Orchester der Akademie St. Blasius: Beglückende Lieblingswerke
Zum 25-jährigen Bestehen des Orchesters der Akademie St. Blasius präsentierte sich der Klangkörper unter Karlheinz Siessl auf höchstem Niveau.
Innsbruck – Ein Programm unter das Motto „Lieblingswerke“ zu stellen, kann alles und nichts bedeuten. Beim Orchester der Akademie St. Blasius unter der Leitung von Karlheinz Siessl darf man allerdings davon ausgehen, dass die Auswahl erlesen ist und eine Rarität birgt. Dem war auch am Sonntagvormittag im Haus der Musik so. Mit „D’un soir triste“ der mit 25 Jahren so jung verstorbenen französischen Komponistin Lili Boulanger (1893–1918) dürfte sich wohl für den Großteil des Publikums musikalisches Neuland eröffnet haben.
Um welch geniales musikalisches Talent es sich bei der Tochter des französischen Komponisten Ernest Boulanger handelt, davon zeugt der erste Preis beim Prix de Rome, der 1913 erstmals seit Bestehen nach 110 Jahren an eine Frau vergeben wurde. Unter den Preisträgern davor befanden sich so klingende Namen wie H. Berlioz, G. Bizet oder C. Debussy. Lilis Schwester Nadia, ebenfalls Komponistin, war eine lange Schaffenszeit mit entsprechender Anerkennung bis in die 1970er-Jahre hinein beschieden.
Wollte man Lili Boulangers Werk „schubladisieren“, so könnte man ihm eine Nähe zu Ravel oder Debussy attestieren. „D’un soir triste“ birgt alles, was ein hochkarätiges Werk ausmacht, und das Orchester der Akademie St. Blasius wusste den Schatz zu bergen: die farbliche und strukturelle Vielfalt, den lyrisch intimen und melancholischen Charakter, das verschattet Seelische.
Dmitri Schostakowitschs „Symphonie Nr. 1 f-Moll op. 10“ näher zu erläutern, hieße sprichwörtlich Eulen nach Athen zu tragen. Hunderte Male eingespielt, von den Besten der Besten – satthören davon kann man sich nicht. Das Erstlingswerk des 19- Jährigen ist das geniale, hochintellektuelle Ergebnis von Sturm und Drang dieser Zeit, wenn man so will. 1924/25 als Diplomarbeit für das Konservatorium Leningrad eingereicht, ist diese Symphonie eine Ansage, quasi das Manifest einer neuen Zeit.
Die herausfordernde bzw. provozierende Antwort auf die russisch-romantische Tradition hörte man mit St. Blasius alles andere als nur durchbuchstabiert. Man scheute nicht das Grelle, wusste um die Gratwanderung zwischen Idylle und Kraft wie um den jugendlich-emotionalen Überschwang des Finales. Ungemein feinfühlig wurden die zahlreichen, kammermusikalisch anmutenden Details ausgeleuchtet.
Jedes Orchester könnte sich glücklich schätzen, den mehrfach preisausgezeichneten Pianisten Michael Schöch quasi als Orchestermitglied zu haben. Sergei Prokofjews „Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur op. 26“ durchlebte er mit ausgeprägter interpretatorischer Imaginationskraft und wurde zum hochinspirierten Medium einer genialen musikalischen Botschaft. In Zwiesprache mit dem Orchester beglückte Schöch das Publikum mit einer einfühlsam lebendigen, überlegen durchstrukturierten Interpretation auf Basis vollkommener technischer Könnerschaft. Schönberg als Zugabe, in etwa für jeden Besucher einen Ton, und jeden einzelnen damit berührt.