Nur mehr einzelne Rettungen

Mehr als 24.000 Erdbeben-Tote: Schwangere nach 115 Stunden gerettet

Nach wie vor durchsuchen Helfer die Trümmer.
© YASIN AKGUL

Die Zahl der Erdbebentoten in der Türkei und Syrien steigt rasant. Doch es gibt auch die berührenden Einzelschicksale mit glücklichem Ende.

Istanbul, Gaziantep – Die Zahl der Toten nach den schweren Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet ist auf über 24.000 gestiegen. Allein in den betroffenen Gebieten in der Türkei wurden 20.665 Tote geborgen, wie die Katastrophenschutzbehörde AFAD Samstagfrüh mitteilte. In Syrien wurden mehr als 3500 Todesopfer gemeldet. Viele Menschen werden noch unter den Trümmern vermisst. Hunderttausende wurden durch die Erdstöße obdachlos. Etwa 24,4 Millionen Menschen sind der Türkei zufolge von den Erdbeben betroffen.

In der Türkei wurden laut den Behördenangaben fast 93.000 Menschen aus den Erdbeben-Gebieten herausgebracht. Mehr als 166.000 Einsatzkräfte seien an den Rettungs- und Hilfseinsätzen beteiligt. Seit dem ersten Beben Montagfrüh seien fast 1900 Nachbeben registriert worden.

Einzelschicksale mit glücklichem Ende

Weiterhin gibt es berührende Einzelschicksale mit glücklichem Ende. Die Rettungskräfte zogen in Kahramanmaras 112 Stunden nach dem Beben einen 46 Jahre alten Mann aus der Ruine eines siebenstöckigen Gebäudes, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. In der Provinz Gaziantep wurde demnach eine schwangere Frau nach 115 bangen Stunden zurück ans Tageslicht geholt. Ebenfalls in Gaziantep bargen Helfer ein neunjähriges Mädchen nach 108 Stunden aus dem Schutt - seine beiden Eltern und seine Schwester waren da jedoch schon tot. In der Provinz Kahramanmaras konnte ein 15-jähriges Mädchen nach über 110 Stunden lebend geborgen werden, wie der Samariterbund mitteilte.

Am frühen Montagmorgen hatte zunächst ein Beben der Stärke 7,7 das türkisch-syrische Grenzgebiet erschüttert, bevor zu Mittag ein weiteres Beben der Stärke 7,6 folgte. Da Menschen nur in seltenen Fällen länger als drei Tage ohne Wasser überleben können und die Vermisstenzahlen noch immer sehr hoch sind, ist zu befürchten, dass die Opferzahlen noch drastisch steigen dürften.

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Ärzte ohne Grenzen: „Übergang zu Syrien muss offen bleiben"

Den Überlebenden fehlt es am Notwendigsten. Vor allem nach Syrien kommen Hilfslieferungen nur stockend, aktuell ist Grenzübergang Bab al-Hawa einziger Zugang in die Rebellengebiete. Ärzte ohne Grenzen hob am Freitag dessen Bedeutung hervor. „Bab al-Hawa muss offen bleiben", sagte die logistische Koordinatorin der NGO für Syrien, Karin Puchegger, zur Austria Presse Agentur.

Die 36-jährige Oberösterreicherin sprach von einem „Nadelöhr", das den Hilfsgütertransport in das vom Erdbeben betroffenen Nordsyrien stark verzögere. Zerstörte Straßen, Überflutungen und ein Mangel an Treibstoff erschwerten den Hilfseinsatz für Ärzte ohne Grenzen. Zusätzlich starben bereits zwei ihrer Kollegen durch das Erdbeben. Auch Angehörige der rund 400 Mitarbeiter, die sich großteils in Syrien aufhalten, kamen bereits um. „Unser Personal ist nicht nur im Hilfseinsatz, sondern in vielen Fällen selbst vom Beben betroffen. Das ist natürlich besonders tragisch", so Puchegger.

📽️ Video | Syrien: Auf dringende Hilfe angewiesen

Zeltplanen, Isoliermatten, Decken oder Abdeckfolien

Besonders dringend gebraucht werde logistisches Material wie Zeltplanen, Isoliermatten, Decken oder Abdeckfolien, hieß es. „Die Menschen haben schließlich ihr Zuhause verloren und schlafen in Autos oder auf der Straße." Zwar könne der Bedarf noch durch eigene Lager in Syrien gedeckt werden, jedoch seien die Bestände an medizinischer Ausrüstung wie OP-Sets, Verbänden oder Wund-Kits weitaus größer, sagte sie.

Man habe darum bereits eine Nachschub-Lieferung in Auftrag gegeben, erklärte die 36-Jährige. Immer wieder gibt es Befürchtungen, dass auch der Grenzübergang Bab al-Hawa zur Türkei geschlossen wird. Das würde faktisch bedeuten, dem Nordwesten und den rund 4,5 Millionen Bewohnern in der Region mit Blick auf humanitäre Versorgung den Hahn abzudrehen. Die Versorgungslinie über die Grenze zur benachbarten Türkei aufrecht zu erhalten sei daher unerlässlich.

Der Bedarf war vorher schon groß, aber auf dieses Ausmaß war niemand vorbereitet.
Karin Puchegger

Bereits der seit zwölf Jahren andauernde Konflikt in Syrien mache das erforderlich. Die Erdbeben-Katastrophe habe die Situation in Syrien noch mehr verschärft. „Der Bedarf war vorher schon groß, aber auf dieses Ausmaß war niemand vorbereitet", so Puchegger. Nachsatz: „Umso dringender braucht die Region Hilfe. Das Leid der Menschen ist unbeschreiblich." (APA, dpa, TT.com)

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