Teil 1 einer Trilogie

„Bleiben in der Fremde“: Wie elend sich die Fremde doch anfühlt

Wandfüllendes Poster „Exile Is a Hard Job“ der türkischen Künstlerin und Aktivistin Nil Yalter.
© Günter Kresser

„Bleiben in der Fremde“ im Innsbrucker Taxispalais: Teil 1 einer Trilogie über das soziale Miteinander.

Innsbruck – Die Entscheidung Nina Tabassomis, den Ehrgeiz, sämtliche Ausstellungen in „ihrem“ Haus selbst kuratieren zu wollen, aufzugeben, erweist sich angesichts der aktuellen Schau als glorreiche Idee. Wo sie sich mit Gürsoy Dogtas einen kompetenten Mit-Macher ins Boot geholt hat, der als 1975 geborenes Kind türkischer Arbeitsmigranten hier nicht zuletzt seiner eigenen Geschichte auf der Spur ist.

Ihrer Vorliebe für Trilogien bleibt die Leiterin der Kunsthalle Tirol allerdings treu. Wobei die neue die große Frage aufwerfen soll, welchen Beitrag die Kunst leisten kann, die Problematiken des sozialen Miteinanders zu diskutieren. Um in dem mit „Bleiben in der Fremde“ betitelten Teil 1 in die 1970/80er-Jahre zurückzublicken. Als im westlichen Europa die Wirtschaft brummte, arbeitende Hände dringend gebraucht wurden, man allerdings oft nicht bedachte, dass man Individuen inklusive ihrer Geschichten und Kulturen ins Land holte.

Eindrucksvoll vorgeführt anhand von fünf künstlerischen Positionen, deren MacherInnen aus eigener Betroffenheit agieren. Hanefi Yeter etwa mit den Mitteln klassischer Tafelbilder. Deren naiv plakative, mit poetischen Details angereicherte Malweise eigenartig berührend zu den Geschichten kontrastiert, die hier erzählt werden. Von einem Leben zwischen Hoffnung und Resignation genauso wie gewaltsamem Aufbegehren.

Mit den Worten „Mein Name ist Ausländer“ beginnt ein Gedicht von Semra Ertan, die, obwohl erst im Alter von 15 Jahren nach Deutschland gekommen, ihre starken Texte sowohl auf Deutsch wie Türkisch gedacht bzw. geschrieben hat. Einige der 350 davon liegen in einer Vitrine genauso wie der Ausländerausweis der Künstlerin, die sich 1982 im Alter von nur 25 Jahren als Zeichen gegen den zunehmenden rechtsextremistisch aufgeladenen Rassismus in Hamburg öffentlich selbst verbrannt hat.

Mit Semra Ertans 1977 geschriebenem Gedicht „Unheimlich glücklich“ lässt auch ihre Nichte Cana Bilir-Meier ihren mehrteiligen Video-Essay beginnen. Inszeniert als ebenso poetisches wie hintergründiges Spiel mit der Bedeutung von Worten, die sehr viel mit existenziellem Fremdsein zu tun haben.

Für den Film „In der Fremde“ des in Wien lebenden Iraners Sohrab Shahid Saless sollte man viel Zeit mitbringen. Taucht der 1975 in Berlin-Kreuzberg gedrehte Streifen doch in Spielfilmlänge in die Tristesse des damaligen Gastarbeitermilieus ein. Die Einstellungen sind lang, die Akteure Laien, die Ästhetik erinnert an die der Filme Rainer Werner Fassbinders.

Nazim Hikmets Satz „Exil ist harte Arbeit“ hat die 1965 von Istanbul nach Paris emigrierte Künstlerin und Aktivistin Nil Yalter auf Posters mit Fotos von Menschen in der Fremde geschrieben. In großen roten Lettern auf Türkisch auf die hofseitige galeristische Außenwand, auf Englisch im unteren Foyer. Die MigrantInnen, die Yalter in kurzen Videos zu Wort kommen lässt, brauchen oft oft gar keine Übersetzung, um begreifbar zu machen, wie hart ihr „Job“ wirklich ist.

So eindrücklich die im Taxispalais zelebrierten Positionen auch sein mögen, vermisst man doch den Bogen zum Heute, hat das Thema des Fremdseins doch nichts an Aktualität verloren. Ein Einwand, den das KuratorInnenteam mit Hinweis auf Nr. 2 und 3 der Ausstellungsreihe allerdings relativiert. Man darf also gespannt sein.

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