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Neu: Scharangs "Geschichte vom Esel, der sprechen konnte"

Michael Scharang hat seine Lebensgeschichte fiktionalisiert
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In seinem 2020 erschienenen Roman "Aufruhr" träumte Michael Scharang den Traum von der friedlichen Revolution und verband Gesellschaftskritik und Schelmenroman. Drei Jahre später scheint er auf den Spuren von Jean de La Fontaine zu wandeln. "Die Geschichte vom Esel, der sprechen konnte" ist unzweifelhaft eine Fabel. Aber sie ist auch eine fiktionalisierte Autobiografie. "Es vermischt sich schon stark", gibt der 82-jährige Autor im Gespräch mit der APA zu.

"Ich bin davon ausgegangen, dass ich in einer Zeit lebe, in der sich die Dinge nicht zum Besseren wenden. Da habe ich drei Möglichkeiten: mich mit der Realität abzufinden, die Realität zu kritisieren oder eine bessere Welt zu erfinden. Damit sind wir schon mitten im Märchen. Also habe ich einen Esel erfunden, der die Möglichkeit zu sprechen hat und alles so einrichtet, dass es gut ausgeht", sagt Scharang. Unzweifelhaft hat er viel mit seiner Hauptfigur Moritz gemeinsam, dem die Leser ab dem Alter von fünf Jahren folgen, und der im Februar 1945 auf einem steirischen Bauernhof einen kleinen, vernachlässigten Esel findet. Das Tier spürt die Gefahr kommender Bomben, hält Moritz und dessen Großmutter vom Abstieg ins Tal ab und wird so zum Lebensretter. "Das ist schon mal Fiktion", meint der Autor, der in Kapfenberg geboren wurde.

Der Esel wird fortan zum Ratgeber und Gesprächspartner von Moritz, zum Kameraden, Schutzengel, Lehrer und Lektor gleichermaßen, er ist gleichsam der gute Geist, der lenkend ins Leben des Buben eingreift. "Ohne Esel kommt man nicht durchs Leben, könnte man sagen", schmunzelt Scharang, der bis auf einen Freund in Kindheitstagen mit niemandem einen derart engen Austausch gepflogen hat und dennoch mit den Entwicklungen, die sein Leben und seine Karriere auch ohne Esel genommen hat, zufrieden scheint. "Es ging bei mir auch so ganz gut. Ich wundere mich heute noch", lacht er.

Manches weiß man aus Scharangs Biografie, seine Herkunft aus einer Arbeiterfamilie etwa ("Daheim gab's kein einziges Buch."), seine Verehrung für die Hausgötter Robert Musil und Karl Kraus, oder seine Erfolge mit Romanen, deren Helden aus der Arbeitswelt kamen und sich politisch und gewerkschaftlich engagierten. Viele andere Details und Episoden aus Moritz' Leben, dem man über fast 400 Seiten und viele Lebensjahrzehnte folgt, sind ebenfalls der Wirklichkeit nachgebildet, erzählt der Autor beim Besuch in einer Reihenhaus-Siedlung in Wien-Floridsdorf, wo er die Corona-Zeit gut überstanden hat. Sein Vater sei wirklich von der Gestapo verhaftet und von den Russen befreit worden, auch der tragische Tod seines drogensüchtigen Sohnes hat Eingang ins Buch gefunden.

Hatte Michael Scharang vielleicht als Kind einen Esel, dem er nun ein Denkmal setzen wollte? "Nein, bei uns in Kapfenberg gab's nur Hühner und Hasen. Für die Geschichte war aber der Esel das einzige Tier, das infrage kam. Er ist störrisch und klug zugleich." Zu Scharang, der aus seiner linken Weltanschauung nie ein Hehl gemacht hat, sich aber selten mit seinen Ansichten auf irgendeiner verordneten Parteilinie befand und sich in so manchem Disput Feinde gemacht hat, scheint er jedenfalls gut zu passen.

Den Führungsstreit in der SPÖ nennt er "eine fürchterliche Geschichte" und "ein Debakel", bei dem aber Pamela Rendi-Wagner seiner Ansicht nach am Ende die besseren Karten haben dürfte. "Karl Kraus hat die Sozialdemokratie eine staatliche Institution zur Vergeudung revolutionärer Energie genannt. Daran hat sich nichts geändert." Der Rechtsruck in Europa werde sich fortsetzen, glaubt das ehemalige KP-Mitglied. "Die Linke sollte sich darauf einstellen und sich neu organisieren. Ihre Zeit wird wieder kommen. Die Fakten sprechen für sie."

Scharangs eigene Zeit ist noch lange nicht vorbei. Er spiele wieder einmal in der Woche Tennis und auch gelegentlich ein wenig Geige (überflüssig anzumerken, dass auch Moritz ein begabter Geiger ist), und sei beim nächsten Roman, der bereits in einem Jahr erscheinen soll, bereits "ziemlich am Ende", sagt er: "Die Flüchtlinge von Ratz" spielen in einer bereits fast ausgestorbenen niederösterreichischen Stadt an der Grenze zu Tschechien, die von illegalen Flüchtlingen in eine neue Blüte geführt wird. "Ein richtiges Märchen ..." Damit nicht genug: Geplant sind drei von Alfred Noll herausgegebene Essaybände und auch schon ein weiterer Roman. "Das wird etwas ganz anderes, nämlich mein erster historischer Roman. Er wird 'Johann Strauß Sohn oder die Geburt des Walzers aus der Dampfmaschine' heißen - oder so ähnlich."

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Michael Scharang: "Die Geschichte vom Esel, der sprechen konnte", Czernin Verlag, 384 Seiten, 28 Euro)

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