Wahltiroler Pionier Heinrich Kühn.

Piktorialismus um 1900 in Albertina: Fotografie, die Kunst sein darf

Franz Kaisers „Zwei Mädchen in einer Blumenwiese“ (um 1910) ist Teil der Schau „Piktorialismus“.
© Albertina

Malerei und Fotografie Hand in Hand: Die Albertina modern beleuchtet den Piktorialismus um 1900. Nicht fehlen darf hier der Wahltiroler Pionier Heinrich Kühn.

Wien – Nach seinem Tod hatte sich lange niemand für die weich gezeichneten Porträts interessiert. Ebenso wenig für die sehnsuchtsvollen Landschaftsaufnahmen der Tiroler Almen, wo Kinder im hohen Gras spielen oder Damen in üppigen Hüten saftig grüne Berghänge herabsteigen. Erst Jahrzehnte später wurde das fotografische Werk von Heinrich Kühn (1866–1944) wiederentdeckt. In seiner Wahlheimat Tirol war es Ausstellungsmacher Peter Weiermair, der die Autochrome und Gummidrucke Kühns 1976 als Ikonen des Piktorialismus in der einstigen Galerie im Taxispalais zeigte. 2010 zog die Albertina mit einer umfassenden Personale nach. Die RLB Kunstbrücke (2012/13), Schloss Bruck (2015) oder das Fo.ku.s (2016) und nicht zuletzt ein Dokumentarfilm von Markus Heltschl feierten Kühn als führenden Vertreter der malerischen Fotografie in Österreich – und beleuchteten den gebürtigen Deutschen, der von Dresden nach Innsbruck und später Birgitz wechselte und als Teil des „Kleeblatts“ große Fotografiekollegen wie Alfred Stieglitz und Edward Steichen nach Tirol lockte, auf unterschiedlichste Weise.

Ohne Kühn kommt auch die Schau „Piktorialismus“ (kuratiert von Astrid Mahler) in der Albertina modern nicht aus, die aktuell im Untergeschoß des zweiten Albertina-Standorts zu sehen ist. Zentral stehen Kühns zarte Kinder-Porträts und die farbkräftigen Naturbilder, die den Secessionisten nacheifern. Die Ausstellung zeigt zudem – durchaus technikverliebt –, wie facettenreich sich „Die Kunstphotographie um 1900“ (so der Untertitel) gestaltete, wer sie weiterentwickelte und wie sie nachwirkte.

Am Anfang, also noch vor 1900, stehen die britischen Pioniere der Fotografie, unter ihnen Henry Peach Robinson (1830–1901), der wie viele andere von der Malerei abkupfert und Figurengruppen und Landschaft als szenische Tableaus montiert. Was den Piktorialismus schon jetzt ausmacht: Durch das bewusste Provozieren von malerischen Effekten wird die Fotografie von jeglichen Realitätszwängen befreit. Sie darf hier einfach Kunst sein. Von Konkurrenz der Medien hier plötzlich keine Spur mehr.

Kühns „Dämmerung“ (1896) kupfert auch vom Jugendstil ab.
© Albertina

Die Aufwertung der Fotografie trieb auch die Arbeit der wohlhabenden Amateure in Österreich an, die sich das Fotografieren knapp vor der Jahrtausendwende auch leisten konnten. An vorderster Front: das schon genannten „Kleeblatt“ oder „Trifolium“, also neben Kühn auch Hugo Henneberg und Hans Watzek. Über den Wiener Camera-Club vernetzten sie sich international. Ein Highlight der Schau sind die wenigen Motive von der US-Fotografin Getrude Käsebier (1852–1934).

Wie schon Kühn schuf auch Franz Kaiser entrückte (Tiroler) Idyllen vom Leben in Abgeschiedenheit. Spätestens bei Peter Paul Atzwanger (1888–1974), dem die Schau ein kleines, aber wichtiges Kapitel widmet, kippt das Ganze in kitschige Heimatfotografie. Entstanden in der Zwischenkriegszeit und von der Ideologie des austrofaschistischen Ständestaats unterstützt, sollen seine Berg- und Bauernmotive helfen, eine nationale Identität zu festigen. Dass Kühn ab 1938 als Parteimitglied ganz offiziell mit den NS-Ideologien sympathisierte, sei als biografisches Detail, das in der Schau fehlt, hier noch erwähnt.

Effektvoll beleuchtet sind die Bewegungsstudien von Rudolf Koppitz oder die Ansichten des New Yorks von Drahomír Josef Ru˚žicˇka. Effektvoll ist überhaupt die gesamte Albertina-Schau mit 98 Werken – vor allem aus der hauseigenen Sammlung. Sie zeigt, wie der Piktorialismus später auf die gewerbliche Porträtfotografie abfärbte. Ein Effekt, der bis ins Heute reicht. Nur dass inzwischen der digitale Instagramfilter die Arbeit macht.

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