Kampf gegen die Zeit

Bundesheer im Erdbeben-Einsatz: „Wir suchen weiter und geben die Hoffnung nicht auf“

81 Soldaten und vier Soldatinnen der Katastrophenhilfseinheit Austrian Forces Disaster Relief Unit (AFDRU) sind im Einsatz in der türkischen Provinz Hatay.
© APA/BUNDESHEER

Vier Tage sind seit den verheerenden Erdbeben vergangen. Und noch immer hoffen die Helfer auf Überlebende. Mittlerweile stieg die Gesamtzahl der Opfer in der Türkei und Syrien auf mehr als 22.700 Tote.

Gaziantep, Idlib – Die Arbeit der Helfer im Erdbebengebiet in der Türkei und Syrien ist ein Rennen gegen die Zeit. Die Zahl der Toten nach den Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet ist alleine in der Türkei auf 19.338 gestiegen. Mehr als 77.000 Menschen seien verletzt worden, sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Freitag in Malatya. Aus Syrien wurden zuletzt 3384 Tote gemeldet. Somit wurden mindestens 22.722 Todesopfer in beiden Ländern gezählt. Tausende mehr werden befürchtet.

Die USA haben nun millionenschwere Hilfen zugesichert, sowohl für den NATO-Partner Türkei als auch für Syrien. Außerdem wurden die Sanktionen gelockert, damit Erdbebenhilfe möglich ist. In Aleppo hat sich Machthaber Baschar al-Assad erstmals nach dem Unglück öffentlich präsentiert. Insgesamt sind nach Angaben der Vereinten Nationen gut 24,4 Millionen Menschen von der Katastrophe betroffen, die sich über ein etwa 450 Kilometer breites Gebiet erstreckt.

📽️ Video | Bericht aus dem Erdbebengebiet

Aus dem Ausland rollte vier Tage nach dem Beben immer mehr Hilfe an. Mehr als 7000 Helfer aus 61 Ländern seien in der Türkei, teilte das Außenministerium in Ankara am Freitag mit. Und obwohl noch immer Überlebende geborgen werden, scheint die Zeit für Wunder allmählich abzulaufen. Rettungskräfte – auch aus Österreich – arbeiteten rund um die Uhr, um im Wettlauf gegen die Zeit mögliche Überlebende in den Schuttbergen zu finden. Immer wieder hielten sie inne, riefen dazu auf, still zu sein, und horchten gespannt, ob vielleicht doch noch Lebenszeichen aus den Trümmerhaufen zu vernehmen waren. Manchmal mit Erfolg: Mehrere Menschen konnten auch am Freitag noch gerettet werden.

Auch wenn die Chancen geringer werden, wir suchen weiter und geben die Hoffnung nicht auf.
Bernhard Lindenberg (Einsatzleiter Bundesheer)

In der Südosttürkei konnten Helfer ein zehn Monate altes Baby mit seiner Mutter lebend bergen – die beiden hatten 90 Stunden unter den Trümmern ausgeharrt. Die Retter umwickelten den Säugling mit einer Wärmedecke, wie Bilder zeigten. Im stark verwüsteten Antakya im Süden der Türkei wurde mehr als 80 Stunden nach der Katastrophe ein 16-jähriges Mädchen aus den Trümmern gerettet.

In der schwer betroffenen Provinz Hatay ist auch das österreichische Bundesheer im Einsatz. "Auch wenn die Chancen geringer werden, wir suchen weiter und geben die Hoffnung nicht auf", sagte Einsatzleiter Bernhard Lindenberg am Freitag. Neun Menschen konnten durch die Spezialisten bisher aus den Trümmern befreit werden.

📽️ Video | Einsatzleiter Mayr zur geglückten Rettung

Am Donnerstagabend konnten sie einen Mann aus einem Hohlraum bergen, in der Nacht auf Freitag wurde eine Familie mit einer Frau, zwei Männern und zwei Kinder aus einem verschütteten Verbindungsgang gerettet, in Zusammenarbeit mit lokalen Hilfskräften. "Es grenzt fast an ein kleines Wunder, fünf Personen jetzt noch lebend zu retten", sagte er.

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Immer wieder kleine Wunder

In Hatay retteten Helfer zudem einen Mann nach 101 Stunden unter Trümmern. Sie benötigten zehn Stunden, um ihn unter einem Betonblock zu befreien, wie der Sender CNN Türk berichtete. Medienberichten zufolge wurden in der Provinz noch am Freitagmorgen insgesamt sechs Menschen lebend aus den Trümmern desselben Gebäudes geborgen.

In Adiyaman befreiten die Helfer nach Angaben von CNN Türk einen Menschen nach 104 Stunden unter den Trümmern - aus der Gebäuderuine sind demnach noch immer Stimmen zu hören. Nach so langer Zeit noch Lebende zu bergen, ist insofern erstaunlich, als nur in seltenen Fällen ein Mensch mehr als drei Tage ohne Wasser überlebt, zumal bei eisigen Temperaturen.

Nach jüngsten offiziellen Angaben gab es auf türkischer Seite bisher 18.342 Todesopfer. In Nordsyrien wurden bis Donnerstagabend 3.377 Tote gezählt. Die Gesamtzahl der Todesopfer stieg damit auf 21.719.

Eisige Temperaturen und zerstörte Infrastruktur erschweren Hilfe

Erschwert werden die Rettungsarbeiten durch das eisige Wetter, das auch die Überlebenden bedroht, die in notdürftigen Unterkünften oder gar im Freien ausharren müssen. Die internationale Hilfe kam unterdessen immer mehr in Schwung. Die Weltbank sagte der Türkei 1,78 Milliarden Dollar (rund 1,66 Milliarden Euro) zu. Die USA kündigten ein erstes Hilfspaket in Höhe von 85 Millionen Dollar für die Türkei und Syrien an. Es gehe nun vor allem um Nahrungsmittel, Unterkünfte und medizinische Notversorgung.

Die Hilfslieferungen werden durch die zerstörte Infrastruktur und die ungünstigen Witterungsbedingungen erschwert. In Syrien kommt die politisch schwierige Situation hinzu: Das Katastrophengebiet in dem Bürgerkriegsland ist in von Damaskus kontrollierte Gebiete und Territorien unter der Kontrolle regierungsfeindlicher und überwiegend islamistischer Milizen geteilt.

Dem Welternährungsprogramm (WFP) gehen nach eigenen Angaben die Vorräte im Nordwesten Syriens aus. Um die Lager wieder auffüllen zu können, müssten weitere Übergänge an der Grenze zur Türkei geöffnet werden, fordert die für den Nahen Osten zuständige Managerin der Einrichtung der Vereinten Nationen, Corinne Fleischer, vor Journalisten in Genf. "Der Nordwesten Syriens, wo 90 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, ist ein großes Problem. Wir haben die Menschen dort erreicht, aber wir müssen unsere Vorräte wieder auffüllen."

Viele Menschen stehen im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße und sie müssen dringend vor der klirrenden Kälte Schutz finden.
Andreas Knapp (Nachbarn in Not, Caritas)

Andreas Knapp, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Nachbar in Not und Generalsekretär für Internationale Programme der Caritas Österreich befand sich am Freitag auf am Weg nach Aleppo. "Alleine im Nordwesten Syriens geht es um 4,1 Millionen Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Viele Menschen stehen im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße und sie müssen dringend vor der klirrenden Kälte Schutz finden", wurde Knapp in einer Aussendung zitiert.

Im von oppositionellen Kämpfern kontrollierten Nordwesten Syriens war am Donnerstag der erste Hilfskonvoi seit dem Beben eingetroffen, wie ein syrischer Grenzbeamter mitteilte. Laut dem syrischen Grenzbeamten Masen Allusch handelte es sich aber um Hilfsgüter, die bereits vor dem Erdbeben für Syrien bestimmt waren. Die in der Region tätige Hilfsorganisation der Weißhelme zeigte sich enttäuscht, dass es sich um "routinemäßige" Hilfe handle und keine Ausrüstung für Bergungsarbeiten nach dem Beben.

Festnahmen wegen Beiträgen in sozialen Medien

Präsident Erdogan ließ am Donnerstag vom Parlament in Ankara den Ausnahmezustand für drei Monate bestätigen. Das Dekret wurde im Amtsblatt veröffentlicht – damit ist der Ausnahmezustand in Kraft. Die Maßnahme umfasst die zehn Provinzen, die auch vom Erdbeben getroffen wurden. Erdogan hatte gesagt, der Ausnahmezustand werde helfen, gegen diejenigen vorzugehen, die "Unfrieden und Zwietracht stiften". So könnten zum Beispiel Plünderungen verhindert werden.

Die türkische Polizei hat im Zusammenhang mit Beiträgen in sozialen Medien nach dem schweren Erdbeben 37 Personen festgenommen. Sie hätten Beiträge geteilt, "mit dem Ziel, Angst und Panik unter der Bevölkerung zu verbreiten", teilte die Polizei am Freitag mit. Um welche Beiträge es sich genau handelte, war unklar. Zehn der Festgenommenen seien verhaftet worden.

Es seien zudem mehrere Webseiten geschlossen worden, weil die Betreiber die Gutmütigkeit der Bürgerinnen und Bürger ausnutzen und sich etwa Spendengelder erschwindeln wollten, so die Polizei. (APA/dpa/AFP/Reuters)

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