Kultur Österreich

Sophie Lindinger wollte "aus musikalischer Sicht aufreiben"

Die Musikerin hat für ihr Solodebüt tief gegraben
© APA

An Sophie Lindinger ist man in den vergangenen Jahren kaum vorbeigekommen: Die Sängerin und Musikerin sorgte mit Leyya und My Ugly Clementine für Furore in der heimischen Alternativeszene und veredelte als Produzentin etliche Songs und Alben. Nun steht sie einmal alleine im Fokus: Auf ihrem selbstbetitelten Debüt zeigt sich Lindinger von einer sehr persönlichen Seite. Ein Album, das "einfach aus dem Nichts" gekommen ist.

Dabei war es eigentlich nie der Plan, eine Soloplatte aufzunehmen, meinte die gebürtige Oberösterreicherin im APA-Gespräch. "Und wenn, dann hätte ich geglaubt, dass es eher düster und elektronisch wird, was zum Tanzen." Vor drei Jahren sind dann aber Songs entstanden, die mit teils sperrigen Gitarren und Drone-Elementen daherkommen, aber auch Lindingers Gespür für große Melodien offenbaren. "Musik ist generell mein Strohhalm. Habe ich zu viele Gefühle in mir, die keinen Platz mehr haben, dann schreibe ich Musik. In dieser Zeit hatte ich diesen starken Drang, Musik zu schreiben." Zehn Songs seien "in zwei, drei Monaten entstanden, die mussten einfach raus".

Allerdings hatte sie zunächst Zweifel, ob die Texte nicht zu intim und persönlich sind. "Das wäre, als würde ich mich nackt ausziehen vor allen. Außerdem war ich noch nicht ganz hinweg über das, sondern stand noch sehr drin." Doch je mehr Zeit vergangen ist, umso überzeugter war Lindinger von den Nummern. "Ich dachte mir, dass es eigentlich ein cooles Album ist. Es ist intim und persönlich und ehrlich - aber irgendwie ist das schön." Damit sei auch automatisch klar gewesen, dass die Stücke für kein anderes Projekt passen. "Deshalb ist die Platte selbstbetitelt - kein Wort, kein Satz konnte das zusammenfassen."

Mit den Songs, die sich in erster Linie um zwischenmenschliche Beziehungen drehen, betritt Lindinger zwar kein komplettes Neuland. Aber die Reduktion in Stücken wie "Happy Pills" oder dem zurückgenommenen "I Don't Wanna Meet Her" überrascht zunächst schon. Aber auch einem volleren Sound zeigt sie sich verpflichtet, etwa beim schnell ins Ohr gehenden "15 Years" oder dem groovigen "Coffee". Unterstützung erhielt die Musikerin von René Mühlberger, bekannt etwa von seiner Band Pressyes. "Wir denken und fühlen sehr ähnlich, was den Sound betrifft. Es war eine schöne, abwechslungsreiche Arbeit." Bei ein paar Stücken habe sie sehr genaue Vorstellungen davon gehabt, was sie wollte, bei anderen sei wiederum der kreative Austausch mit Mühlberger sehr hilfreich gewesen.

Nachdem die bis dato letzte Leyya-EP ihre Depression zum Thema hatte, öffnet sich Lindinger nun wieder. "Ich wollte einfach mehr hergeben als nur Floskeln, die man so oder so interpretieren kann. Mir ist es wichtig, in meiner Kunst und in meinen Texten klare Worte zu finden. Wenn ich schreibe, bin ich in einem Fluss und kann es mir im Nachhinein anschauen. 'Ah, so habe ich das also gespürt!' Das ist für mich wichtig." Mit der Zeit habe sie auch gelernt, ihre Schreibweisen bewusst anzupassen. "Früher ging das nicht unbedingt. Jetzt habe ich so viele Facetten oder Arten und Weisen, wie ich schreibe. Da kann ich also entscheiden, was für mich passt."

Die zentrale Botschaft der Platte, die in "How To Love Somebody Fully" steckt, lautet "Liebe dich selbst". War diese Erkenntnis hart erkämpft? "Man weiß das ja, das sagt dir doch jede Person", seufzte Lindinger. "Aber dass man es dann mal spürt und realisiert, ist eine ganz andere Ebene. Das kann man nur lernen, wenn es einem passiert oder man in so einen Moment reinkommt, wo es nicht anders geht. Man muss sich selbst die Wertschätzung geben, die man vielleicht die ganze Zeit von jemand anderem gesucht hat." Aus dieser Perspektive sei sie lange keine "einzelne Person" gewesen. "Ich war immer nur ein Teil von jemand anderem, so habe ich mich gefühlt. Als ich das gemerkt habe, war der Prozess, zu dieser einzelnen Person zu werden, sehr hart. Ich dachte, ich muss das lernen, weil ich sonst nicht existieren kann."

Musikalisch habe sie all das durchaus mit Extremen umsetzen wollen. "Es geht ja um das Thema des Sich-Fragens und in sich Hineinfühlens sowie dieses absolute Loch, aus dem man gerade nicht raus kann. Lautstärke und Verzerrung sind für mich genau dieses Loch. Es war einfach notwendig. Ich wollte auch aus musikalischer Sicht aufreiben." So etwa der durchaus aneckende Schluss von "Salt": "Ohne würde der Song nicht funktionieren." Wobei der Umgang der Produzentin mit der Musikerin durchaus ein schwieriger sei, wie sie schmunzelnd zugab. "Da habe ich eine ambivalente Beziehung in mir." Als Musikerin sei sie auf Emotion gepolt, da sei es egal, wenn sie sich einmal auf der Gitarre vergreife. "Aber dann ärgert sich die Produzentin in mir, da kommt der Perfektionismus rein."

Was bleibt, sind in jedem Fall ehrliche und authentische Songs, die Sophie Lindinger auch live vorstellen wird. Am 11. Februar im Kunstverein Plateau in Wien, wo sie neben der Musik auch eigene Gemälde ausstellt. Zudem sind drei Bandkonzerte in Linz (15. März), Graz (16. März) und Wien (5. April) geplant. "Es ist schön, dass wir die Platte soundtechnisch so umsetzen können. Es interessiert mich, wie sich das anfühlt für mich." Immerhin sei sie diesmal die Person, die ganz vorne steht. "Davor habe ich mich lange gefürchtet." Lachender Nachsatz: "Aber ich glaube, jetzt bin ich soweit - obwohl es das Intimste ist, was ich je geschrieben habe."

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

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