📺 Mit 91 Jahren

„Carmen" machte ihn berühmt: Spanischer Filmemacher Carlos Saura gestorben

Saura galt als einer der wichtigsten und erfolgreichsten spanischen Regisseure der vergangenen Jahrzehnte.
© ANDER GILLENEA

Carlos Saura galt als lebende Filmlegende. Der spanische Regisseur drehte aber nicht nur – er fotografierte, malte, schrieb Romane, inszenierte Opern – und redete seinem Land ins Gewissen. Nun ist er im Alter von 91 Jahren gestorben.

Madrid – Der preisgekrönte spanische Filmemacher Carlos Saura ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Das berichtete die Nachrichtenagentur AFP mit Verweis auf die spanische Filmakademie in Madrid. Der Berlinale-Gewinner, der zu den einflussreichsten Filmemachern Spaniens zählte, sei am Freitag im Kreise seiner Angehörigen verstorben.

Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez würdigte Saura als „eine der wichtigsten Persönlichkeiten der spanischen Kultur". Man nehme Abschied „vom Regisseur der Fantasie, aber sein Kino bleibt uns erhalten", schrieb der Sozialist auf Twitter. „Mit Carlos Saura stirbt ein sehr wichtiger Teil der Geschichte des spanischen Kinos", meinte derweil Hollywoodstar Antonio Banderas in dem sozialen Netzwerk.

Mehr als 50 Spielfilme seit 1955

Seit dem Jahr 1955 drehte Saura mehr als 50 Spielfilme und unzählige Kurzstreifen. Zu seinen bekanntesten Werken zählte etwa „Carmen" (1983). Zu dem Film über eine Aufführung von Georges Bizets berühmter gleichnamiger Oper, der damals ganz Europa in Flamenco-Fieber versetzte, meinte Saura vor wenigen Jahren: „Verrückt, wie gut Carmen damals in Deutschland ankam. Und der Film wird im Fernsehen immer noch gezeigt, während er hier in Spanien schon total in Vergessenheit geraten ist."

Musik- und Tanzfilme waren die großen Leidenschaften des in Huesca unweit der Pyrenäen im Nordosten Spaniens geborenen Sohns eines Ministeriums-Juristen. Er würdigte neben dem Flamenco, dem er mehrere Filme widmete, auch den Jota-Tanz seiner Heimat Aragonien, den argentinischen Tango, den Fado aus Portugal usw. Warum so viele Musikfilme? Die Antwort war einfach: „Meine Mutter war Konzertpianistin, ich bin ein frustrierter Musiker, habe aber großes Musikverständnis. Und es gibt ja auch die Nachfrage."

Soziales Gewissen seiner Heimat

Saura stellte immer wieder fest, dass er im Ausland „viel bekannter und beliebter" sei als in seiner Heimat. Zwei Mal bekam er in Berlin den Silbernen Bären (1966 und 1968), 1981 auch den Goldenen für „Los, Tempo!". Er gewann mehrere Male den Goya, die höchste spanische Filmauszeichnung, in Cannes erhielt er unter anderem den Großen Preis der Jury 1976 für „Züchte Raben ...", 1985 den BAFTA-Award für „Carmen" als besten fremdsprachigen Film und 2004 für sein Lebenswerk den Europäischen Filmpreis.

Saura war unterdessen nicht nur ein Filmgenie, sondern auch so etwas wie das soziale Gewissen seiner Heimat. Schon in seinen ersten längeren Filmen setzte er sich mit dem spanischen Bürgertum und der Franco-Diktatur kritisch auseinander.

Der Mann, der von kommunistischen Filmemachern, deutschen Expressionisten, Neo-Surrealisten und vor allem von seinem über 30 Jahre älteren Freund und Lehrmeister Luis Buñuel beeinflusst wurde, war bis zuletzt ein unermüdlicher Sozialkritiker. Er erlebte als Knirps den spanischen Bürgerkrieg („Unvergesslich. Für ein Kind sind Tote und nächtliche Bombardements brutal") – und warnte vor einer Zuspitzung der politischen und sozialen Polarisierung in Spanien und vielerorts auf der Welt.

Saura stellte in der Heimat vieles an den Pranger: die Korruption, das vermeintlich mangelnde Kulturbewusstsein der Spanier ("Wir sind ein barbarisches und faules Land"), das Verhalten der Spitzenpolitiker, die sich oft wie "Kneipenrüpel benehmen", und auch das Fernsehen, das "indirekte Zensur" betreibe und unbequeme Themen meide.

Mehrfach ausgezeichnete Foto-Sammlungen

Saura beschränkte sich aber nicht aufs Filmen und Kritisieren. Das Multitalent hatte als junger Mann Ingenieur-Wissenschaften studiert und gemalt, bevor er es auf Anregung seines älteren Bruders, des 1998 mit 67 Jahren gestorbenen berühmten Malers Antonio Saura, mit dem Film versuchte.

Sauras liebste Beschäftigung war aber das Fotografieren. Er hatte bei öffentlichen Auftritten immer eine Kamera dabei und besaß in seinem Haus in Collado Mediano im Madrider Guadarrama-Gebirge eine Sammlung von mehr als 600 Geräten. Seine mehrfach ausgezeichneten Foto-Sammlungen stellte er regelmäßig aus. Damit aber nicht genug: Er veröffentlichte zwischen 1997 und 2004 drei Romane, schrieb mehrere Drehbücher und veröffentlichte auch Bücher über Fotografie.

Das Privatleben Sauras war ebenso bewegt wie das künstlerische und berufliche. Mit vier Partnerinnen zeugte er sieben Kinder. Unter anderem war er mit der US-Schauspielerin Geraldine Chaplin bis 1979 zehn Jahre lang liiert. Seine einzige Tochter Anna ist auch Filmemacherin und war seine „rechte Hand". Seit 1993 war er mit der 28 Jahre jüngeren spanischen Schauspielerin Eulalia Ramón zusammen. (APA/dpa)

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