Russische Angriffe verstärkt

Ukrainisches Militär: Lage um Bachmut extrem angespannt

In Bahmut leben nur noch wenige Tausend Menschen, die Spuren des Krieges sind unübersehbar.
© IMAGO/SNA

Die Ukraine erleidet durch den russischen Angriffskrieg nicht nur unermessliche Verluste und Zerstörungen, der Abwehrkampf ist auch teuer. Umso willkommener ist da Besuch aus Washington.

Kiew (Kyjiw) – Die Lage rings um Bachmut im Osten der Ukraine ist nach Einschätzung des ukrainischen Militärs "extrem angespannt". Russische Wagner-Söldner versuchten, die Stadt einzukesseln, teilte der Kommandant der Bodentruppen, Olexandr Syrskji, am Dienstag mit. Das Erreichen der Kriegsziele in der Ukraine hat nach Kreml-Angaben Vorrang vor möglichen Friedensverhandlungen.

"Ungeachtet spürbarer Verluste wirft der Feind die am besten vorbereiteten Einheiten der Wagner-Söldner in den Angriff", sagte Generaloberst Syrskji am Dienstag nach Angaben der ukrainischen Armee. Die Söldner bemühen sich seit Monaten in einem erbitterten Kampf, die strategisch wichtige Stadt einzunehmen. Auch das reguläre russische Militär ist vorgerückt. Die russischen Truppen versuchen, die ukrainischen Soldaten in Bachmut von der Versorgung abzuschneiden. So sollen sie zum Abzug oder zur Aufgabe gezwungen werden.

Russen kämpfen verbissen um ersten Erfolg

In dem von Russland "Artjomowsk" genannten Bachmut, das vor dem Krieg rund 70.000 Menschen zählte, harren noch immer rund 5.000 Zivilistinnen und Zivilisten aus. Die Einnahme der Stadt wäre der erste größere Erfolg der Invasionstruppen seit mehr als einem halben Jahr und würde den Weg öffnen, die übrigen städtischen Zentren im Donbass unter russische Kontrolle zu bringen. Der industriell geprägte Donbass im Osten der Ukraine besteht aus den Regionen Donezk und Luhansk.

Das ukrainische Militär teilte mit, Russland habe seine Streitkräfte im Gebiet um Bachmut verstärkt und beschieße rund um die Stadt gelegene Siedlungen. "Am vergangenen Tag haben unsere Soldaten mehr als 60 feindliche Angriffe abgewehrt", teilte es am Dienstagmorgen in Bezug auf Bachmut und Umgebung mit. Russische Angriffe auf die Dörfer Jahidne und Berchiwka an den nördlichen Zugängen zu Bachmut seien zurückgestoßen worden.

"Feind setzt auf totale Zerstörung"

In der Nacht hatte bereits Präsident Wolodymyr Selenskyj und die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar von einer "schwierigen Situation" an der Front gesprochen. Die russische Armee greife insbesondere bei Bachmut intensiver an, so Maljar. "Der Feind setzt bei seinen Offensivaktionen auf die Taktik der Zermürbung und der totalen Zerstörung", schrieb sie im Nachrichtendienst Telegram. Die ukrainischen Einheiten betrieben trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit "aktive Verteidigung".

"In Richtung Bachmut wird die Situation immer komplizierter", sagte auch Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. Er verknüpfte damit die Bitte um mehr Waffenlieferungen, auch für eine bessere Flugabwehr einschließlich Kampfflugzeugen. "Der Feind zerstört ständig alles, was zur Verteidigung unserer Stellungen, zu ihrer Befestigung und Verteidigung dienen kann", sagte Selenskyj über die Kämpfe in Bachmut.

Bisher gebe es keine Signale aus Kiew, mit Moskau Verhandlungen aufzunehmen, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag. Bisher seien solche Gespräche von Rechts wegen unmöglich, weil die ukrainische Regierung sie ausgeschlossen habe. "In diesem Fall ist das Erreichen unserer Ziele das Wichtigste, das ist unsere absolute Priorität."

Russen bestehen auf völkerrechtswidrige Annexion

Selenskyj hat Verhandlungen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin per Dekret abgelehnt und dies auch mehrfach bekräftigt. Er hat einen eigenen Plan vorgelegt, der als Grundvoraussetzung für den Beginn von Friedensgesprächen vorsieht, dass Russland seine Truppen komplett aus der Ukraine abzieht. Das hat Russland, das vor rund einem Jahr die Ukraine überfiel, als absurd zurückgewiesen.

Nach Darstellung des Kremlsprechers Peskow muss die Ukraine für mögliche Verhandlungen anerkennen, dass die vier Gebiete Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson nun auch in der Verfassung als Teile Russlands verankerten seien. "Das sind sehr wichtige Realitäten", sagte Peskow. Allerdings kontrolliert Russland bisher keine dieser völkerrechtswidrig annektierten Regionen vollständig. Als ein Ziel hatte Russland auch eine Entmilitarisierung der vom Westen mit Waffen und Munition ausgestatteten Ukraine genannt. (dpa)

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