Innenpolitik

Weiter Kritik an Pflegelehre

Jugendliche sollen durch Pflege nicht überfordert werden
© APA

Die geplante Einführung der Pflegelehre sorgt nach wie vor für Kritik. Unter anderem warnen Berufsvertretungen in Stellungnahmen zum entsprechenden Begutachtungsentwurf vor einer Überforderung von Jugendlichen und der weiteren Überlastung des aktuellen Personals. ÖVP-Staatssekretärin Claudia Plakolm hingegen sprach von einem "Meilenstein".

Die Pflegelehre ist Teil der im vergangenen Jahr vorgestellten Pflegereform. Sie soll ab Herbst 2023 als Ausbildungsversuch möglich sein und sechs Jahre nach Einführung evaluiert werden. Interessenten können sich für die Lehre zur Pflegefachassistenz (Dauer: 4 Jahre) oder für die Lehre zur Pflegeassistenz (3 Jahre) entscheiden. Für Tätigkeiten an Patienten ist aber ein Mindestalter von 17 Jahren vorgesehen. Erst danach sollen Jugendliche Schritt für Schritt an pflegerische Tätigkeiten herangeführt werden.

"Die für den Pflegeberuf, der eines sensiblen Umgangs mit und in der Intimsphäre von vulnerablen Menschen bedarf, erforderliche sexuelle und geistige Reife von Kindern und Jugendlichen im Alter von 15 Jahren kann nicht vorausgesetzt werden", schreibt der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverbandes (ÖGKV) in seiner Stellungnahme zur Novelle des Berufsausbildungs- bzw. des Gesundheits- und Krankenpflegegesetzes. Deshalb sei ja auch die praktische Ausbildung rechtlich erst nach Vollendung des 17. Lebensjahres erlaubt. "Lehrlinge können also in den ersten Lehrjahren bestenfalls als patient:innenferne Hilfskräfte eingesetzt werden. Das widerspricht dem Sinn einer dualen Ausbildung und fördert keineswegs die Attraktivität des Pflegeberufs. Eine hohe Drop Out-Rate als Folge ist prognostizierbar."

Ähnlich auch die Gesundheitsgewerkschaft in der GÖD: Dazu komme noch, dass die praktische Anleitung und Begleitung Auszubildender die Beschäftigten in der Pflege aufgrund des eklatanten Personalmangels schon jetzt vor große Herausforderungen stelle. Das duale System der Lehre mit rund 80 Prozent betrieblicher Ausbildung werde das diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonal "aufgrund der hohen Präsenz der Lehrlinge im Lehrbetrieb noch weiter an seine Grenzen führen". Die Gewerkschaft verweist auch darauf, dass mit der Pflegelehre die Ausbildungszeiten verdoppelt werden: "Die Ausbildung in der Pflegefachassistenz (PFA) dauert im Rahmen einer Lehre statt zwei vier Jahre und die in der Pflegeassistenz (PA) statt einem drei Jahre."

Beide Organisationen verweisen auch auf die erst kürzlich beschlossene Überführung der Schulversuche zu Fachschulen für Sozialberufe mit Pflegevorbereitung bzw. zu Höheren Lehranstalten für Pflege und Sozialbetreuung in das Regelschulwesen. Die "Alterslücke" zwischen dem Ende der Pflichtschulzeit und dem Einstieg in die Pflegeausbildung sei damit ohnehin geschlossen worden.

Kritik kam auch von der Arbeiterkammer (AK), die Einführung einer Pflegelehre sei "der falsche Weg". "Den Arbeitskräftemangel und die steigenden Kosten durch den Einsatz von Jugendlichen im Rahmen einer Lehrausbildung abzufedern, passt weder ins Lehrausbildungs-System noch eröffnet das jungen Menschen weitere Perspektiven. Es besteht vielmehr die Gefahr, dass Jugendliche überfordert und als billige Hilfskräfte eingesetzt werden", erklärte AK-Präsidentin Renate Anderl in einer Aussendung. Lehrberufe in der Pflege würden keine neuen Möglichkeiten bieten. Denn schon jetzt könne man nach der Pflichtschule eine BMS oder BHS mit Pflegeausbildung machen.

Auch das Rote Kreuz sieht den Start der Lehre "zum jetzigen Zeitpunkt kritisch", wie ÖRK-Generalsekretär Michael Opriesnig am Dienstag via Aussendung erklärte. Die Rahmenbedingungen seien noch nicht ausreichend geklärt. So lasse der vorliegende Entwurf u.a. noch offen, wie die Lehrpläne für die Pflegeassistenz bzw. Pflegefachassistenz in der Praxis umgesetzt werden sollen, heißt es auch in der ÖRK-Stellungnahme. Auch würden im Entwurf genaue Erläuterungen fehlen, welche Kriterien bei der Feststellung der Eignung einer Einrichtung als Lehrbetrieb herangezogen werden oder zu erfüllen sind. Vermieden werden müsse außerdem, die mobile Pflege und Betreuung von der Lehre auszuschließen, denn dann würde sie an Attraktivität für Berufseinsteiger verlieren, so das Rote Kreuz. Auch vermisst das ÖRK Informationen darüber, mit welchen Kosten die Ausbildungsstätten zu rechnen haben.

Die Diakonie warnt u.a. davor, dass die Pflegelehre zu einem zusätzlichen Abzug von Lehr- und Fachkräften führen könne, es müssten daher Vorkehrungen getroffen werden, um zusätzlichen Personalengpässen zu begegnen. Notwendig sei eine deutliche Steigerung der Attraktivität der Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen. Auch müsse bei der Pflegelehre jedenfalls die Durchlässigkeit zu anderen in der Pflege tätigen Berufen sichergestellt werden.

Unklarheiten im Entwurf beklagt auch die Volkshilfe - etwa bei der Frage, wer die Koordination der jeweiligen Praktika und die daraus resultierenden Kosten übernimmt. Offen sei auch, wer laut Gesetzesentwurf als Lehrbetrieb gilt. Es stellt sich die Frage, ob dies beispielsweise eine Volkshilfe-Landesorganisation oder ein Tageszentrum der Volkshilfe sein könne.

SOS Kinderdorf fragt sich als Kinderrechts- und Kinderschutzorganisation, was die Lehrlinge bis zum Alter von 17 Jahren machen sollen. Da der theoretische Ausbildungsanteil einer Lehre mit 20 Prozent definiert sei, würden 80 Prozent für praktische Tätigkeiten bleiben. "Wenn diese nicht am Patienten stattfinden dürfen, bedeutet das in der Praxis z.B. zwei Jahre putzen, Wäsche waschen und Essen bereitstellen."

Mit ähnlichen Argumenten ebenfalls kritisch sieht die Pflegelehre der Dachverband der österreichischen Sozialversicherungen - hervorgehoben wird auch die "Fragmentierung des Ausbildungsangebots". Unterstützung für die Pflegelehre kommt dagegen grundsätzlich von Wirtschaftskammer und Seniorenrat - letzterer macht aber ebenfalls darauf aufmerksam, dass es keinesfalls zu einer Überforderung der Jugendlichen kommen dürfe.

Jugend- und Zivildienst-Staatssekretärin Claudia Plakolm (ÖVP) bezeichnete die Pflegelehre am Dienstag als "Meilenstein" im Bereich der Berufsausbildung. "Wir schaffen damit den Lückenschluss bei jungen Menschen zwischen 15 und 17 Jahren im Bereich der praktischen Ausbildung." Bisher verliere man sehr viele Jugendliche im Sozialbereich, "weil sie mit 17 Jahren bereits mitten in einer Berufs- oder Schulausbildung sind und dann aus ganz pragmatischen Gründen nicht mehr in die Pflege wechseln", so Plakolm in einer Aussendung. Die Angst der Überforderung der Jugendlichen teilt sie nicht: "Es ist klar, dass wir einen 15-jährigen nicht in der Palliativpflege einsetzen werden können. Ich sehe aber nichts, was gegen eine altersentsprechende Pflegelehre spricht, wo wir junge Menschen Schritt für Schritt heranführen."

Die NEOS forderten hingegen, die "harsche Kritik der Fachleute" ernst zu nehmen "und einen Rückzieher machen". "Eine Pflegelehre ist der völlig falsche Weg - da sind sich alle, die sich auskennen, einig", so NEOS-Gesundheitssprecherin Fiona Fiedler. Sie verlängere nur die Ausbildungszeit und schaffe damit mehr Billigarbeitskräfte, "für die es nicht einmal genügend Ausbildnerinnen und Ausbildner gibt".

Verwandte Themen