Erdbeben mit hunderten Toten

Zwölf Jahre Krieg und dann noch Erdbeben: Die doppelte Katastrophe Syriens

Ein verletztes Mädchen wird aus den Trümmern eines Hauses in Jandaris gezogen.
© RAMI AL SAYED

Seit zwölf Jahren tobt in Syrien Krieg, jetzt erschüttert noch ein schweres Erdbeben den Norden des Landes und kostet hunderte Menschen das Leben. Die Kälte wird zur zusätzlichen Bedrohung.

Damaskus – Weinende Kinder, eingestürzte Häuser und überfüllte Krankenhäuser – die Bilder aus dem Erdbebengebiet sind für syrische Familien und Sanitäter nach zwölf Jahren Bürgerkrieg, Bombenhagel und Vertreibung nur zu bekannt. Das Erdbeben der Stärke 7,7 (nach anderen Angaben 7,8) trieb die Menschen in der Nacht auf Montag auf die Straßen im Norden des Landes, wo Luftangriffe und Granatbeschuss die Menschen bereits seelisch und die Gebäude in ihren Fundamenten erschüttert hat.

Zwölf Familien sind da drunter. Nicht ein einziger kam heraus. Nicht ein einziger.
Ein Bewohner von Jandaris

In der immer noch von Rebellen gehaltenen Stadt Jandaris in der Provinz Aleppo liegt Schutthaufen, Stahl-Streben und Kleiderbündel, wo einst ein mehrstöckiges Gebäude stand. "Zwölf Familien sind da drunter. Nicht ein einziger kam heraus. Nicht ein einziger", sagt ein dünner, junger Mann unter Schock mit weit aufgerissenen Augen und einer bandagierten Hand. Sein Atem wirft einen weißen Schleier in der kalten Winterluft. "Wir haben nachts um 3.00 Uhr Menschen mit bloßen Händen aus eingestürzten Häusern herausgezogen."

Andere Männer sind zu sehen, die sich auf der Suche nach Überlebenden durch Trümmer wühlen und mit Hämmern auf Betonblöcke einschlagen. Daneben liegen verbeulte Wassertanks und Solaranlagen, die von Dächern stürzten.

Verletzte werden in einem Krankenhaus in Darkush behandelt.
© OMAR HAJ KADOUR

Den Weiß-Helmen zufolge, einer Rettungsorganisation in den Rebellen-Gebieten, sind mindestens 147 Menschen in dieser Region im Nordwestens Syriens gestorben. In den von der Regierung kontrollierten Gebieten sollen es nach offiziellen Angaben mehr als 300 Tote und über 1.000 Verletzte sein. "Wir sind in einem Rennen gegen die Zeit. Selbst wenn unsere Teams erschöpft sind, wir müssen weitermachen", sagt der Leiter der Weiß-Helme, Raed Fares, per Telefon. Die Luftangriffe der vergangenen Jahre hätten die Gebäude so geschwächt, dass sie sofort zusammenbrachen.

Millionen Menschen gerade im Nordwesten Syriens sind den Vereinten Nationen zufolge so besonders vom Krieg getroffen worden. 2,9 Millionen Menschen in der Region wurden vertrieben, 1,8 Millionen leben in Flüchtlingscamps. Die Hilfsorganisationen haben seit Jahren mitten im Krieg versucht zu helfen. "Wenigstens jetzt bombardiert uns keiner während wir helfen", sagt Fares.

Temperaturen um den Gefrierpunkt

Aber die Kälte ist eine neue Herausforderung für die Helfer. Denn viele Familien sind den Temperaturen um den Gefrierpunkt und Regenschauern fast schutzlos ausgeliefert. In der Provinz Idlib habe das Beben die brüchigen Hütten der Flüchtlingsunterkünfte beschädigt, sagt Ahmad al-Scheich, ein Bewohner einer angrenzenden Stadt.

Bei Eiseskälte wird nach Verschütteten gesucht.
© RAMI AL SAYED

Weiter westlich ist das größte Krankenhaus in Afrin mit Verletzten überfüllt, die auf dem Fußboden liegen. Frauen versuchen daneben verzweifelt, Angehörige und Freunde anzurufen, doch eine Verbindung kommt nur selten zustande. Während Kleinkinder im Hintergrund schreien, verschließen Sanitäter schwarze Leichensäcke auf dem blutbefleckten Boden. (APA/Reuters)

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