Krieg in der Ukraine

Moskau: Schienentransport für westliche Waffen in die Ukraine blockiert

Schon seit Mitte Oktober greift Russland mit Raketen von Bombern und von Kriegsschiffen die Energieanlagen in der Ukraine an.
© AFP/Chiba

Russland hatte immer wieder angekündigt, alle von den NATO-Mitgliedsstaaten an die Ukraine gelieferten Waffen zu zerstören. Jetzt wurden laut Russlands eigenen Angaben auch Schienenwege für den Transport westlicher Waffen, Munition und Reserven in die Kampfzone blockiert.

Moskau, Kiew – Russland hat mit seinen jüngsten Raketenangriffen auf die Ukraine nach eigenen Angaben auch Schienenwege für den Transport westlicher Waffen, Munition und Reserven in die Kampfzone blockiert. Das Verteidigungsministerium in Moskau machte am Samstag keine Angaben dazu, wo genau der Bahntransport blockiert worden sei. Allerdings hieß es im täglichen Militärbulletin, dass bei dem "massiven Schlag" mit Raketen und Drohnen am Freitag alle Ziele erreicht worden seien.

Russland hatte immer wieder angekündigt, alle von den NATO-Mitgliedsstaaten an die Ukraine gelieferten Waffen zu zerstören. Überprüfbar waren die Angaben nicht. Ein Sprecher der ukrainischen Streitkräfte im Osten des Landes sagte jedoch am Freitag, Lieferungen, insbesondere von Waffen und Ausrüstung, sowie die Evakuierung von Verwundeten seien in Bachmut weiterhin möglich.

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"Es sind alle anvisierten Objekte getroffen worden", sagte der russische Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow. So sei Energieinfrastruktur zerstört worden, mit der Betriebe der Militärindustrie und das Transportsystem der Ukraine versorgt würden. Die ukrainischen Behörden hatten am Freitag mitgeteilt, dass es nach den massiven Raketen- und Drohnenangriffen auf Energieanlagen vielerorts zu Stromausfällen kam. Den Angaben zufolge wurden aber die meisten Raketen und Drohnen durch die ukrainische Flugabwehr abgeschossen.

Vielerorts Stromausfälle

Schon seit Mitte Oktober greift Russland mit Raketen von Bombern und von Kriegsschiffen die Energieanlagen in der Ukraine an. Wegen der Zerstörungen der Infrastruktur gibt es vielerorts Stromausfälle, von denen immer wieder Millionen Menschen betroffen sind.

Die ukrainische Regierung wirft Russland "Terror" vor - mit dem Ziel, das Land in Dunkelheit und Kälte zu stürzen. Kiew beschuldigt Kremlchef Wladimir Putin, die Menschen so in die Flucht treiben zu wollen, um die Lage in der EU durch Masseneinwanderung zu destabilisieren. Die Ukraine hatte am Freitag von Angriffen unter anderem durch 100 russische Raketen gesprochen, von denen 61 abgeschossen worden seien. Russland bestreitet Angriffe auf zivile Einrichtungen.

Nach Angaben der Internationalen Energiebehörde (IAEA) musste auch der Reaktor eines Atomkraftwerks abgeschaltet werden, weil das Netz wegen der Angriffe zu instabil geworden war. Insgesamt seien zwischenzeitlich 44 Prozent der Atom- und 33 Prozent der Wärmekraftwerks-Kapazitäten ausgefallen, erklärte der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal. Trotzdem sei die Versorgung für den Großteil der Bevölkerung gesichert worden - und werde es auch "den Winter hindurch" sein.

Auch AKW-Reaktor abgeschaltet

Der russische Söldner-Chef Jewgeni Progoschin erwartet nach eigenen Angaben noch jahrelange zähe Kämpfe in der Ukraine. Die Russland geplante Eroberung der Regionen Donezk und Luhansk könnte eineinhalb bis zwei Jahre in Anspruch nehmen, sagte der Chef der Wagner-Gruppe in einem am Samstag von einem russischen Militärblogger veröffentlichten Interview-Video. Wenn ein Vordringen weiter nach Westen bis zum Fluss Dnipro gewünscht sei, so werde dies etwa drei Jahre in Anspruch nehmen, fügte Prigoschin hinzu.

Der Chef der Wagner-Gruppe hatte vor kurzem erklärt, seine Truppe müsse die Stadt Bachmut einnehmen, um ihren Feldzug fortzusetzen. "Bachmut wird benötigt, damit unsere Truppen ungestört operieren können", sagte Prigoschin gegenüber einem russischen Militärkorrespondenten in einem seiner seltenen Interviews, das am Freitag veröffentlicht wurde. Man stöße aber auf den erbitterten Widerstand der ukrainischen Verteidiger. Russland müsse sich in seiner fast ein Jahr dauernden Offensive klare Ziele setzen, empfahl Prigoschin. Es müsse seine Präsenz in der Ostukraine festigen oder weiter vordringen, um weitere Teile des Landes zu erobern.

Die ukrainische Armeeführung teilte indes mit, dass die Stadt Bachmut den russischen Angriffen standhalte. "Trotz konstantem Druck des Feindes halten wir Bachmut weiter unter Kontrolle und ergreifen Maßnahmen, um die Frontlinie um diese Stadt herum zu stabilisieren", teilte Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj nach einem Telefonat mit US-Generalstabschef Mark Milley am Samstag mit. Die Lage im Gebiet Donezk im Osten der Ukraine sei gespannt, weil Russland dort bis zu 50 Angriffe täglich ausführe. Es gebe schwere Kämpfe um die Städte Wuhledar und Marjinka, sagte Saluschnyj. "In einigen Frontabschnitten haben wir es geschafft, zuvor verlorene Positionen wiederzuerlangen und dort Fuß zu fassen."

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Seltenes Interview

Wagner-Chef: Einnahme Bachmuts wichtig für weitere Feldzüge

Knapp ein Jahr nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hat Moskau nach Einschätzungen aus Washington bei der Invasion bereits die Hälfte seiner Panzer verloren. "Vermutlich die Hälfte des Hauptbestands an Panzern" der russischen Armee sei "von der Ukraine zerstört oder beschlagnahmt" worden, sagte am Freitag Celeste Wallander, Staatssekretärin im Pentagon. Die russischen Streitkräfte setzten derweil ihre Angriffe auf die Infrastruktur in der Ukraine fort. Wallander machte bei einer Online-Veranstaltung der Denkfabrik Center for a New American Security keine weiteren Angaben zur Zahl der nach US-Einschätzung beschlagnahmten und zerstörten Panzer. Die Ukraine soll ihrerseits in den kommenden Wochen von mehreren westlichen Verbündeten Kampfpanzer erhalten.

Baerbock: Bisherige Entscheidungen zügig umsetzen

In der Debatte um Waffenlieferungen an die Ukraine mahnte Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) zur Vorsicht. Es handle sich um "schwierige Entscheidungen", sagte Baerbock dem Berliner "Tagesspiegel" (Samstagsausgabe). "Es geht nicht um Spielzeug, sondern um schweres Kriegsmaterial. Daher ist es wichtig, immer wieder sorgfältig abzuwägen, wie wir bestmöglich Leben schützen können."

Angesprochen auf eine mögliche Lieferung von Kampfflugzeugen an die Ukraine sagte Baerbock der Zeitung, dies sei "keine Debatte, die wir führen". Wichtig sei, "dass bisherige Entscheidungen auch zügig umgesetzt werden". Zuletzt hatten mehrere westliche Staaten beschlossen, der Ukraine Kampfpanzer liefern zu wollen. In den vergangenen Tagen warb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erneut für weitere Waffenlieferungen an sein Land, darunter auch Kampfjets und Raketen mit größerer Reichweite. (APA/Reuters/dpa/AFP)

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