Treffen in Washington

Schallenberg mit Besuch bei Blinken zufrieden: „Gibt eine Riesenanerkennung"

Außenminister Alexander Schallenberg (r.) zu Besuch bei Amtskollegen Antony Blinken.
© APA/BMEIA/MICHAEL GRUBER

Die USA wisse Österreichs Hilfe an die Ukraine zu schätzen. Bilateral gebe es Aufholbedarf, konstatierte Schallenberg bezüglich der Notwendigkeit des Treffens. Blinken sprach von einem "starken Partner".

Washington – "Es gibt eine Riesenanerkennung, für das, was wir leisten." Eine zufriedene Bilanz zog Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) am Dienstagabend (Ortszeit) in Washington nach einem Treffen mit seinem US-Amtskollegen Antony Blinken. Die USA wüssten die humanitäre Hilfe, die Österreich für die von Russland angegriffene Ukraine leiste zu schätzen, resümierte Schallenberg und zitierte Blinken: "Ihr seid neutral, ohne neutral zu sein."

"Es gibt eine neue Tonalität"

Österreich sei zwar militärisch neutral, hielt Schallenberg diesbezüglich neuerlich fest, leiste aber in Bezug auf seine Wirtschaftsleistung die stärkste humanitäre Hilfe überhaupt. Das werde auch von den USA erkannt und gewürdigt, meinte er nach dem rund einstündigen Gespräch. Der russische Angriff auf die Ukraine am 24. Februar des Vorjahrs habe die Augen geöffnet, so Schallenberg. 500 Kilometer von Österreich entfernt gebe es wieder Krieg. Da heiße es, an einem Strang zu ziehen. Natürlich gebe es auch unter den westlichen Partnern bisweilen unterschiedliche Meinungen, das sei aber kein grundsätzliches Problem und kein Zeichen von Schwäche. "Es gibt eine neue Tonalität in der transatlantischen Partnerschaft." Es sei auch normal, dass alle weiteren Schritte gut überlegt werden müssten.

📽️ Video | Schallenberg bei US-Außenminister Blinken

Blinken erklärte, die USA wüssten um die Hilfe, die Österreich der Ukraine zukommen lasse. Zudem würdigte er die Rolle Österreichs am Westbalkan und als internationaler Vermittler, beispielsweise als Gastgeberland der OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa).

"Ende des Leids" noch nicht gekommen

Der Krieg in der Ukraine werde sich noch weit in das Jahr 2023 hineinziehen, prognostizierte Schallenberg. Das "Ende des Leids" sei noch nicht gekommen. Außerdem müsse mit "weiteren Eskalationsstufen" gerechnet werden. Dass sich der Krieg von der Ukraine auch auf den Westen ausbreiten werde, sei damit aber nicht gesagt: "Die NATO und die USA sind darauf bedacht, sich nicht hineinziehen zu lassen."

Es sei aber legitim, einem Land, dessen Souveränität angegriffen wurde, bei der Verteidigung zu helfen. Das mache einen "noch nicht zur Kriegspartei". Der Westen habe angesichts der untragbaren Ereignisse in der Ukraine bisher aber eine beeindruckende Geschlossenheit gezeigt, lobte Schallenberg. Es gelte aber immer das Augenmaß zu bewahren und nicht "über das Ziel hinauszuschießen".

Schallenberg beschwichtigt Geschlossenheit

Zur Bedeutung und den Folgen des Kriegs in der Ukraine hatte Schallenberg schon vor dem Treffen festgehalten: "Wir sind in einer systemischen Auseinandersetzung. Wie wir agieren, wird unser Ansehen prägen." Sollte sich der Westen auseinanderdividieren lassen, werde er etwa in Afrika an Einfluss verlieren. Sollte es etwa der EU in nähere Zukunft nicht gelingen, gemeinsam mit den USA geschlossen gegen die russische Aggression aufzutreten und Einheit zu zeigen, würden sich die Folgen "zwar nicht gleich, aber in fünf Jahren" bemerkbar machen, schätzte der Außenminister. "Dann sind andere dort, Russland oder China".

Es gehe eben auch um weltanschauliche Geostrategien und Weichenstellungen, argumentierte Schallenberg. Das gelte etwa auch für die Länder des Westbalkans, für deren EU-Eingliederung Österreich sich ja seit jeher stark gemacht hat. Auch dort würden andere Player als die EU versuchen, Einflussnahme zu üben. Daher sei die Frage folgende: "Können wir unser Lebensmodell implementieren oder andere?", neben Russland und China etwa auch die Türkei oder beispielsweise die Vereinigten Arabischen Emirate.

Die diesbezügliche Expertise und das vielfältige Engagement Österreichs in der Westbalkanregion würden auch in den USA verfolgt. Daher seien sie auch an Gesprächen auf mehreren Ebenen interessiert. "Wir müssen die Nachbarschaft an uns binden", formulierte Schallenberg ein Motto. "Die Amerikaner schätzen das, was wir tun, und nehmen es wahr."

Blinken: Schätzten Österreich als "starken Partner"

Im State Department wurden neben dem Ukraine-Krieg auch die Erdbebenkatastrophe in der Türkei und Syrien sowie Bilaterales besprochen. Beide Seiten betonten die guten Beziehungen. "In Krisenzeiten müssen und wollen wir zusammenstehen", formulierte Schallenberg. Blinken sagte, die USA schätzten Österreich als "starken Partner".

Bilateral gebe es Aufholbedarf, konstatierte Schallenberg bezüglich der Notwendigkeit des Treffens: Zu lange sei ein gutes Verhältnis als zu selbstverständlich genommen worden. "Ich will die Strategische Partnerschaft stärken." Stärke gebe es aber nur, "wenn wir zueinander stehen und vereint sind." Österreich zähle auf die Führungsrolle der USA.

Wegen der Erdbebenkatastrophe in der Türkei und in Syrien müsse den Betroffenen geholfen werden, waren sich Blinken und Schallenberg einig. Syrien betreffend würde die USA den Menschen Unterstützung und Geld zukommen lasse, nicht aber dem Regime von Präsident Bashar al-Assad.

Es sei durchaus ein Ausdruck der Wertschätzung, dass eine österreichische Delegation knapp vor dem ersten Jahrestag des Angriffs Russlands auf die Ukraine am 24. Februar in Washington empfangen werde, urteilte der ÖVP-Minister, der neben Blinken unter anderem auch die Chefin der US-Geheimdienste, Avril Haines, CIA-Boss William Burns oder den "White House Coordinator for the Middle East and North Africa", Brett McGurk, traf.

Österreichs Abhängigkeit von Russland in den USA kritisch beäugt

Experten der konservativen Denkfabrik Hudson Institute erklärten gegenüber österreichischen Journalistinnen und Journalisten aber auch, dass es in den USA durchaus auch Bedenken gebe. Österreich habe Russland jahrelang anders eingeschätzt als Washington und versucht, ein engeres Verhältnis mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin aufzubauen. Das sei mitunter auch auf Unverständnis gestoßen und skeptisch beäugt worden. Auch die wirtschaftliche Abhängigkeit Österreichs von Russland" werde in den USA kritisch beäugt.

Im Rahmen der Initiative "ReFocus Austria" sprach Schallenberg in Washington auch mit Vertreterinnen und Vertretern österreichischer Unternehmen am US-Markt über Chancen und Herausforderungen für die österreichische Exportwirtschaft. Außerdem fand an der renommierten Johns Hopkins Universität eine Diskussion mit jungen Studierenden über die geopolitischen Konsequenzen des russischen Kriegs gegen die Ukraine und die geeinte europäisch-amerikanische Antwort darauf statt.

Es war das dritte bilaterale Treffen von Außenminister Schallenberg mit einem US-Amtskollegen. Anfang Februar 2020 war Schallenberg beim damaligen republikanischen Secretary of State, Mike Pompeo, in Washington. Im August 2020 folgte dann der Gegenbesuch von Pompeo in Wien, wo er auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen, den damaligen Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und weitere Regierungsmitglieder traf.

Vor der Coronapandemie sowie der Wahl des Demokraten Joe Biden zum US-Präsidenten hatte es eine Zeit lang intensivere Kontakte zwischen Wien und Washington gegeben. So war Kurz 2019 beim damaligen Amtsinhaber Donald Trump im Weißen Haus zu Gast gewesen. Das enge Verhältnis zum republikanischen Präsidenten und die Orientierung an dessen mitunter umstrittenen außenpolitischen Linie hatte auch für Kritik gesorgt. Unter anderem weil Österreich dadurch in manchen Fragen wie beispielsweise der Nahost-Politik von gemeinsamen Standpunkten der EU abwich.

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