Kultur Österreich

Bühnenmagier und Lebenskünstler: Justus Neumann ist 75

Justus Neumann ist auf Bruny Island glücklich
© APA

In den 70ern war er einer der führenden Schauspieler Wiens: Justus Neumann galt als Komödiant und Charakterdarsteller, spielte am Schauspielhaus "König Lear" und begeisterte mit Nestroy. Nicht das Staatstheater, sondern die Freiheit war sein Lebensziel. Mit seiner freien Gruppe "Narrenkastl" tourte er bis Australien. 1987 wanderte er nach Tasmanien aus. Dort feiert er heute, Dienstag, den 75er und ist trotz kürzlich erfolgter Operation gelassen und unermüdlich wie eh und je.

Nach einer Parkinson-Diagnose sei versucht worden, seinen Tremor in der rechten Hand mit einem Ultraschall-Eingriff in den Griff zu bekommen, erzählt Neumann im Telefonat mit der APA. Schon in den vergangenen Jahren gab es einige gesundheitliche Krisen zu überstehen, doch "zum ersten Mal, scheint's, gehts ans Eingemachte. Da kommt einiges auf mich zu, aber ich bin Optimist, das hilft."

Dabei hilft auch, dass er offenbar schon zu Lebzeiten sein privates und familiäres Paradies gefunden hat. Auf Bruny Island, einer kleinen Insel am Südzipfel Tasmaniens, hat sich der kreative Vielarbeiter den Traum eines selbstbestimmten Lebens in der Natur erfüllt und ein kleines Reich mit Obst- und Gemüseanbau, Tischlerei zur Herstellung von Möbeln und Souvenirs und ein paar Gästezimmern, die über Airbnb vertrieben werden, geschaffen. Mit seiner aus Hongkong stammenden Frau Eliza hat er die fünfjährige Tochter Franziska, eine Nachzüglerin nach drei bereits erwachsenen Söhnen, die die Vorschule besucht, ihn auf Trab hält und damit sein "Schlüssel zur Vollbeschäftigung" ist: "Auf der Familienebene schwimmen wir mit viel Fröhlichkeit und Verspieltheit in Harmonie den Bach hinauf."

Neumann hofft, im Herbst mit der Familie noch einmal in seine Geburtsstadt Wien kommen und viele alte Freunde besuchen zu können. Ab 1975 war Neumann hier unter Hans Gratzer eines der führenden Mitglieder des Ensembles des Schauspielhauses und spielte neben dem Lear u.a. in "Die Geisel" von Brendan Behan oder Nestroys "Höllenangst" und "Der Talisman". 1980 gründete er die Gruppe "Narrenkastl" und brachte mit ihr Produktionen wie "Das Liebeskonzil", "Mir soll ins Herz gestochen werden", "Sigmund (B) - ein Taucherdrama" und "Der futurologische Kongress" heraus.

Viele Jahre gab er auf Bruny Island Workshops, in denen es mehr um Kommunikation und Selbsterfahrung als um Theaterspiel ging (Motto: "Thinking strictly forbidden") und erarbeitete mit dem Schweizer Regisseur Hanspeter Horner Produktionen, die in Tasmanien häufig ausgezeichnet wurden - seine "Alzheimer Symphonie" gewann 2015 bei den "Errol"-Theaterpreisen gleich in sechs Kategorien - und, teilweise im eigenen kleinen Zirkuszelt, regelmäßig in Österreich gastierten. Dabei widmete er sich großen Stoffen wie der Bibel oder dem Gilgamesch-Epos und war 2011 mit seiner Adaption des Nibelungenlieds für einen Nestroy-Preis nominiert.

Wenn es seine Gesundheit erlaubt, möchte Justus Neumann im Oktober sein im Mandelbaum Verlag erscheinendes Hörbuch "Die alte Ballerina" in Wien persönlich vorstellen, für das sein Sohn Julius die Musik komponiert hat und das von Ina Peichl illustriert wird. "Ich hatte mich bemüht, etwas komplett Sinnloses zu schreiben. Das ist mir nicht gelungen. Es hat immer mehr Sinn bekommen." Im Traum erfährt eine alte Ballerina, dass ihr Leben nicht mehr wichtig ist und dass auch das Sterben schön sein kann. Wenn er über den Tod spricht, wirkt Neumann völlig gelassen, wenn er über eine mögliche Bühnenumsetzung seiner Geschichte spekuliert, lacht er: "Das könnte man mit einer Besetzung von zwei bis zwanzig Schauspielern aufführen. Es kommen etwa zehn besoffene Spatzen in Weinflaschen vor und ein Krokodil. Es ist eigentlich ein Bilderbuch."

Vielleicht könne er in Wien noch eine Lesung aus "Die alte Ballerina" machen, hofft er. Theaterspielen könne er allerdings wohl nicht mehr. "Ich kann mir den Text nicht mehr merken. Aber ich habe keine Wehmut. Ich hab' Erfolg gehabt - alles wunderbar. Das Theater ist vorbei. Was nicht vorbei ist, sind die Geschichten und die Bilder."

Bilder sollen Justus Neumann überdauern. Mit seinem Freund (und Nachbarn auf Bruny Island) Wolfgang Kalal hat er Fotoserien gemacht, die "den letzten Tag im Leben des Justus Neumann" illustrieren und zusammen mit Texten ein pralles Kompendium an Sinn und Unsinn ergeben sollen, das er der Welt hinterlassen will. Ein passender Verlag dafür wird noch gesucht. Und was sagt Neumann, diese unnachahmliche Mischung aus Bühnenmagier und Lebenskünstler, Philosoph und Handwerker, Aussteiger und Weiser, über gegenwärtige und sich anbahnende Katastrophen unserer Zeit? "Das Unglück ist unser Lehrmeister. Ich glaube, dass alles einen Sinn hat. Nichts ist ohne Bedeutung."

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