Kunstraum Schwaz

Malerisch eingegraben: Ausstellung „diggin’“ von Sophia Mairer in Schwaz

Detail aus der großformatigen Malerei „the bowels of the earth“ (2022), Mairer arbeitet vornehmlich mit pigmentiertem Bindemittel.
© Nagl

Sophia Mairers Kunst ist eng mit der Natur verwachsen. In „diggin’“ im Kunstraum Schwaz wagt die Tirolerin den „deep dive“ in den Ökofeminismus.

Schwaz – Die Radieschen von unten betrachten, das ginge, nimmt man’s wörtlich, wirklich nur mit erheblichem Aufwand. Die Sicht von unten auf das, was normalerweise unter uns liegt, kann man sich höchstens ausmalen. Sophia Mairer gräbt sich dafür in ihrer Malerei tief in die Schichten der Erde ein, entdeckt weitverästelte Wurzelsysteme, magisch leuchtende Gewächse und immer wieder Spuren des Menschlichen. Manchmal wird es dort unten unheimlich, man wähnt sich plötzlich in den (Grusel-)Welten von Serien wie „The Last of Us“ oder „Stranger Things“. Dann aber reißen die dunklen Bildwolken wieder auf, der blaue Himmel schimmert durch. Und wo das herkommt, wartet noch mehr, wird das Publikum in der gestern eröffneten Schau der Tirolerin im Kunstraum Schwaz merken. Mit dem Titel „diggin’“ (also „graben“) hat die 1989 geborene Mairer in ihrer nun zweiten Soloshow in Tirol jedenfalls schon einmal eine ganze Grube der Erwartungen ausgehoben.

Am besten, man fällt selbst völlig unvorbereitet hinein, lässt sich treiben von Mairers Bildwelten. Die sind mit dem Natürlichen ganz eng verwachsen. Kunstraum-Leiterin Nadja Ayoub hat Mairer auch deswegen bereits 2021 in ihrer Freiluftausstellung „overgrown“ in Buchen oberhalb von Telfs gezeigt, wo ein Malerei-Skulptur-Hybrid der Künstlerin genau ein Jahr lang Wind und Wetter ausgesetzt war. Menschliche und natürliche Spuren wurden wie durch Zauberhand eins.

In „diggin’“ dürfen sie nun künstlerisch weiterwuchern, nur trennt Mairer in den Arbeiten, die größtenteils für die Schwazer Ausstellung entstanden sind, wieder strikt zwischen Malerei und Skulptur. Dafür ist das Leben auf der mit pigmentiertem Bindemittel bearbeiteten Leinwand – besonders in den großformatigen Arbeiten im zentralen Raum – aber facettenreich genug. Es reicht von dahingehauchten Farbschleiern hin zu feinsten Elementen mit Lichteffekten, die mal altmeisterlich, mal einem Comic entsprungen scheinen. Mairer zitiert frei von der Leber weg aber auch aus der Malereigeschichte, die steile Untersicht der barocken Kuppelausmalungen oder der fette, flächige Pinselauftrag des Expressionismus – und das alles auf einer Leinwand.

Wie so oft liegt auch bei Mairer das Wesentliche im Detail. Da Schläuche und Würmchen, die das Wort „dee(e)p“ oder die Initialen der Künstlerin formen, dort Bäume, die wie in der einzigen Papierarbeit „jogger“ (2017) tumultartig die Flucht ergreifen. Und der Mensch? Der schaut bloß zu – oder liegt flach, erschlagen von ökologischer Krise und Selbstoptimierung. Laurie Pennys „Sexuelle Revolution“ ist hier (in „erode“, 2023) Bettlektüre. Vielleicht weil das Graben bei gewissen Themen nicht reicht, sondern – wie im Bild mit schwerem Gerät – umgegraben werden muss.

Den „deep dive“ in den Ökofeminismus macht Mairer, die nach dem Studium an der Angewandten in Wien lebt, aber gern in spielerischer Manier. In ihren Skulptürchen etwa sitzt Plastiktrash auf einem Wurzelstock und trifft Mädchen-Sein auf pure Natur.

Apropos spielerisch: Mehr Lockerheit hätte dem Raumkonzept dieser so sehenswerten Ausstellung gutgetan. Jetzt wird streng nach Werkgruppen getrennt. Warum nicht auch hier wild wuchern lassen?

Kunstraum Schwaz. Franz-Josef-Str. 27, Schwaz; bis 27. Mai, Mi–Fr 13–18 Uhr, Sa 10–15 Uhr.

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Angela Dähling

Angela Dähling

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