den verlustreichen Frontalangriffen auf das lange vor dem Krieg von Kiew zum Festungsraum ausgebaute Bachmut offenbar eher aus Mangel an Alternativen fest. Zwar würden aus strategischer Sicht Angriffe aus dem Süden im Gebiet Saporischschja oder dem Norden aus der Ex-Sowjetrepublik Belarus heraus mehr Sinn ergeben – doch dafür fehle es an Kräften und logistischen Möglichkeiten, heißt es in einer Analyse des Washingtoner Institute for the Study of the War.

Tatsächlich ist die Versorgung einer großen russischen Truppe im Süden der Ukraine dadurch beeinträchtigt, dass der Nachschub an Proviant, Munition, Gerät und Ersatzteilen über die 2014 annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim geleitet werden muss. Hier gibt es gleich zwei Nadelöhre: Bei der Überfahrt vom russischen Festland über die Krimbrücke und dann wieder beim Verlassen der Krim über die Landenge von Perekop. Der Versuch, von Norden her vorzurücken auf Kiew, ist unterdessen schon einmal in den ersten Kriegstagen gescheitert. Im Donbass hingegen läuft die Versorgung einigermaßen und Moskau kann Kiew hier seine bevorzugte Abnutzungstaktik aufzwingen.

Stadt mit symbolischer Bedeutung

Ein weiterer Grund für das Festhalten an der Offensive in Bachmut ist die symbolische Bedeutung, die die Stadt nach den monatelangen Kämpfen für Moskau gewonnen hat. Schon der Fall des benachbarten, kleineren Soledars hat wegen des Fehlens anderer Erfolgsmeldungen in Moskau zum Kompetenzgerangel zwischen Verteidigungsministerium und Wagner-Söldnern darüber geführt, wer sich mit dem Erfolg brüsten darf. Die Eroberung von Bachmut ist dem Moskauer Verständnis nach der Schlüssel für die Einnahme des Donbass – eines der erklärten Kriegsziele von Präsident Wladimir Putin.

Auch für die ukrainische Seite hat Bachmut einen hohen symbolischen Wert. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte die Stadt zur "Festung Bachmut". "Niemand wird Bachmut aufgeben. Wir werden solange kämpfen, wie wir können", erklärte der Staatschef erst vergangenen Freitag. Militärisch macht ein Festhalten an der Stadt bereits seit längerem kaum noch Sinn. Die täglichen Verluste der ukrainischen Seite werden auf 100 Mann an Toten und Verletzten geschätzt.

Medienberichten zufolge soll Washington Kiew bereits den Rückzug empfohlen haben. Doch gab es bisher offenbar keinen Befehl dazu. Seit dem Abzug der ukrainischen Truppen aus Lyssytschansk im Luhansker Gebiet im vergangenen Juli hat die neue Verteidigungslinie zwischen Siwersk und Bachmut im Donezker Gebiet gehalten. Nach der Preisgabe von Soledar im Jänner würde nun mit Bachmut der nächste Punkt dieser Linie aufgegeben.

Zurückweichen würde Fronten nur verschieben

Für die russischen Truppen würde sich dann zudem der Weg zum Ballungsraum Slowjansk und Kramatorsk öffnen. Allerdings wäre nicht mit einem schnellen Vormarsch zu rechnen. Vielmehr würden sich die ukrainischen Einheiten wohl in neue Verteidigungsstellungen zurückziehen, wo das langsame, blutige Zermalmen der ukrainischen Armee durch die Russen sich nur wenige Kilometer weiter westlich fortsetzen könnte. Der Krieg ist also noch lange nicht entschieden.

Dass ausgerechnet in dieser schwierigen Situation nun auch noch Verteidigungsminister Olexij Resnikow wegen Korruptionsaffären und Rücktrittsgerüchten geschwächt wird, ist für Kiew mindestens einmal ein ärgerlicher Nebenkriegsschauplatz. Resnikows Verhandlungsgeschick wird etwa der kürzliche Durchbruch bei der Bereitstellung von Schützenpanzern und Panzern durch westliche Partner zugeschrieben.

Resnikow hat sich allerdings nicht in die operativen Entscheidungen eingemischt. Die Planung der Operationen der Armee hat der 56-Jährige hingegen stets dem Generalstab überlassen, der weiterhin von Walerij Saluschnyj geleitet wird.

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