Zehn Tage nach dem Beben: 17-Jährige nach 248 Stunden aus Trümmern gerettet
In der Türkei wird zehn Tage nach dem verheerenden Erdbeben weiter fieberhaft nach möglichen Überlebenden gesucht. Ein 13-Jähriger und eine 17-Jährige konnten gerettet werden.
Antakya – Knapp zehn Tage nach den schweren Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet sind ein 13-jähriger Bub und ein 17-jähriges Mädchen lebend aus den Trümmern gerettet worden. Der 13 Jahre alte Mustafa sei nach 228 Stunden in der Stadt Antakya befreit worden, teilten die Istanbuler Einsatzkräfte am Mittwochabend mit. Auf einem Video ist zu sehen, wie Feuerwehrkräfte und Bergarbeiter versuchen, den Jugendlichen anzusprechen, der dann auf einer Trage aus den Trümmern gebracht wird. Auch der Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu teilte ein Video der Rettungsaktion:
Die 17-jährige Aleyna Ölmez, deren Nachname auf Türkisch "Die, die nicht sterben wird" bedeutet, wurde am Donnerstag nach 248 Stunden in der stark zerstörten Stadt Kahramanmaras lebend geborgen, wie Einsatzkräfte sagten. "Sie schien wohlauf zu sein. Sie öffnete und schloss die Augen", sagte der an der Rettungsaktion beteiligt Bergmann Ali Akdogan.
"Wir arbeiten jetzt seit einer Woche hier in diesem Gebäude", berichtete Akdogan. "Wir freuen uns immer, wenn wir etwas Lebendiges finden – sogar eine Katze." Der Onkel der jungen Frau umarmte die Retter einen nach dem anderen und sagte unter Tränen: "Wir werden dich nie vergessen." Kurz nach der Rettung des Mädchens schickten türkische Soldaten Journalisten und Anrainer weg, weil auch Leichen aus dem Trümmerhaufen geborgen wurden
Der türkische Katastrophendienst Afad berichtete, das mit Stand Donnerstagfrüh 36.187 Tote in Zusammenhang mit dem Beben gemeldet wurden, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Bisher habe es mehr als 3800 Nachbeben gegeben, so die Regierung. Mehr als 100.000 Menschen seien verletzt worden, rund 13.200 werden demnach weiter in Krankenhäusern behandelt.
Die türkische Regierung hat die Zahl der betroffenen Provinzen von zehn auf elf erhöht, sagte der Sprecher der AKP-Partei, Ömer Celik. Auch die osttürkische Provinz Elazig gelte auf Anweisung des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nun offiziell als Katastrophengebiet.
Viele Opfer werden noch immer unter den Trümmern vermutet. Präsident Erdogan versprach am Montag, die Bergungsarbeiten nicht einzustellen, ehe alle Verschütteten geborgen seien. In den sozialen Medien teilen viele Menschen inzwischen Suchanzeigen in der Hoffnung, ihre Angehörigen in Krankenhäusern wiederzufinden. Mehr als 13.000 Verletzte werden noch in Spitälern behandelt, sind aber teilweise nicht identifizierbar, wie ein Krankenhausmitarbeiter in Adana sagte. Vielerorts wurde auch die Infrastruktur zur Krankenversorgung stark beschädigt.
Katastrophe kann Türkei ein Prozent des BIP kosten
Die Katastrophe wird die Türkei einer Prognose zufolge bis zu ein Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung kosten. "Das Erdbeben hat in hohem Maße landwirtschaftliche Gebiete und Regionen mit leichter Produktion betroffen, so dass die Auswirkungen auf andere Sektoren begrenzt sind", sagte die Chefvolkswirtin der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), Beata Javorcik. Der Wiederaufbau könnte aber im Jahresverlauf die negativen Auswirkungen auf Infrastruktur und Lieferketten ausgleichen.
Die Türkei und das benachbarte Syrien wurden am 6. Februar von dem verheerenden Erdbeben und starken Nachbeben erschüttert. Weit mehr als 40.000 Menschen kamen ums Leben, Millionen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Viele Überlebende sind bei winterlichen Temperaturen obdachlos geworden. Auf Naturkatastrophen spezialisierte Experten veranschlagen die wirtschaftlichen Schäden in der Türkei und in Syrien auf mehr als 20 Milliarden Dollar (18,69 Mrd. Euro). Nur ein Bruchteil davon – gut eine Milliarde Dollar – sei versichert, hieß es in einer ersten Schätzung der US-Firma Verisk Analytics.
Die Wachstumsprognose für die Türkei – die der größte Empfänger von Mitteln der Wiederaufbaubank ist – wurde für das laufende Jahr von 3,5 auf 3,0 Prozent nach unten korrigiert. Die vollen Auswirkungen der Naturkatastrophe sind in dieser Schätzung noch nicht berücksichtigt. Der wachsende externe Finanzierungsbedarf und die politische Ungewissheit im Zusammenhang mit den für dieses Jahr geplanten Wahlen erhöhten die Unsicherheit, so die EBWE.
Rotes Kreuz: Erdbeben haben Syrern „den Rücken gebrochen“
Den Betroffenen in Syrien hat die Bebenkatastrophe aus Sicht des Roten Kreuzes nach einer ohnehin jahrelangen Krise im Bürgerkrieg die letzten Kräfte geraubt. "Sie hat der syrischen Bevölkerung wirklich den Rücken gebrochen. Ich habe von vielen Leuten gehört, dass ihr Geist gebrochen ist", sagte der Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRC), Jagan Chapagain am Donnerstag.
Es sei eine "Krise nach einer Krise", sagte Chapagain am Flughafen in Beirut auf der Weiterreise aus Syrien in die Türkei. In Syrien war 2011 ein Bürgerkrieg ausgebrochen, der bis heute andauert. Der Nordwesten des Landes wurde von den Bebe besonders schwer getroffen. Schon vor der Katastrophe waren nach UNO-Angaben etwa 90 Prozent der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die verheerenden Beben trafen in Syrien damit eine Gegend, wo es schon vor der Katastrophe am Nötigsten fehlte.
Chapagain will sich in Syrien und in der Türkei ein Bild von der Lage machen. In Syrien geht es dabei auch um die vom Syrischen Roten Halbmond benötigten Güter, um den Opfern im Land angemessen zu helfen.
"Es könnte Wochen dauern, bis das Ausmaß der Schäden bekannt ist sowie die Bewegungsströme von Menschen und welche Art von Unterstützung sie benötigen", sagte Chapagain. "Im Moment ist es immer noch sehr kalt, deshalb leben die Menschen vorwiegend in Schulen und Moscheen und Gemeindezentren." Die Infrastruktur in Syrien sei vorher schon schlecht gewesen, die Beben hätten die Lage nun noch verschlimmert. (TT.com, APA/AFP/dpa)
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