Roman von Clemens J. Setz

„Monde vor der Landung“: Hohle Welten, wütender Wahn

Der in Graz geborene Autor Clemens J. Setz wurde 2021 mit gerade einmal 38 Jahren mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.
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In „Monde vor der Landung“ zeichnet Büchner-Preisträger Clemens J. Setz die Biografie eines Schwurblers literarisch nach, den der eigene Glaube blind für das macht, was ihm droht.

Innsbruck – Peter Bender gab es tatsächlich. Er wurde 1893 im rheinhessischen Bechtheim geboren und ging im nahen Worms zur Schule. Er interessierte sich, daran führt in Worms wohl wenig vorbei, für die Nibelungen, meldete sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst, wurde Flieger und flog lange genug, um mit einer Ahnung dafür abzustürzen, dass alles, buchstäblich alles, vielleicht doch ganz anders sein könnte, also anders, als es die Instanzen der Welterklärung behaupten. Wobei, Bender ist keiner, der sich aufs Vielleicht einlässt. Er fiel mit dem Wissen vom Himmel, dass alles anders ist – und alle, die anderes behaupten, „kopernikanischer Propaganda“ aufgesessen sind. Nicht auf einer um die Sonne kreisenden Kugel lebt und liebt und leidet der Mensch, sondern in der Kugel kreucht und fleucht er. Das ist Peter Benders an alternativen Fakten reiche Wahrheit – sein Hohlwelt-Glaube. Er predigt sie seiner Gemeinde. 1927 hat er sein Wissen und wie er dazu kam, als Roman aufgeschrieben. 1944 wurde er im Konzentrationslager Mauthausen ermordet. Er und sein nicht nur im Vergleich mit seinen Mördern schlimmstenfalls skurril wirkender Wahn, den er hartnäckig, aber alles in allem harmlos auslebte, wurden bald vergessen.

Clemens J. Setz, der sich auf so vieles und dabei nicht zuletzt aufs Nachspüren nach verschüttgegangenen Eigenartigkeiten versteht, hat diesen Peter Bender schon vor mehr als einem Jahrzehnt entdeckt. Nun hat er mit „Monde vor der Landung“ dessen Biografie nicht unbedingt fiktionalisiert, aber literarisiert. Er hat das Leben und Denken Benders, das seiner Frau Charlotte und das seiner anderen Liebschaften – Bender wusste in Vorträgen mit gehörigem Eigensinn und schwankender Überzeugungskraft auch von der „Quadratform der Geschlechter“ zu berichten – akribisch recherchiert. Einige Fundstücke sind als Fotos oder Faksimiles in „Monde vor der Landung“ abgedruckt. Nicht unbedingt als Beglaubigung des Erzählten, sondern als formale wie inhaltliche Erweiterung der Erzählung.

Nie hat man den Eindruck, Setz mache sich über seinen Protagonisten lustig, irrwitzig ist die Erzählung und Benders Geschwurbel trotzdem. Das, was er sagt, seine Überzeugung, sein Übermut, die Wichtigtuerei, das alles ist hohl wie die Welt, in der er sich wähnt. Setz erzählt lange ganz nah an seinem Protagonisten – um dann, wenn das Schicksal zum Schwung ausholt für seine schlimmsten Wendungen, zurückzuziehen: Die Tragödie setzt Setz in der Totalen in Szene, in totalitärer Distanz, wenn man so will: Anders als Bender sieht man dadurch, was sich im Großen zusammenbraut. Man ahnt, dass die Geschichte des Hohlerde-Propheten nie und nimmer gut oder auch nur irgendwie glimpflich ausgehen wird. Vielmehr kann man dem Dolm dabei zuschauen, wie er zunächst blauäugig mit- und schließlich in den Abgrund hineinläuft.

Hätte Setz seinen Heldinnen und Helden nicht ge-, sondern erfunden, hätte die Einbettung seiner Lebensgeschichte in den historischen Kontext des erwachenden und schließlich wütenden Nationalsozialismus etwas unangenehm Spekulatives gehabt. Doch Setz umgeht etwaige Vorwürfe, er wage sich mit „Monde vor der Landung“ bedrohlich weit hinaus aufs Glatteis des NS-Kitsches, nicht nur, weil die Geschichte, mit der er arbeitet, authentisch ist. Sondern auch, weil Peter und Charlotte Bender – ihre Spuren verlieren sich in Auschwitz – zwar zu Opfern der Mordmaschine werden, aber nie auf die narrative Funktion des Opfers reduziert werden: Der Schrecken ist das, was passiert, während man mit ganz anderem – mit Theorien über das Leben in einer Kugel zum Beispiel – beschäftigt ist.

Gerade deshalb wirft „Monde vor der Landung“ heikle – und gerade dieser Tage einmal mehr sehr aktuelle – Fragen auf: Wie soll eine Gesellschaft mit Schwurblern, mit echten und vermeintlichen Spinnern umgehen? Wann wird Denken, das quer zum Gängigen und wissenschaftlich Belegbaren steht, gefährlich? Was muss man aushalten, was lässt sich weglächeln und wo beginnt Verharmlosung?

Mit dem an wahren Begebenheiten orientierten Roman „Monde vor der Landung“ ist Clemens J. Setz, 1982 in Graz geboren und 2021 mit dem Georg-Büchner-Preis, der höchsten literarischen Auszeichnung des Sprachraums, prämiert, erneut ein großer Wurf gelungen. Ein eindrückliches Buch: klug, verquer, sehr lustig und tieftraurig. Vielleicht bietet es sich sogar an, es als moralische Erzählung zu lesen: Wer sich im Verkünden eigener Wahrheiten verliert, wird blind für die Gefahren, die von anderen Spinnern und ihrem falschen Zauber ausgehen.

Roman

Clemens J. Setz: Monde vor der Landung. Suhrkamp, 519 Seiten, 26.60 Euro.