„Sonne und Beton“: Harte Jungs in der Gropiusstadt
David Wnendt verfilmt den Berliner Ghetto-Roman „Sonne und Beton“ von Felix Lobrecht mit viel Style und Coolness.
Innsbruck – Die Gropiusstadt in Berlin-Neukölln. Vom Namensgeber und Architekturmeister geplant, als westdeutsches soziales Wohnbauprojekt, wurde es später zum sozialen Brennpunkt, ähnlich dem erst kürzlich zu Filmehren gekommenen Pariser „Gagarine“.
Einer, der Jahrzehnte später hier aufwuchs, ist der deutsche Comedian Felix Lobrecht. 2017 veröffentlichte er seinen autobiografisch gefärbten Roman „Sonne und Beton“. Nun wagt sich Regisseur David Wnendt an die Verfilmung. Er hat sich in seinen bisherigen Arbeiten recht furchtlos gegenüber herausfordernden Inhalten gezeigt, etwa im Nazi-Drama „Kriegerin“, in der Charlotte-Roche-Adaption „Feuchtgebiete“ oder im Hitler-Reenactment „Er ist wieder da“.
„Sonne und Beton“ nimmt sich dagegen fast wie ein klassischer Coming-of-Age-Film aus. Doch mit starkem Lokalkolorit aus dem Neukölln Anfang der 2000er versucht er sich auch stilistisch seinen jugendlichen Protagonisten anzunähern – und damit ein Zielpublikum jenseits der Arthouse-Blase zu erschließen. Das gelingt mit sonnig-harten Bildern von Kamerafrau Jieun Yi, flottem Rapvideo-Rhythmus und einem expliziten Aggro-Berlin-Soundtrack. Einige Rapper spielen auch Rollen im Film.
🎬 Trailer | Sonne und Beton
Im Zentrum stehen die drei 14-jährigen Schüler Lukas, Julius und Gino. Später stößt mit Sanchez noch ein an kubanischen Rhythmen ausgerichteter Teenager dazu. Die drei sind das, was man im Ghetto-Jargon „Opfer“ nennt. Sie geraten zwischen die Fronten türkischer und arabischer Gangs und müssen dringend Geld auftreiben. Dabei träumen sie vom Leben in Reichtum oder zumindest vom ersten Körperkontakt mit einem Mädchen und einem intakten Elternhaus.
Ohne unglaubwürdig zu werden, schafft es der junge Neuköllner Hauptdarsteller Levy Rico Arcos, seinem Lukas eine Ahnung vom Erwachsensein zu geben.
Die Geschichte ist streng aus der pubertären Perspektive erzählt. Es ist ein schmaler Grat zwischen übertrieben maskuliner Coolness und pädagogisch-distanzierter Überformung einer perspektivlosen migrantischen Lebensrealität.
Regisseur Wnendt entscheidet sich im Zweifel für den Style und das Jungens-Gehabe seiner Loser-Helden. Im aufblitzenden Humor geht er etwas auf ironische Distanz, mit einer „Fack ju Göhte“-Schnauze. Trotz einfach gestrickter harter Story hebt diese rotzig-freche, echte Sprache den Film von vielen gut gemeinten Milieustudien ab. Bei der Berlinale-Premiere außer Konkurrenz stieß der Film auf wohlwollenden Zuspruch.