Ausstellung in Wien

Kiki Kogelnik im Kunstforum: Mit der Schere geht es dem Boys Club an den Kragen

Eines von 180 Werken: Kiki Kogelniks „The Painter“ (1975) begrüßt das Publikum in ihrer aktuellen Schau im Kunstforum Wien.
© Kogelnik Foundation

Späte Anerkennung der Kärntner Pop-Art-Künstlerin: Kiki Kogelniks vielfältiges Werk ist aktuell im Kunstforum Wien zu sehen.

Wien – Ihre Figuren sind überlebensgroß, sie tanzen in gepunkteten Miniröcken und gemusterten Schlaghosen auf hohen Plateauschuhen über die Leinwände – in Pastell, tiefem Blau und elektrisierendem Grün. Bevor sie tanzen, aber malt „The Painter“, der Maler. Sein Gesicht ist komplett anonym in Schatten getaucht, allein vom Pinsel tropft reinstes Rot wie das Blut von einer Stichwaffe. Die Tat ist vollbracht. Nur dass bei Kiki Kogelnik nicht der Maler, sondern die Malerin am Werk war. Eine Rolle, die die 1935 geborene Kärntnerin durchaus selbstbewusst lebte. „Kiki“ wurde mit ihr zur Marke. In fetten Lettern prangt der Name von ihrem ersten Ausstellungsfolder. Später hat Kogelnik ihn nur mehr gestempelt, vier Buchstaben unter einem stilisierten Porträt von ihr selbst. Andy Warhol hätte es wohl selbst nicht besser erdenken und ausführen können.

Und dennoch, am Ende waren es Maler, die erinnert werden. Warhol, Claes Oldenburg, Tom Wesselmann, also der erweiterte Freundeskreis der Österreicherin, die nach dem Akademie-Studium und ihrem Ausstellungsdebüt 1961 in Wien nach New York wechselte. Hierzulande gilt Kiki Kogelnik nach wie vor als einzige Künstlerin der Pop-Art in Österreich – und ihre Kunst galt lange als „dekorativ“. Kiki Kogelniks Schädel aus Muranoglas etwa waren Dauerbrenner – und als solche in etlichen internationalen Sammlungen vertreten. Einen zweiten und dritten Blick wagten die großen Museen erst relativ spät, viele erst nach ihrem Tod 1997. 2013 widmete die Kunsthalle Krems der Kärtnerin eine umfassende Schau. Ihre museale Tirol-Premiere hatte Kiki Kogelnik 2004 im Rabalderhaus – ein großer Erfolg für das kleine Ausstellungshaus.

Einem breiten Publikum wird das Schaffen der Künstlerin jetzt, über 25 Jahre nach ihrem Tod, neu zugänglich gemacht. „Now is the Time“ heißt die bunte Schau, die Kogelnik bescheinigt, dass ihre Zeit gekommen sei. Warum sie so spät kommt, wird auf den ersten Blick erst einmal ausgespart. Das Bank Austria Kunstforum Wien zeigt Kogelniks Schaffen mit 180 Werken in all seiner Breite – eine Retrospektive, die anschließend nach Zürich und ins dänische Odense reist, wo Kiki Kogelnik wohl zum ersten Mal entdeckt wird.

Zuletzt interessierte sich auch Cecilia Alemani, Kuratorin der jüngsten Kunstbiennale Venedig, für die Kogelnik. Ins Arsenale hängte Alemani ihre ausgeklügelten Mensch-Maschine-Hybride – eine Auseinandersetzung, der in der aktuellen Schau in Wien ein ganzer Raum gewidmet ist. Größte Überraschung: Kogelniks skulpturaler „Lover Boy“ (1963), ein non-funktionaler, dennoch beeindruckend futuristischer Cyborg aus Muffinbackformen und bunten Rohren. Kiki Kogelnik hatte ihn aufgrund von Platzmangel im Atelier zunächst zerstört. Rekonstruiert wurde er 2018.

Bemerkenswert sind neben ihrem abstraktem Frühwerk und den allbekannten „Hangings“ (in buntem Vinyl gefertigte „Häute“) vor allem Kogelniks bunt glasierte Keramiken, die im Spätwerk zentrale Begleiter der Malerei werden. Ebenso wie der selbstverständliche Feminismus, den sie in der Malerei und in ihrem Leben an den Tag legte. In New York organisierte sie spektakuläre Partys „for women only“ – sogar Zeitungen berichteten davon.

Auf der Leinwand geht es dem „Boys Club“ derweil mit der Schere an den Kragen. Hände, aber auch die Schere sind bei Kogelnik nicht bloße Instrumente, sondern Motive. Wiederkehrendes kommt in der von Lisa Ortner-Kreil brav chronologisch geordneten Wiener Schau deutlich hervor – dazwischen gestreute Ausreißer wie Fragmente und Performances (siehe „Stadtbilder“ von 1967) gehen dagegen eher unter.

Alles in allem ist „Now is the Time“ eine wichtige, sehenswerte Rückschau: eine, für die die Zeit längst gekommen ist.

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