Nach Flüchtlingsdrama in Italien: Bis zu 30 weitere Menschen vermisst
Das Ausmaß der Flüchtlingskatastrophe vor der süditalienischen Küste wird immer schlimmer: Bislang wurden 62 Leichen geborgen, darunter über ein Dutzend Kinder. 82 Personen konnten sich an Land retten.
Rom – Nach dem Flüchtlingsdrama vor der Küste der süditalienischen Region Kalabrien ist am Montag die Suche nach Vermissten neu aufgenommen worden. Nach Angaben des italienischen Innenministers Matteo Piantedosi werden noch bis zu 30 Menschen gesucht. 62 Leichen wurden bisher geborgen, darunter jene von 14 Minderjährigen, neun Buben und fünf Mädchen. Zu den Todesopfern zählen auch Zwillinge.
Die minderjährigen Todesopfer sind zwischen acht Monaten und 13 Jahren alt. Ganze Familien kamen bei dem Unglück ums Leben. 82 Personen konnten sich retten. 22 Überlebende wurden ins Spital eingeliefert, ein Mann kämpft um sein Leben.
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Das überladene Fischerboot, das laut der Küstenwache circa 120 Personen aus dem Iran, Pakistan und Afghanistan an Bord hatte, konnte dem rauen Meer nicht standhalten und prallte wenige Meter vor der Küste gegen die Felsen. Es zerbrach in zwei Teile. Die Trümmer seien 300 Meter vor der Küste verstreut, hieß es. Viele Überlebende konnten bis zum Ufer schwimmen.
Nach Angaben von Überlebenden befanden sich 140 bis 150 Menschen an Bord. Das Boot war vor vier Tagen vom osttürkischen Izmir abgefahren. Drei türkische Schlepper wurden bisher festgenommen. Sie sollen am Steuer des Fischerbootes gewesen sein. In der Region Kalabrien wurden am Montag die Fahnen auf Halbmast gehisst, als Zeichen der Trauer für das Flüchtlingsunglück.
Viele Kinder unter Opfern
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"Das Mittelmeer ist seit Jahren zum Massengrab verkommen und Europa schaut weiter zu. Wie lange noch?", kommentierte SPÖ-EU-Abgeordnete Theresa Bielowski am Montag in einer Aussendung die Katastrophe. "Die Diskussion auf EU-Ebene dreht sich aktuell um Zäune und Mauern, aber man kann Europa nicht abschotten." Menschen würden "immer vor Krieg und Elend fliehen und dafür auch immer gefährlichere Routen wählen". Um "das Geschäft der kriminellen Schlepperbanden wirklich zu bekämpfen", brauche es die Wiedereinrichtung einer von der EU geführten Seenotrettungsmission sowie endlich einen Durchbruch für eine gemeinsame europäische Asylpolitik, so Bielowski.
Italien fordert harten Kampf gegen Schlepperei
Nach dem Bootsunglück ruft Italien die EU zu einem entschlosseneren Kampf gegen Schlepperei auf. "Schlepperei ist ein internationales Problem", sagte Piantedosi, der das Thema am Montagnachmittag bei einem bilateralen Treffen mit seinem französischen Amtskollegen, Gérald Darmanin, in Paris diskutieren will.
"In der Frage der Migranten muss Europa mehr tun. Der Übergang von Worten zu Taten ist von grundlegender Bedeutung", sagte der parteilose Minister.
Kritik zog sich der italienische Innenminister mit der Behauptung zu, Migrantinnen und Migranten sollten nicht das Leben ihrer Kinder bei gefährlichen Seefahrten über das Mittelmeer auf Spiel setzen. "Verzweiflung kann niemals Reisebedingungen rechtfertigen, die das Leben der eigenen Kinder gefährden", so der Innenminister im Gespräch mit Journalistinnen und Journalisten in Kalabrien am Montag.
Prompt kam die Reaktion von "Ärzte ohne Grenzen" (MSF). "Die Worte Piantedosis sind kaum mehr als eine traurige Abwälzung der Verantwortung, ein weiterer Schlag ins Gesicht der Opfer und Überlebenden dieser Tragödie", sagte Marco Bertotto, Sprecher von MSF, während der Pressekonferenz zum Schiffsunglück von Crotone.