Teure Kinderbetreuung frisst Lohn: Vollzeitjob lohnt sich oft nicht
Ein 40-Stunden-Job lohnt sich bei teurer Kinderbetreuung oft nicht, rechnet eine Ökonomin vor. Eine Reform der Steuer-Progression wird gefordert.
Wien – Dass es Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, „das ist kein Mythos, sondern das ist ein Fakt“, sagt Carmen Treml von der Agenda Austria. Schuld daran sei aber nicht Diskriminierung. Denn der größte Teil der Einkommensdifferenz lasse sich mit Betreuungspflichten und der Berufswahl von Frauen erklären, so die Ökonomin.
In Österreich nehme der Gender Pay Gap, also die geschlechtsspezifische Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen, zwar seit Jahren ab, aber der Motherhood Pay Gap, also die Gehaltsdifferenz, die sich auf Kinderbetreuungspflichten zurückführen lasse, nehme zu. Elternkarenz werde in 96 Prozent aller Partnerschaften von den Müttern in Anspruch genommen, nur bei einem von drei österreichischen Paaren mit Kind würden beide Eltern Vollzeit arbeiten, während der EU-Schnitt bei über 50 Prozent liege.
Bemerkenswert sei auch, dass fast die Hälfte der kinderlosen Frauen zwischen 45 und 54 Jahren Teilzeit arbeite. „Ich glaube, dass das sehr mit den subjektiven Präferenzen zusammenhängt und vielleicht nicht mit dem Angebot“, sagte Treml.
Der generelle Trend zur Teilzeitarbeit, sowohl bei Männern als auch Frauen, werde auf Dauer zum Problem für das Sozialsystem. Am häufigsten wird die Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen als Grund für Teilzeitarbeit von Frauen genannt. Dabei gibt es aber große regionale Unterschiede: Während in Wien neun von zehn Kindern so betreut werden, dass die Eltern Vollzeit arbeiten können, ist es in Vorarlberg, Tirol oder der Steiermark nicht einmal die Hälfte.
Rechtsanspruch „utopisch“
Kinderbetreuung in Tirol: „Noch mehr? Wir sind jetzt schon am Limit!“
Steuerungsgruppe tagte
Kinderbetreuung in Tirol: Rechtsanspruch bringt Finanz-Karussell in Schwung
Ganztagsbetreuung sei eine Grundvoraussetzung für eine höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen, betonte Treml. Denn ohne Ganztagsbetreuung würden sich viele Frauen schon alleine aus finanziellen Gründen dafür entscheiden, die Kinderbetreuung selbst zu übernehmen, weil die Betreuungskosten oft höher wären als der zusätzliche Lohn – sie stecken in der „Teilzeitfalle“.
Gute Kinderbetreuung sei aber nicht genug, so Treml. Einen wichtigen Grund dafür sieht die Agenda Austria in der hohen Steuerbelastung von Arbeit und in der Steuerprogression. Hohe Lohnsteuertarife sollten erst bei höheren Einkommen greifen als derzeit, und durch einen Sonderabsetzbetrag für Vollzeitbeschäftigte könnte Vollzeitarbeit attraktiver werden, lautet die Empfehlung. Das Pendlerpauschale sollte reformiert und nur noch bei Vollzeitarbeit voll ausbezahlt werden. (APA)