📺 Filmkritik

Spielplatz Psychiatrie: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ im Kino

Aufwachsen in der Psychiatrie: Joachim, genannt Josse (Arsseni Bultmann) und seine erste Liebe, Patientin Marlene (Pola Geiger).
© Warner

Sonja Heiss verfilmt „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ von Joachim Meyerhoff als herzlich-verrückte Kindheitsgeschichte.

Innsbruck – Im Filmtitel steckt bereits eine Warnung: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ weist auf die trügerische Erinnerung hin, aus der uns die Hauptfigur berichtet. Held dieser Geschichte aus der Kindheit ist Joachim Meyerhoff. Der bekannte Schauspieler füllte mit seinem autobiografischen Bühnensolo „Alle Toten fliegen hoch“ das Wiener Burgtheater (ab 2009) und als Roman (2011) dann die Bestsellerlisten. Nun wurde der 2013 erschienene Band 2 „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ verfilmt.

Regisseurin Sonja Heiss („Hedi Schneider steckt fest“) beantwortet die sperrige Titelfrage mit lakonischem Schmäh und viel Leichtigkeit gegenüber den eigentlich schweren Themen. Die Vorlage liegt der gebürtigen Münchnerin: „Ein deutsches Buch, das so lustig ist, gibt es selten. Und genau die Art Humor, die meinem sehr ähnlich ist.“

🎬 Trailer | Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

Joachim, genannt Josse, wächst nämlich von den 1970er- bis in die 1990er-Jahre inmitten des psychiatrischen Krankenhauses im norddeutschen Schleswig-Holstein auf. Sein Vater leitet die Klinik als Professor. Er will moderne offene Methoden etablieren und lädt dafür schon einmal den verantwortlichen Politiker zu Besuch ein. Der Schulweg von Joachim ist daher voller Begegnungen mit denen, die in die Welt draußen nicht hineinpassen.

Die Klinik ist Joachims Spielplatz, PatientInnen sind auf eine gewisse Art seine Freunde. Sie werden teilweise von Menschen mit Behinderung gespielt und das passt wunderbar zur urteilsfreien Haltung des Films. Doch die Grenze zwischen „normal“ und „verrückt“ ist für Josse, seine Eltern und seine zwei Brüder fließend. Auch Josse hat zuweilen mit Wutausbrüchen zu kämpfen, wenn er zu sehr gereizt wird. Gespielt wird er in drei Altersabschnitten von Camille Loup Moltzen, Arsseni Bultmann und Merlin Rose, die allesamt ihre Figur recht schön dem Alter entsprechend durch die Wirrungen dieser Welt führen. Er steht zwischen seinen beiden eigenartigen Eltern. Die Italien-verliebte Mutter Iris (Laura Tonke) wird vom norddeutschen Professoren-Vater Richard immer mehr links liegen gelassen, der sich lieber an seine Sekretärin heranmacht. Devid Striesow legt ihn dennoch als liebevollen Klinik-Vater an – vom kriegsgeilen preußischen General, den Striesow noch im deutschen Oscar-Gewinner „Im Westen nichts Neues“ verkörpert, ist nichts mehr übrig.

Auch das Retro-Zeitkolorit bringt noch einmal eine humorvolle Distanz in die Erinnerungsgeschichte samt musikalischen Einsprengseln wie etwa „Eisbär“ der Punkband Grauzone von 1981. All diese Details geben der Coming-of-Age-Geschichte eine herrlich beiläufige Absurdität, die aber nie ausgeschlachtet wird. Der am Ende gar ein wenig zu entspannt erzählte Eröffnungsfilm der Berlinale-Sektion Generation punktet mit einem sympathischen jungen Ensemble und wunderbar humanistischem Humor.