Chronik Österreich

Nicht jeder Missbrauchstäter ist für Experten pädophil

Der Fall Teichtmeister hat die Debatte rund um den Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch angeheizt. 1.921 Strafanzeigen wegen des Konsums, der Herstellung oder des Besitzes von Missbrauchsfotos und -videos (§ 207a StGB) hat das Bundeskriminalamt im Jahr 2021 erfasst. Nur ein geringer Teil der Täter sei jedoch wirklich pädophil. "Der Missbrauchs-Downloader ist ein klassischer Suchtmensch", sagte Psychotherapeut Jonni Brem im APA-Gespräch.

Brem arbeitet als klinischer Psychologe und Therapeut für die Wiener Männerberatung mit Sexualstraftätern vor, während und nach der Verurteilung. In der öffentlichen Diskussion müsse man differenzieren, so der Experte. "Nur die wenigsten Männer, die sich an Kindern vergehen, sind pädophil", sagte er. Ausschlaggebend für eine pädophile Neigung könnten unter anderem traumatische Erlebnisse in der Kindheit sein. Auch das Gefühl, Macht über eine Person zu besitzen, spiele eine Rolle. "Und das geht bei Kindern halt einfach leichter", so der Experte. Laut Brem beläuft sich der Prozentsatz an betroffenen Männern, die zum Täter werden, auf zehn bis 20 Prozent. "Die wenigsten Betroffenen trauen sich letztendlich, auch wirklich einem Kind etwas anzutun."

Ähnlich verhält es sich laut Brem auch mit Männern, die Missbrauchs-Darstellungen konsumieren. Eine solche Neigung sei vor allem ein Suchtphänomen. "Der Missbrauchs-Downloader ist ein klassischer Suchtmensch", so Brem, der den Fall von Schauspieler Florian Teichtmeister hierfür als beispielhaft sieht.

Dort gehe es, so der Experte, vor allem darum, einen vernünftigen Umgang "mit solch einer Neigung" zu finden. Oftmals folgt dann auf eine (bedingte) Haftentlassung eine weitere Therapie. "Zusammen mit einem ganzen weiteren Bündel an Maßnahmen", wie Thomas Marecek vom Verein "Neustart" im Gespräch mit der APA erklärte. Marecek verwies auf weitere Instrumente wie Bewährungshilfe, ärztliche Behandlung oder betreutes Wohnen. Zwischen drei und fünf Jahren beträgt die Probezeit für Täter dann.

2021 verzeichnete das Bundeskriminalamt 1.921 angezeigte Straftaten wegen des Besitzes, der Herstellung oder des Konsums von Missbrauchs-Darstellungen nach § 207a StGB. Hinzu kommen 381 angezeigte Straftaten wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Unmündigen (§ 206 StGB), 381 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs von Unmündigen (§ 207 StGB) sowie 70 wegen des sexuellen Missbrauchs von Jugendlichen (§ 207b StGB). Die endgültigen Zahlen aus dem vergangenen Jahr liegen noch nicht vor. "Sexualdelikte gehören in Österreich zu den Delikten mit geringer Rückfallswahrscheinlichkeit", so Brem. Er verweist auf eine Quote von 22 Prozent vor einer Therapie, sowie danach 3,9 Prozent in Österreich. "Im Vergleich zu anderen Delikten ist das eine extrem geringe Quote." Nachsatz: "Man geht davon aus, dass Pädophilie veränderbar ist, in ihrem Wesen aber ein Leben lang bestehen bleibt."

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