Chronik Ausland

Fast 26.000 Tote nach Erdbeben - Heer kann wieder helfen

Zwei Hundeführer durften mit ihren Tieren wieder an die Arbeit
© APA

Die Suche nach Verschütteten im Erdbebengebiet in der Türkei und Syrien wird immer schwieriger. Die Hoffnung, fünf Tage nach dem verheerenden Beben mit bereits fast 26.000 Toten noch Überlebende aus den Trümmern zu retten, schwindet mit jeder Minute mehr. Zudem musste etwa das österreichische Bundesheer seine Rettungsaktionen aufgrund einer zunehmend schwierigen Sicherheitslage drastisch reduzieren. Indes gab es in der Türkei Festnahmen wegen mutmaßlicher Fahrlässigkeit.

Nach einer kompletten Unterbrechung der Arbeiten durften zwei österreichische Hundeführer mit ihren Tieren Samstagnachmittag wieder nach Vermissten suchen, wie das Bundesheer der APA sagte. "Momentan hat die türkische Armee den Schutz unseres Kontingents übernommen", sagte Marcel Taschwer, Sprecher des Verteidigungsministeriums. Samstagfrüh musste die Truppe ihre Suche nach verschütteten Menschen im Krisengebiet stoppen. "Der erwartbare Erfolg einer Lebendrettung steht in keinem vertretbaren Verhältnis zu dem Sicherheitsrisiko", sagte Oberstleutnant Pierre Kugelweis Samstagvormittag der APA. Auch Deutschland und Ungarn pausierten die Einsätze.

"Es gibt zunehmend Aggressionen zwischen Gruppierungen in der Türkei. Es sollen Schüsse gefallen sein", so Kugelweis. Die österreichische Katastrophenhilfseinheit halte sich nach Informationen des Bundesheeres gemeinsam mit zahlreichen anderen Hilfsorganisationen in einem Basiscamp in der türkischen Provinz Hatay bereit. Seit Dienstag waren 82 Soldaten und Soldatinnen der sogenannten Austrian Forces Disaster Relief Unit (AFDRU) im Einsatz und bargen bisher neun verschüttete Menschen. Seit den frühen Morgenstunden am Samstag kam es nun aufgrund der Sicherheitslage zu keinen Rettungsaktionen mehr.

"Wir halten unsere Rette- und Bergekräfte weiter bereit. Wir stehen bereit für weitere Einsätze", so Kugelweis. Auch am Zeitplan - die Rückkehr nach Österreich war für Donnerstag geplant - ändere die aktuelle Situation laut aktuellen Angaben nichts. "Es gab keinen Angriff auf uns Österreicher. Es geht uns allen gut", so der Oberstleutnant. Die Stimmung unter den Helferinnen und Helfern sei der Situation entsprechend gut. "Wir würden gerne weiterhelfen, aber die Umstände sind, wie sie sind."

Bereits zuvor sagte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, dass in einigen Teilen des Landes der Ausnahmezustand verhängt wurde. Menschen, die Märkte plünderten oder Geschäfte angriffen, sollten so leichter bestraft werden. Behördenangaben vom Samstagabend zufolge wurden bereits 48 Menschen wegen Plünderungen festgenommen, 42 davon allein in der Provinz Hatay. Bei ihnen sollen größere Geldsummen, Schmuck, Bankkarten, Computer, Handys und Waffen gefunden worden sein. Ein am Samstag veröffentlichter Erlass ermöglicht es den Behörden, mutmaßliche Plünderer sieben statt bisher vier Tage in Gewahrsam zu halten.

Unterdessen wurden am Samstag im Süden der Türkei mindestens 14 Menschen wegen mutmaßlicher Fahrlässigkeit festgenommen. Ein Haftbefehl sei auch gegen 33 Menschen in der Stadt Diyarbakir ergangen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf Strafverfolger. Sie sollen für etwaige Bauschäden verantwortlich sein, die den Einsturz der Gebäude begünstigten, wie etwa das Entfernen von Betonsäulen. Einer der Verdächtigen wurde den Angaben zufolge am Flughafen in Istanbul gefasst. Er soll versucht haben, mit Bargeld nach Montenegro zu fliehen. Neun weitere Verdächtige wurden in den Städten Sanliurfa und Osmaniye verhaftet.

Unterdessen steigt die Zahl der Toten nach dem schweren Beben immer weiter. Allein in den betroffenen Gebieten in der Türkei sind 22.327 Menschen ums Leben gekommen, sagte der türkische Gesundheitsminister Fahrettin Koca am Samstag laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu. Mindestens 80.278 Menschen seien verletzt worden. In Syrien wurden 3.553 Todesopfer gemeldet. Viele Menschen werden noch unter den Trümmern vermisst.

Etwa 24,4 Millionen Menschen sind der Türkei zufolge von den Erdbeben betroffen. Über eine Million Menschen hätten kein Dach mehr über dem Kopf und seien in Notunterkünften untergebracht, sagte Vizepräsident Fuad Oktay. Laut Erdogan sind Hunderttausende Gebäude nicht mehr bewohnbar. Fast 93.000 Menschen wurden aus den Erdbebengebieten herausgebracht. Die deutsche Regierung kündigte am Samstag an, unbürokratisch Visa für Betroffene erteilen zu wollen, damit sie bei Angehörigen in Deutschland Unterschlupf finden können.

Seit dem ersten Beben Montag früh seien rund 2.000 Nachbeben registriert worden. Das betroffene Gebiet erstreckt sich über ein etwa 450 Kilometer breites Gebiet. Unzählige Menschen müssen bei eisigen Temperaturen im Freien, in ihren Autos oder in Zeltnotlagern ausharren, weil sie obdachlos wurden oder ihre Häuser einsturzgefährdet sind. Vielerorts mangelt es an Lebensmitteln, Trinkwasser und funktionierenden Toiletten. Zur besseren Versorgung der Überlebenden öffnete die Türkei einen Grenzübergang zu Armenien - trotz einer tiefen Feindschaft zum Nachbarland, berichtete Anadolu Ajansi.

In Syrien ist der Hilfseinsatz besonders schwierig. Das Land steckt seit fast zwölf Jahren im Bürgerkrieg. Zur Erdbebenkatastrophenregion zählen Landesteile, die von der Regierung kontrolliert werden, aber auch Rebellengebiete. Am Freitag traf ein erster Hilfskonvoi der Vereinten Nationen im Norden Syriens ein. Dort sind 90 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Unterstützung angewiesen.

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, traf am Samstag mit 35 Tonnen medizinischer Ausrüstung in Syrien ein, wie die Staatsagentur Sana meldete. Ein weiteres Flugzeug mit medizinischem Gut soll demnach innerhalb der nächsten zwei Tage im Land eintreffen. Zwei mit medizinischen Hilfsgütern für die Erdbebenopfer beladene Flugzeuge aus Italien sind am Samstag in der libanesischen Hauptstadt Beirut gelandet. Die Güter wurden von der syrischen Hilfsorganisation Roter Halbmond in Empfang genommen, wie die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana mitteilte.

Trotz schwindender Hoffnungen gelingt es den Rettungskräften aber auch fünf Tage nach der Katastrophe immer wieder, Menschen lebend aus den Trümmern zu retten. 122 Stunden nach den Erdbeben wurden in der Türkei zwei Frauen gerettet. Wie auf Bildern der Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi zu sehen war, wurde eine 70-Jährige in der Provinz Kahramanmaras in eine Decke gehüllt in einen Rettungswagen getragen. Eine 55-Jährige wurde in Diyarbakir lebend aus den Trümmern eines eingestürzten Hauses geborgen. Zahlreiche weitere Opfer wurden unter den Trümmern Tausender eingestürzter Häuser immer noch befürchtet.

Am Montag in der Früh hatte zunächst ein Beben der Stärke 7,7 das türkisch-syrische Grenzgebiet erschüttert, bevor zu Mittag ein weiteres Beben der Stärke 7,6 folgte. Nach Angaben der türkischen Behörden waren die Beben mit 65 und 45 Sekunden ungewöhnlich lang und deshalb so zerstörerisch. Da Menschen nur in seltenen Fällen länger als drei Tage ohne Wasser überleben können und die Vermisstenzahlen noch immer sehr hoch sind, ist zu befürchten, dass die Opferzahlen noch drastisch steigen dürften. UNO-Nothilfekoordinators Martin Griffiths bezeichnete am Samstag das verheerende Erdbeben als das "schlimmste Ereignis seit 100 Jahren in dieser Region".

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