Mindestens 36 Tote und 85 Verletzte

Fassungslosigkeit nach Zugunglück in Griechenland: Erste Hinweise auf Ursache

Bei Tagesanbruch wurde das Ausmaß des schweren Unglücks erst deutlich: Die Unfallstelle gleicht einem Trümmerfeld, die vorderen Waggons beider Züge wurden durch den Aufprall geradezu zusammengefaltet und brannten zum Teil aus, wie Drohnenaufnahmen im griechischen Staatsfernsehen zeigen.
© APA/AFP/Eurokinissi/VASILIS VERVERIDIS

Die Züge rasten in der Dunkelheit frontal aufeinander zu, die Insassen der ersten Waggons hatten keine Chance – Griechenland erlebt in der Nach auf Mittwoch das schwerste Zugunglück seiner Geschichte. Die Hinweise auf technische Probleme und menschliches Versagen verdichten sich.

Athen – Hoffnung auf Überlebende gab es am Nachmittag unter den Rettungskräften kaum mehr: Bei einem schweren Zugunglück sind in der Nacht zum Mittwoch in Griechenland mindestens 36 Menschen ums Leben gekommen. 72 Passagiere wurden teils schwer verletzt. Ein Personenzug war auf dem Weg von Athen in die nordgriechische Hafenstadt Thessaloniki mit einem Güterzug zusammengeprallt. Die ersten zwei Waggons des Personenzugs wurden völlig zerstört und brannten anschließend aus – die Leichen können nur per DNA-Abgleich identifiziert werden. Die Zahl der Toten dürfte deshalb noch weiter steigen, hieß es bei den Rettungskräften.

Österreicher dürften nicht unter den Opfern sein. „Nach unserem derzeitigen Kenntnisstand sind keine österreichischen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger vom Zugunglück in Griechenland betroffen", informierte das Außenministerium am Mittwoch.

📽️ Video | Viele Tote bei schwerem Zugunglück

Beide Züge waren in gegensätzlicher Richtung auf derselben Spur unterwegs, obwohl die Strecke zweigleisig ausgebaut ist. Berichten zufolge funktionierte das elektronische Leitsystem auf der Strecke nicht, weshalb die Bahnhofsvorsteher die Züge koordinierten. Der Verantwortliche am Bahnhof der Stadt Larisa soll am Dienstagabend den entscheidenden Fehler gemacht und den Personenzug auf das falsche Gleis geleitet haben. Der Mann wurde festgenommen, weitere andere Verantwortliche und Techniker werden befragt. Noch stehen die Ermittlungen allerdings am Anfang, auch andere Ursachen wie etwa weitere technische Probleme werden nicht ausgeschlossen.

Der griechische Verkehrsminister Kostas Karamanlis trat noch am Mittwochnachmittag nach einem Besuch der Unglücksstelle zurück. Wenn so etwas Tragisches passiere, sei es nicht möglich, so weiterzumachen als sei nichts geschehen, ließ er mitteilen. Er fühle sich verpflichtet, die Verantwortung für die Fehler des griechischen Staates zu übernehmen, sagte Karamanlis und drückte den Familien der Opfer nochmals sein Mitleid aus.

Weltweit nahmen die Menschen Anteil an dem Unglück. Neben EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sprachen auch der Papst sowie viele europäische Staats- und Regierungschefs ihr Beileid aus. „Wir trauern mit unseren griechischen Freunden und denken an die Opfer und deren Angehörige. Wir wünschen Euch viel Kraft in diesen schweren Stunden“, schrieb der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kondolierte.

Sichtlich getroffen versprach Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis am Mittag an der Unfallstelle die vollständige Aufklärung der Ursache des Unglücks. Es sei eine „unaussprechliche Tragödie“, sagte er. Zunächst sei nun die Hauptaufgabe, die Verwundeten zu behandeln und die Leichen zu identifizieren. Man werde alles tun, damit so etwas nie wieder passiere.

Für Griechenland, das nur ein kleines Schienennetz hat, ist es das schwerste Eisenbahnunglück der Geschichte, vergleichbar mit dem furchtbaren Zugunglück 1998 im deutschen Eschede, bei dem 101 Menschen ums Leben kamen.

Nach dem Zusammenstoß brach in Feuer aus.
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Durch die Wucht des Aufpralls wurden die Waggons teils komplett zerstört
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Erste mögliche Hinweise auf Unfallursache

Der 59 Jahre alte Bahnhofsvorsteher, der am Dienstagabend am Bahnhof von Larisa verantwortlich war, wurde als mutmaßlicher Unfallverursacher unter anderem wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung angeklagt, berichtete die Tageszeitung Kathimerini. Der Personenzug könnte dieser Theorie zufolge schon von Larisa aus auf die falsche Spur geschickt worden sein. Mangels Leitsystem war zunächst auch der genaue Unfallort nicht auszumachen, berichtete der Sender ERT – die Rettungskräfte hätten die Stelle erst suchen müssen. Berichten zufolge soll es Probleme mit der Stromversorgung gegeben haben auch dies wird untersucht.

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Mindestens 36 Tote und 85 Verletzte

Fassungslosigkeit nach Zugunglück in Griechenland: Erste Hinweise auf Ursache

Die Empörung der Menschen in Griechenland ist jetzt schon groß: Wie ist es möglich, dass der Intercity auf demselben Schienenstrang wie der entgegenkommende Güterzug unterwegs war, obwohl die Strecke zweispurig ausgebaut ist, fragt man sich. In Larisa machten sich nach einem Aufruf des griechischen Roten Kreuzes und der umliegenden Krankenhäuser viele Menschen zur Blutspende auf, um ihre Unterstützung für die Verletzten zu zeigen.

Zahlreiche Menschen meldeten sich freiwillig zum Blutspenden, unter ihnen auch Premierminister Alexis Tsipras (m.).
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Am Zielbahnhof in Thessaloniki versammelten sich kurz nach Bekanntwerden des Unfalls noch in der Nacht verzweifelte Angehörige, Telefon-Hotlines wurden eingerichtet. Rund 200 Passagiere, die nicht oder nur leicht verletzt wurden, wurden vom Unglücksort mit Bussen in die 150 Kilometer weit entfernte Stadt gebracht. Manche Angehörige aber warteten dort vergebens.

Rettungskräfte evakuierten die Menschen aus den zum Teil völlig demolierten Waggons.
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Bei vielen der Passagiere soll es sich um junge Leute gehandelt haben, Studierende, die nach einem verlängerten Wochenende wegen eines Feiertags nun auf dem Weg zur Universität von Thessaloniki waren. Insgesamt sollen 354 Menschen von dem Unfall betroffen gewesen sein: 342 Passagiere und zehn Bahnmitarbeiter im Personenzug von Athen nach Thessaloniki sowie zwei Lokführer im Güterzug.

„Ich dachte, ich würde sterben“, sagte ein Passagier der Tageszeitung Kathimerini. Der junge Mann saß nach eigenen Angaben in einem der hinteren Waggons. Er habe am Boden Schutz gesucht, Menschen hätten geschrien und geweint. Andere Passagiere berichteten, sie hätten die Fenster eingedrückt und sich im Dunkeln aus dem halb umgekippten Waggon retten können.

Trotz der Modernisierung mit neuen Brücken und Tunneln und zwei Gleisen entlang der rund 500 Kilometer langen Strecke Athen-Thessaloniki habe es schon länger erhebliche Probleme bei der elektrischen Koordination gegeben, hieß es im Staatsfernsehen. „Wir fahren wie in alten Zeiten von einem Streckenteil zum anderen per Funk. Die Stationsleiter geben uns grünes Licht“, sagte Kostas Genidounias, Präsident der Gewerkschaft der Lokführer. Die Gewerkschaft habe den Zustand schon wiederholt beanstandet. (APA/dpa, TT.com)

Die schwersten Zugsunglücke in Europa

Das Unglück mit mindestens 36 Toten und dutzenden Verletzten ist laut griechischen Medien das schlimmste Zugsunglück in der Geschichte des Landes. In Europa ereigneten sich in den vergangenen 25 Jahren einige noch schwerere Zugsunglücke:

1998: 101 Tote in Deutschland

Am 3. Juni ereignet sich das schwerste Zugsunglück der europäischen Nachkriegsgeschichte in der niedersächsischen Gemeinde Eschede, als ein ICE von München nach Hamburg wegen eines gebrochenen Radreifens in voller Fahrt entgleist und gegen eine Brücke prallt. 101 Menschen werden getötet und 88 verletzt. Das Unglücke wird später auf Materialermüdung zurückgeführt.

2013: 80 Tote in Spanien

Am 24. Juli eingleist ein Hochgeschwindigkeitszug, der mit 179 Stundenkilometern doppelt so schnell fährt wie erlaubt, in einer scharfen Kurve nahe dem Pilgerort Santiago de Compostela und kracht gegen eine Mauer. 80 Menschen sterben und 140 werden verletzt.

2006: 47 Tote in Montenegro

Am 23. Jänner sterben nahe der Hauptstadt Podgorica 47 Menschen, als ein Zug entgleist, weil die Bremsen versagen. 234 weitere Menschen werden verletzt.

2010: 45 Tote in der Ukraine

An einem Bahnübergang in Marganez im zentralen Osten der Ukraine werden bei der Kollision eines Zuges mit einem Reisebus am 12. Oktober 45 Menschen getötet. Der Busfahrer war trotz eines roten Haltesignals über die Gleise gefahren.

2004: 41 Tote in der Türkei

Im Nordwesten der Türkei entgleist am 22. Juli in der Nähe der Stadt Pamukova in der Provinz Sakarya ein Schnellzug auf dem Weg von Istanbul nach Ankara; es werden 41 Tote und 80 Verletzte gezählt.